#Titel Lifestyle / Musik / Keith Jarrett: Tokyo '96 #Logo gadget36:Pinsel/AG.Lifestyle #Font Losse 16 #C31 Das Trio als perfekte Form der Familie #Font topaz 8 #C21 Was macht man, wenn man nach eigenem Bekunden ein "Meister-Jazz-Musiker" ("a master jazz musician"!) ist, und mit seinem letzten Album auch von der Kritik noch alle denkbaren Auszeichnungen nachgeworfen bekommt? In dieser Situation befand sich der amerikanische Pianist Keith Jarrett, Zugpferd des Münchner ECM-Labels, Solist des meistverkauften Jazzalbums ever und für sein 1996 auf sechs CDs veröffentlichtes Mammutwerk "K. J. at the Blue Note, N. Y." vom Downbeat Critics Poll als bester Pianist und auch gleich für das beste Album, in unseren Breiten mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik geehrter Übermusiker. Die Blue Note-tapes hatte Jarrett mit seinem Trio aufgenommen, und da er nun mal ein vielseitiger Kerl ist, spielte er inzwischen noch etwas Klassik, um dann 1997 mit dem Solo-Konzert "La Scala" noch einmal seine eigene Gigantomanie (auch finanziell) unter Beweis zu stellen. Aber wie bitte kann man an ein unvergleichliches Konzert anknüpfen - nicht zuletzt sein Trio dürfte Jarrett entscheidend zu dem Renomee eines ernsthaften Jazzmusikers für die 90er verholfen haben... Jarrett ging nach Japan; ein Land, daß ihm freundlich gesonnen ist und offenbar inspirierende Musen bereithält, denn wenn der Pianist wie 1972 zu den ebenfalls auf sechs CDs publizierten "Sunbear concerts" und 1987 zu dem "Dark intervalls"-Auftritt im Land der aufgehenden Sonne auftauchte, war gute Musik offenbar unabwendbar. Und jetzt durfte erstmalig das ganze Trio mit Gary Peacock am Bass und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette mitkommen... Besonders innovativ ist das vorgelegte Ergebnis nicht unbedingt. Es heißt in der Jarrett-typischen Unbescheidenheit einfach "Tokyo `96" und gibt vor, nicht mehr als biodiskographische Korrektheit zu sein. Trotzdem war dieser Auftritt natürlich eine neue Spitzennummer in Jarretts Lebenswerk, auch wenn einige Titel in den 90ern bereits vorgeführt wurden. Jarretts Musik-, und das ist immer auch sein Selbstverständnis, weicht dem Drang zu einem genialen oder auch halbwegs akzeptablen Nachfolger des "Blue Note" einfach aus. Er denkt in anderen Kategorien. Wenn er mit dem Trio seit 1983 die "Standards", jene großen Klassiker der amerikanischen Populärmusik, zum zentralen Punkt seines Tuns macht, geht es nicht um eine Geschichte des Jazz oder noch schlimmer sentimentale Schwelgereien zur guten alten Zeit. Das dem nicht so ist, belegt Jarrett hinreichend in seinen Solokonzerten, die sämtliche Musik der letzten eher mehr als weniger 200 Jahre vereinigen wollen. Auch seine Standards-Interpretationen sind von seiner hypertrophen Persönlichkeit durchdrungen. Jarrett geht einfach auf die Bühne, und in den Standards rollt er nicht einfach die Jazzgeschichte auf, er durchleuchtet sie und hebt sie auf ein neues Niveau (sic: an einem guten Tag). Es gibt kein Gestern und Heute, es gibt nur das Jetzt, die Magie des freien Spiels im Augenblick, die MUSIK im tiefsten Sinne, von der Jarrett sagt, daß sie immer da sei. Es gibt bei Keith Jarretts Musik das Spiel, es gibt ihn am Klavier, fertig! Seine Platten produziert er nicht wirklich in marktmusikalischem Sinne: er läßt alle seine Konzerte aufzeichnen, und nur die für würdig befundenen werden, posthum sozusagen, auf CD gepreßt, ein Dokument, aber kein Erlebnis, kein Ereignis mehr; nur noch die Außenwelt des Klangs. Jarrett, der sein letztes Studioalbum vor sieben Jahren aufnahm, belegt in seiner "Fusion" im anderen Sinn die Potenz der Improvisation als (natürlich! einzige) "Live"-Musik. Absatz. Bereits die Länge der Aufnahme zeugt von der Besessenheit, an die Grenzen des Möglichen zu gehen: 79 Minuten 7 Sekunden dauert die CD, und dabei ist der unabwendbare Applaus (recht untypisch) sehr zurückgeschnitten worden. Trotzdem kann die ganz große Innovation nicht mehr erfolgen, dafür waren die fünf Stunden im Blue Note bereits zu überwältigend, und Jarrett kann dem nicht abschwören. Hier hat er wohl gefunden, was er sucht. Klare Aussage: den "neuen Klang" im Jazz gibt`s gar nicht. "Tokyo `96" ist eine verkürzte Fassung mit einigen anderen Schwerpunkten. Da schwelgt Jarrett in "Never let me go", beschwört "Mona Lisa" oder zelebriert "Billie`s Bounce" von Charlie Parker. Neues? Der Pianist ist nicht in der Romantik verschwunden - nicht nur. Mit "Autumn leaves" und "Summer night" bringt er zwei bekannte Titel seines Repertoires, die verkürzt und beschwingt ausfallen. "It could happen to you" fügt sich nahtlos in die gefühlvolleren Nummern mit pianistischer Ekstase ein. Und wenn er die Titel "Last night when we were young" und "My funny valentine" als Sprungbretter der Eigenkompositionen "Carribean sky" und "Song" einsetzt, zeigt er, wie brilliant das Trio diese Übergänge mittlerweile gestalten kann, aber noch viel mehr, was er von sich selber hält - ein Klassiker zu Lebzeiten, ein Maßstab nicht etwa für andere (ih bewahre!), sondern vor allem: für sich selbst. "Billie`s bounce" ist ein echter Fetzer, und mit "I`ll remember April" lassen die drei Herren die bereits hinlänglich erforschte Tiefsinnigkeit über Bord gehen, um der reinen Spiel- und Lebensfreude zu huldigen. Dazwischen gibt es etwas wirklich Neues zu entdecken: mit dem Abschluß von "John`s Abbey" zeigt Jarrett das vielleicht erste Mal in seinem Werk echten HUMOR. Jarrett als Entertainer?!? Das Publikum wußte es zu honorieren, aber Jarrett "versteckt" dies zwischen seinen trancehaft anmutenden, rhytmischen Stücken "Carribean sky" und "Song". Derartiges hat er bereits etabliert ("For Miles", "The fire within", "Muezzin", "Desert sun"), und jetzt gilt es, die 25-Minuten-Improvisationen möglichst zu verkürzen. Siehe da: die Kunst der Aussparung beherrscht er auch. Auch wenn man wie ich der Meinung ist, daß Jarrett im Trio seine beste Einspielung bereits `83 mit "God bless the child" abgeliefert hat, trübt das die Freude an dieser in jeder Hinsicht überragenden Scheibe nicht. Der vorher inkorporierte Tiefgang ist abgeschüttelt, und fast scheint es, als würden Jarrett und Co die übermächtigen Erwartungen erst recht beflügeln. An diesem Abend gab`s alles: Feuer, Eleganz und Obsession. Die Ideen sprudeln wie wild, und sie fließen zwischen den drei Musikern in einzigartiger Weise. Natürlich läßt Jarrett mit ausladenden Soli und ekstatischem Geschrei keinerlei Zweifel aufkommen, daß er das medium coeli des Ganzen ist, aber ihm stehen zwei kongeniale "Partners" zur Seite: der selige Gary Peacock mit sensiblem und selbstbewußtem Baß und ein unnachahmlicher Jack DeJohnette, bei dem man sich nur fragen kann, mit wie vielen Armen er eigentlich spielt. Längst hat er die Funktion des Rhythmus im Sinne des Zeitmaßes vom Schlagzeug abgestreift, und was die Vielfalt und Innovation an Tönen angeht, tut er es seinem Meister gleich. Der zeigt sich mal wieder von besten Seiten, und belegt, daß seine Qualität insbesondere eine des Anschlags und damit auch eine sinnliche ist. Einzigartig, wie Jarrett sowohl rasend schnell, frei und dabei subtil spielt. Auch hier wieder glasklarer Klang beim hymnischen Geklimper in den höchsten Höhen. Offenbar ist es immer diese "musica metaphysica" (M. Naura), der Jarrett huldigt. Er wie DeJohnette flechten Exotisches in ihr Spiel ein, ohne dem "Tourismus-Jazz" anheimzufallen. Keine Frage, daß die drei gestandenen Herren auch die "Last night when we were young" in die Vollen gehen, anstatt schwindsüchtiger Sentimentalität zu huldigen. Das Jarrett seine Standarts spielt, ist ein (ein!) überzeugendes Argument gegen den schwelenden New age-Jazz, wobei er auf Ästhetik auch nicht verzichten mag. Die großen Fusion-Zeiten der 70er sind anscheinend passe (wie etwa: Jarrett & DeJohnette: "Ruta and Daitya"), aber Jarrett ergeht sich wohl lieber in wahrhaft künstlerischer und künstlicher Schaffenskraft als naturalistischer Lautmalerei. Der Maßstab hängt also eher höher denn niedriger. Und auch im nächsten musikalischen Gipfelerlebnis werden Keith und Konsorten wieder allen Profilneurotikern des Jazz zeigen, was wirklich gespielt wird. Noch was ganz anderes: ich hab` gesagt, das Album sei in jeglicher Hinsicht überdimensional, und leider trifft das auch für den Preis zu. Ehrlich gesagt, hab` ich keinen blassen Dunst, was den Herren von ECM da derzeit quer liegt. Erst hat man den Preis aller CDs auf 35,95 erhöht, wovon Verkaufsgaranten wie Garbarek oder Jarrett noch befreit wurden. Nunmehr zahlt man die handelsüblichen 33,95 nur noch für "Khmer", was bei einer Laufzeit von nicht mal 43 Minuten auch anders unverschämt wäre. Dafür sollen jetzt alle anderen CDs HIMMELSCHREIENDE 37,95 wert sein. Wiederum Ausnahmen für Leute wie Bj¢rnstad oder Jarrett mit "nur" 36,95. Dafür ward der Preis der Doppel-CDs auf 46,95 gesenkt... "...I don`t see any methods at all..." Aber seit Jahren scheint kein Newsletter mehr meinen Briefkasten erreicht zu haben - vielleicht waren extravagante Hochglanz-Gesamt-Prospekte nicht gerade der Weg zu erhöhtem Umsatz, sondern erhöhten Werbeausgaben... Das Blöde ist nur, daß diese Mucke irgendwie jeden Preis zu rechtfertigen scheint... #C31 © 1998 by Johannes Strauß