#Titel Lifestyle / Musik / Ketil Bj¢rnstad: The Sea II #Logo gadget36:Pinsel/AG.Lifestyle #Font Losse 16 #C31 Die See, Umweltschutz und Jazz #Font topaz 8 #C10 Ketil Bj¢rnstad/ David Darling Jon Christensen/ Terje Rypdal: The Sea II. ECM 1633 #C21 Soweit ich weiß, ist es im Jazz das allererste Mal, daß eine CD, die nicht Konzert oder Sampler ist, mit dem Signum der Fortsetzung erscheint.¹ Das Album heißt "The sea II" von dem norwegischen Pianisten Ketil Bj¢rnstad und schließt an die 95er "The sea" an. Eigentlich ist es unglaublich, daß diese CD existiert, denn Bj¢rnstad hat erst vor genau einem Jahr eine Scheibe hervorgebracht, und bei ECM wartet man in solcher Situation gewöhnlich gerne weitere 12 Monate. Wie man aber hört, hat ihn die Inspiration wieder heftig umworben. Dazu gaben sich die drei alten Mitstreiter wider ein Stelldichein: der Cellist David Darling, Schlagzeuger Jon Christensen und E-Gitarrist Terje Rypdal, auf ihren Instrumenten allesamt Giganten. Nach dem Duo mit Darling auf "The River" wollte Bj¢rnstad nicht schlicht wieder an die tosende "Sea" anschließen. Dabei scheint sich mit Cover-Foto und konkreten Titeln (ehedem schlicht The sea Part I - XII) der Vorgang des "Approaching the sea" (Abschlußtitel der Debutscheibe "Water stories" von 1993) abgeschlosssen zu haben. Diesmal ist die See etwas milder, aber ihre harte Natur scheint überall durch. Den Erfolg nutzt das Quartett nur als eine Definition des Horizontes, in dem sich tiefsinnig assoziieren läßt. Nach den obligatorischen fünf Sekunden Atmo steigen sie gleich ein in ein Stück, das ideal gewesen wäre für diese Szene in "Heat", in der De Niro Existenzkrisen mit seiner Freundin in finalen Treuebeschwörungen auflöst anstelle des vibrierenden Gitarren-Solos, das da `95 opportun schien... So weit ist das übrigens gar nicht hergeholt, denn sowohl David Darling ("Journal October") als auch Terje Rypdal ("Mystery man", "Last nite") sind im "Heat"-Soundtrack zu hören; und der Titel hätte atmosphärisch mit in Schönheit erstarrter Gefühlsurmacht gut zu der Szene gepaßt. Vielleicht gibt`s ja mal den Director`s cut...) Ketil Bj¢rnstad ist in Norwegen ein bekannter Konzertpianist klassischer und moderner Werke. Zudem verfaßt er Erzählungen und Essays. Seine produktivste Arbeitszeit liege im Winter, sagt er. Seine neue Platte ist selbstredend im Dezember aufgezeichnet worden: Bj¢rnstad stellt "The sea II" zwischen die umfangreichen Improvisationen des Vorgängers und das intime Duo "The River", ohne diese beiden Pole aufzugeben. Dieser Ansatz macht auch sein viertes Album wieder zu einem optimalen Konzeptalbum. Terje Rypdals saiten- und nervenzerrende Improvisationen wurden diesmal auf verschiedene Titel verteilt, die den Stücken mehr Homogenität geben, drei andere sind wieder als Klavier/Cello-Duo eingespielt. In dieser Bandbreite bestechen alle vier Musiker mit optimalem Spiel und genialer Feinabstimmung. Insbesondere Bj¢rnstad und Darling scheinen füreinander geboren zu sein. Jon Christensen trommelt subtil und einfühlsam seine binären Rythmen und schließt auf "The mother" an sein Spiel in Eberhard Webers "Touch" an. Terje Rypdal kommt etwas harmonischer daher, aber nicht weniger leidenschaftlich. So gelingen den Vieren Klangskizzen von berauschender Intensität. Ketil Bj¢rnstad hält sich völlig zurück, seine Kompositionen sind so reich an Aussparungen wie nie zuvor. Wiederum gelingen Stücke, die statisch, "gefroren", wirken und dabei getragen zu werden scheinen, auf Klangwolken vorbeischweben. Das Spiel der vier vollzieht sich immer wieder wendungsreich und überraschend bei einer Selbstverständlichkeit, die die überragende Nähe der Musiker ahnen läßt. Die Einsamkeit der Stimmung unterstreicht Jon Christensen mit schwerfälligen, percussiven Einwürfen. In Bj¢rnstads Musik herrscht eine unglaubliche, zwischen den langsamen Melodien verhaltene Intensität, die atemberaubend ist. Trauer und Freude erstarren in dieser Musik zu Klängen in Moll. Die Titel durchweht nordische Strenge, großer Ernst, eine unglaubliche Wärme, intellektuelle Kühle und Reinheit des Gefühls. Für die Menschen im Norden ersetzt die Intensität der Musik das Sonnenlicht, behauptete Paul Bley - das jedenfalls scheint zu stimmen. Und es kann nur gehört, nicht vermittelt werden. Die akustische und gedankliche Weite bringt die Musik zu einer subtilen Mischung aus Komposition und Improvisation - diese Grenze scheint hier, wie viele andere, aufgehoben. Die Unmittelbarkeit dieser Musik fängt (mal wieder) die Präsenz des Klangbild optimal ein. Insbesondere der Klang des Cellos könnte schwerlich besser sein. Das wird am Besten in den Duos "Song for a planet", "Agnes" und "December" deutlich, sie sind klangliche Meditationen. Die Duos sind dabei noch dunkler als auf "The River". Bei den beschriebenen Qualitäten klingt es oft so, als müßte diese Musik plötzlich ins Leere fallen und verstummen; aber die beiden Musiker können immer weitergehen. Zweifelsfrei: das verhaltene Klavier und Darlings Cello, das hier häufig an die Quelle vorstößt, aus der auch sein Solo-Album "Dark Wood" schöpfte, sind die schönste Entdeckung der 90er im Grenzland zwischen Jazz und Klassik. In anderen Titeln wie "Mime" oder "Consequences" geht es dann wild und rauh her, wenn Gitarre und Cello überborden und sich in höchste Höhen begeben. Diese frustrierenden Improvisationen zeigen aber bei aller Stimmigkeit deutlich, daß Bj¢rnstad hier nur eine aufgelöste Form ohne Inhalt bieten kann. Bei einigen geisterhaft gezeichneten Atmosphären wirkt das phantastisch, bei anderen um so weniger. Trotzdem gibt es keine Musiker, die so dramatische Klänge aufbauen können, um sie dann einfach, voller Wut und Trauer, in sich zurückfallen zu lassen. Wie schon auf den beiden vorher mit ihm entstandenen Alben gibt Terje Rypdal wieder Anlaß zur Beanstandung. Er spielt hier zwar wesentlich subtiler und verhaltener als auf "The sea", doch seine jaulenden und tobenden Improvisationen auf der Gitarre wollen zu Bj¢rnstads Musik, deren Intensität und Reiz in Mikrobewegungen liegt, nicht überall passen. Zudem wäre es interessant, wie eine neuerliche Integration eines Basses in diesem Kontext klingen könnte, in meinen Ohren hat Bj¢rnstad die bislang beste Melodieführung durch einen Baß zu verantworten ("The view II" auf "Water stories"). Der überwiegende Eindruck ist natürlich positiv, denn wie der Denker Bj¢rnstad, der Romantiker Darling, der Freidenker Rypdal und der immer kongeniale Christensen zusammen spielen, ist ohnegleichen. "The sea II" ist weniger anstrengend als der Erstling und weniger ästethisch als "The River". Zwischen diesen Alben schließt sich eine große Lücke, und die Sprödigkeit und Schönheit des Ergebnisses spricht für sich. Sicherlich ist diese Musik nicht jedermanns Sache - auf jeden Fall ein einzigartiges Hörerlebnis. Was eigentlich macht Jan Garbarek? Derzeit schaut er mal wieder in deutsche Lande, von `nem neuen Album ist aber demonstrativ nix zu sehen. Sein Landsmann am Klavier scheint ihm mit den letzten beiden Alben die Konzession für nordisch-traurig-strahlende Musik abzugraben. Und zwei Mitspieler aus Garbareks altem "Afric pepperbird"-Quartett sind auch mit ihm... Bj¢rnstads Themen, die Dualität von Land und Wasser und das Leben mit beiden, wirken naturalistisch. Tiefe Schönheit hat es ihm unverkennbar angetan, und es scheint keine bessere Inspiration zu geben als die nordische Landschaft. Dabei ist seine Musik auch gegen die Umweltverschmutzung gerichtet, die uns täglich umgibt: die akustische. #C31 © 1998 by Johannes Strauß #C10 ¹ Mal abgesehen von "Codona 1, 2, & 3" (ECM 1132, 1177 & 1243), aber das ist was anderes, weil die drei Musiker Collin Walcott, Don Cherry und Nana Vasconcelos selber namensgebend für Gruppe wie alle drei Alben waren. Zumindest die thematische Kontinuität steht damit gar nicht zur Debatte.