#Titel Politik / Tierschutz / Putenglück auf grüner... #Logo gadget39:Pinsel/AG.Politik #Font Losse 16 #C31 Putenglück auf grüner Wiese #Font topaz 8 #C21 Schmerzhafte Brustblasen, gekürzte Schnäbel, Federpicken und Kannibalismus. Schlagworte für die intensive Putenmast. Dass es auch anders geht, zeigt der Einsatz alter robuster Landrassen, die bei (fast) jedem Wetter draußen sein können. Neugierig recken die Puten die Köpfe. Vereinzelt auf der Weide liegende Tiere stehen auf und blicken in Richtung Motorengeräusch. Trotz der Hitze, um 11 Uhr morgens sind es bereits 28 Grad, laufen die Puten zum Zaun und der Menschengruppe, die sich dort aufstellt. Mitarbeiter der Tierhilfswerke besuchen die Freiland Puten Fahrenzhausen GmbH. Zwei Landwirte haben sich im Norden von München zusammengetan, um zu zeigen, dass auch die als em­ pfindlich angesehenen Puten im Freien gehalten werden können. Dass es auch anders geht, als es die meisten Putenhalter vormachen. "Im letzten Winter hatten wir knöcheltief Schnee auf der Weide, die Puten rannten trotzdem he­ raus und erkundeten neugierig das Gelände, wie jeden Morgen", so Puten­ halter Dr. Martin Bohm inmitten seiner 600 Tiere starken Herde. #C10 Eine Frage der Rasse #C21 Die heutzutage in der konventionellen Putenhaltung am meisten verwendete Putenrasse ist die B.U.T. Big6. Rapider Fleischansatz, vor allem im Brust­ bereich, hat die Big6 zum Renner unter den Masthybriden gemacht. Rennen oder Laufen ist den Hähnen im schlachtfähigen Alter von 20-22 Wochen kaum noch möglich. Knochen- und Knorpelaufbau sind dem schnellen Wachstum nicht nachgekommen, die Puten weisen Beinschwächen auf, knicken ein und bleiben zum Teil ganz liegen. Ein Martyrium für den lauffreudigen Vogel. Das häufi­ ge Liegen auf der zum Teil nassen und harten Einstreu verursacht schmerz­ hafte Brustblasen. Qualvolle Enge im Stall und kaum Bewegung führen zu Herz- und Kreislauferkrankungen. Eine Alternative kommt aus England. Dr. Bohm aus Fahrenzhausen, seit 20 Jahren im Putengeschäft, hält seit 1979 nur noch Kelly-Bronzeputen. Eine langsam wachsende und robuste Landrasse, die auch im Regen und Schnee einen vitalen Eindruck macht. Bereits bei der Aufzucht zeigen sich die Unterschiede. Nach nur 12 Tagen werden jetzt im Sommer die Gasstrahler ausgestellt, die Jungtiere brauchen keine weiteren Wärmequellen. Ab der fünften Woche können die Puten nach draußen, sie haben die Wahl, ob sie in den Stall oder auf die Weide wollen. #C10 Wechselweide #C21 Alle zwei bis drei Wochen wird der Elektrozaun ein stück versetzt und fri­ sche Wiese steht den Tieren zur Verfügung. Zusätzlich zum Gras gibt es Öko- Futter. Erbsen, Roggen und Weizen aus Naturland-Betrieben. Antibiotikagaben als Futterzusatzstoffe sind ein Fremdwort in dieser Form der Putenhaltung. Ein selbst gebauter Stall aus Strohballen in der Mitte der Weide gilt als Demonstrationsobjekt für neue Ideen in der Landwirtschaft. Bei einem kom­ pletten Wechsel der Weide kann der Stall einfach versetzt werden. Ein Last­ wagenanhänger, der vom Trecker verschoben werden kann, dient als Wasserre­ servoir. Einfach und wirkungsvoll. Im Winter gibt es allerdings noch Pro­ bleme. Bei Minusgraden friert der Tank zu. Erhöhter Arbeitsaufwand muss diesen Nachteil ausgleichen. Jeden Tag wird frisches Wasser vom Hof zu den Weiden geliefert. #C10 Intakte Schnäbel #C21 Mittlerweile haben sich fast alle Puten am Zaun versammelt. Das schwarz- bronzene Gefieder glänzt im Sonnenlicht. Vielleicht nicht gerade die beste "Kleidung" für diese Temperaturen. Zwei kleine Grüppchen kümmern sich auch überhaupt nicht um unseren Besuch und bleiben lieber im Schatten des Was­ serwagens und des Strohballens liegen. Die Tiere hecheln stark. Vereinzelt sind kleine Gefiederschäden im Halsbereich zu erkennen. "Wahrscheinlich liegt es noch an der Futterzusammenstellung und am Salzgehalt", erläutert Bohn. "Da sind wir noch am ausprobieren", so Bohn weiter. Federpicken oder Kannibalismus kommen jedoch nicht vor, obwohl die Schnäble im Gegensatz zur konventionellen Haltung ungekürzt sind. Da die Tiere ein Großteil des Tages mit der Nahrungssuche und -aufnahme beschäftigt sind und es auf dieser Wei­ de genug zu tun gibt, bleiben kaum Möglichkeiten zum Angriff auf den Art­ genossen. #C10 Verbraucherverhalten #C21 Den Verbraucher glauben Bohn und sein Kompagnon Anton Pflügler auf ihrer Seite. Der Hauptabnehmer ist ein bekannter Babynahrungshersteller. Der Rest wird über Direktvermarkrung und Bioläden vertrieben. Reste von schwarzen Federkielen, die sich auf der Haut befinden können, haben sich mittlerweile als Vorteil herausgestellt. Die anfängliche Angst, daß sich der Verbraucher davon abschrecken ließe hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil, selbstsicher betont Bohn: "Das ist unser Ökosiegel. Jeder Käufer weiss, dass dieses Fleisch nur von einer gesunden Freiland-Bronze- pute stammen kann." Absatzschwierigkeiten gibt es bis jetzt nicht. Und das bei einem Preis von derzeit 14 Mark pro Kilo. Die Puten haben sich mittlerweile wieder alle in den Schatten zurückgezo­ gen. Die Neugierde scheint befriedigt bis die nächsten Besucher kommen. #C31 WAS SIE TUN KÖNNEN: ------------------- #C21 Wenn es Pute sein muss, dann greifen Sie auf Angebote aus tiergerechter Haltung zurück. Das Angebot ist derzeit leider noch gering. Fragen Sie bei Ihrem Metzger, wo er das Putenfleisch herbekommt und verzichten Sie bei mangelhafter Auskunft. #C10 Artikel entnommen aus: Mensch&Tier 4/98 des Deutschen Tierhilfwerkes e.V. Uwe Zemke