#Titel Jokes & Stories / Die Welt #Logo gadget39:Pinsel/AG.J&S #Font Losse 16 #C31 Die Welt. Geschichte eines Markenprodukts #Font topaz 8 #C21 Es ist jetzt an die 6.000 Jahre her, dass die Firma JAHWE ihr umfangreiches Hard- und Softwarepaket »Welt« vorschnell auf den Markt warf. Über die Hintergründe dieses übereilten Schritts kann mangels Insiderinformationen nur spekuliert werden, doch ist anzunehmen, dass dabei das Bestreben eine Rolle spielte, die Monopolstellung von JAHWE zu festigen, die durch eigenständige Entwicklungen der von Konzernaussteigern gegründeten Newcomerfirma Satan (»Nur echt mit dem Huf!«) gefährdet war. Wie es bei Monopolisten leider üblich ist, war bei JAHWE schon ein ziemlicher Schlendrian eingerissen, so dass die Erschaffung der Welt, die immerhin eine völlig neue Qualität in der Kosmogonie bilden sollte, keineswegs harmonisch verlief. Dabei handelte es sich doch um einen äußerst kühnen Ansatz, dessen Ausführung wegen der vielen Unwägbarkeiten eigentlich höchster Sorgfalt bedurfte. Aber mit der Arroganz des Marktführers ließ das Haus JAHWE sich durch nichts beirren, und die Ereignisse schienen ihm anfangs auch Recht zu geben. So schied JAHWE bereits in einer relativ frühen Entwicklungsphase das Licht von der Finsternis. Auch alles weitere ließ sich vielversprechend an, und JAHWE sah, dass es gut war. Übermütig geworden, ließ sich die Chefetage schließlich dazu hinreißen, ein Releasedatum anzukündigen, bei dem sich den eigenen Entwicklern das Gefieder ihrer blütenweißen Flügel (Hauptpfeiler der corporate identity bei JAHWE) sträubte. Im Konzern brach das Chaos aus. Die Hektik führte zu so manchem vermeidbaren Missgriff (Saurier, Mücken), und der Veröffentlichungstermin rückte unerbittlich näher. Schon bald zeichnete sich ab, dass das ehrgeizige Ziel nur mit Überstunden und Feiertagsarbeit zu erreichen war, doch da legte sich der Betriebsrat quer - am siebenten Tag wird geruht, das war ehernes Firmengesetz, und daran ließ man auch nicht wegen ein paar vorlauter Manager rütteln. Nun ging aber bei JAHWE der Betriebsfrieden über alles, denn man wusste im Vorstand sehr wohl, was man an seinen motivierten und erfahrenen Mitarbeitern hatte. Außerdem stand Satan schon auf dem Sprung; das Insiderwissen von ein paar im Zorn ausgeschiedenen Geflügelten hätte man sich dort natürlich etwas kosten lassen. Also wurde die Devise »Augen zu und durch!« ausgegeben, und nach der Arbeitsruhe am siebenten Tag gab JAHWE - wenn auch mit einigem Herzklopfen - »Welt« frei, in der Hoffnung, es werde schon gutgehen und die Kundenschaft lasse sich durch die in der Tat beeindruckenden Leistungskennziffern und neuartigen Features von »Welt« über eventuelle Startschwierigkeiten hinwegtrösten. So wurde ein System auf den Markt geworfen, das das Beta-Stadium noch längst nicht verlassen hatte. Als kennzeichnend für das katastrophale Qualitätsmanagement bei JAHWE kann gelten, dass »Frau« - für Systemwartung, Backup und Restore zuständiges Modul des Systemprozesses »Mensch« - in der ersten veröffentlichten Version schlichtweg vergessen worden war, so dass sich der Systemkernel (»Krone der Schöpfung«) schon bald von selbst zu terminieren drohte. Stillschweigend schob JAHWE kurze Zeit später auf Kulanzbasis »Frau« nach, auch wenn das ganz schön an die Substanz ging - eine Rippe musste immerhin dran glauben. Nun schien alles in bester Ordnung, zumal JAHWE mit der Freigabe von »Welt« ein Garantiekonzept verbunden hatte, das seinesgleichen suchte: Bei jedem auftretenden Problem sollte man sich direkt an das Haus JAHWE wenden, das treuen Kunden umfassende kostenlose Hilfe durch qualifizierte Serviceleute, nötigenfalls sogar durch den Vorstand versprach. Freilich war dieses großzügige Angebot daran gekoppelt, dass man sich JAHWE mit Haut und Haaren auslieferte und die Konkurrenz nicht mal eines Blickes würdigte, aber wer wird dem Marktführer schon solches Vertrauen verweigern? Doch »Welt« schleppte als Erbteil der überstürzten Entwicklung zahlreiche Bugs und selbst ausgewachsene Schlangen mit sich herum, die schon nach wenigen Jahrzehnten die Stabilität von »Welt« bedrohten. Nachdem Hacker unter Ausnutzung einer solchen Schlange sogar zur zentralen Systemdatenbank »Baum der Erkenntnis« vorgedrungen waren, zog JAHWE die Notbremse. Vorstandssprecher Gabriel (das Suffix »-el« kennzeichnet ja bis heute Personen von höchstem Einfluß; stellvertretend für andere seien hier Hans-Olaf Henkel und Angela Merkel erwähnt) konfigurierte »Welt« persönlich so um, dass Unbefugten der Zugang zu wichtigen Systemressourcen (»Eden«) endgültig versperrt wurde. Die Attraktivität von »Welt« nahm durch diesen radikalen Schnitt freilich beträchtlichen Schaden, wovon die Konkurrenz - angeführt vom agilen Satan - in der Folgezeit nicht wenig profitierte. Überhaupt bewies JAHWE bei der Systemwartung selten eine glückliche Hand. Einige Tochterprozesse von »Welt« entwickelten ein starkes Eigenleben, was JAHWE regelmäßig zu Panikreaktionen veranlasste. Getreu dem Grundsatz »Only the paranoid survive« war der Kundendienst schnell mit dem Taskmanager bei der Hand, wenn etwas schieflief. Brachte ein Tochterprozess nicht binnen kürzester Zeit zehn Gerechte hervor, wurde mit Virenkillern wie dem berüchtigten »Feuerregen« dazwischengehalten, dass es nur so rauchte. Vor allem die Fälle »Sodom« und »Gomorrha« sind Eingeweihten noch in übler Erinnerung, zumal sich danach auch so mancher Gerechte nicht mehr aktivieren liess - jeder kennt heute das Phänomen der Salzsäule. Als sich die Beschwerden häuften und »Welt« völlig aus den Fugen zu geraten drohte, entschloss man sich bei JAHWE zu einem Schritt, der die Radikalität der Neukonfiguration durch Gabriel noch in den Schatten stellte und dessen Erfolg in Fachkreisen bis heute umstritten ist. Völlig überraschend wurde die insgeheim entwickelte, gründlich überarbeitete und an vielen Stellen verbesserte Version Welt/2 angekündigt. Die Freude über das längst überfällige Upgrade schlug in blankes Entsetzen um, als bekannt wurde, dass die Einführung von Welt/2 mit einer Neueinrichtung sämtlicher Datenträger (»Sintflut«) verbunden sein würde. Doch JAHWE wiegelte ab: Seit Jahren kooperiere man mit einer kleinen, aber soliden Firma namens »Noah«, die auf solche Aufgaben spezialisiert sei. Man habe Noah auch mit dem nötigen know how ausgestattet, um alle wichtigen Daten während der Sintflut auf dem neuentwickelten Backupmedium »Arche« zu sichern. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Noah zeigte sich der Komplexität der Aufgabe in keiner Weise gewachsen. Zwar erwies sich »Arche« als stabil und zuverlässig, war jedoch viel zu klein, um tatsächlich alle Datenbestände über die Sintflut hinwegzuretten, zumal Firmengründer Noah sen. in einem Anfall von Größenwahn meinte, auf eine Komprimierung verzichten zu können. Auch wurde selbst in der Endphase der Sintflut noch so mancher wichtige Prozess terminiert, als der völlig überforderte Chef aufs Geratewohl mit der Installation von Welt/2 begann. Seine stümperhaften Versuche mit der Taube trugen ihm den Spott der Kollegen ein. Und als ob das nicht genügte, setzte er schließlich auch das Restore in den Sand, was als »Strandung auf dem Ararat« verhöhnt wurde, denn es war schon der seemännischen Glanztat eines Schiffbruchs im Hochgebirge zu vergleichen, wenn jemand nicht mit der zu Recht als narrensicher geltenden Arche zurechtkam. Übrigens treten bei der Wartung der Datenträger selbst heute noch gelegentlich nichtverkettete Überreste der alten Bestände zutage, die im Jargon der JAHWE-Mitarbeiter abschätzig als »Fossilien« tituliert werden - zeugen sie doch von der größten Blamage der Firmengeschichte. Auch nach dem Kraftakt der Sintflut nahmen die Probleme mit »Welt« kein Ende. Bei JAHWE waren unterdessen etliche Köpfe gerollt (um beim Konkurrenten Satan wieder anzuwachsen), und schließlich entschloß man sich zu einer Kehrtwende im Servicekonzept. Statt des von vielen Anwendern inzwischen als Bevormundung empfundenen Kundendienstes oder gar einer neuen Systemversion - der bloße Gedanke löste so manchen Herzinfarkt aus - setzte man nunmehr auf Kooperation mit den Nutzern, denen ein neuartiges Servicepaket an die Hand gegeben wurde, das eine Harmonisierung der Abläufe in »Welt« ermöglichen sollte und dem Kunden die selbständige Lösung fast aller Probleme versprach. Soweit zumindest die Theorie. Doch die Verhältnisse hatten sich seit der Schöpfung doch sehr geändert. Die Konkurrenz war erstarkt und hatte ihre Maulwürfe längst in der JAHWE- Zentrale plaziert, so dass sie bereits über alle Einzelheiten des unter der internen Bezeichnung »Messias« laufenden Projekts informiert war, bevor die Angelegenheit überhaupt spruchreif wurde. Hinzu kamen gezielte Indiskretionen von sich übergangen fühlenden JAHWE-Mitarbeitern, die bei den Anwendern eine geradezu hysterische Stimmung schürten. Als »Messias« dann auf sich warten ließ, schlug die Erwartung in Enttäuschung um. JAHWE war nämlich - der Pannen bei Schöpfung und Sintflut eingedenk - geradezu übervorsichtig geworden und schob das Erscheinen von »Messias« immer wieder hinaus. Dieser Perfektionismus zur falschen Zeit sollte sich rächen: Als es endlich soweit war, wollte kaum noch jemand etwas von »Messias« wissen, und die Konkurrenz hatte bei der Sabotage von JAHWEs Plänen leichtes Spiel. Schon die Vorstellung von »Messias« stand entgegen anderslautenden Berichten unter keinem guten Stern. Ein gewisser Herodes - nach manchen Quellen ein enttäuschter JAHWE-Großkunde, nach anderen Angaben ein Strohmann der Konkurrenz - lief kurz vor der Pressekonferenz Amok und erschlug zahlreiche kleine Anwender von »Welt«, die die Neugier und die Aufforderung, sich als Anwender registrieren zu lassen, nach Bethlehem gelockt hatten. Zwar verhinderte die kurzfristige Verlegung der Präsentation in ein Wüstenkaff den totalen Reinfall, aber das Echo auf das als Zeitenwende angepriesene Servicerelease fiel unter diesen Umständen natürlich äußerst dürftig aus. Die meisten Medien glänzten durch Abwesenheit, denn für sie gab es aus Bethlehem Ergiebigeres zu berichten. Erstaunlich, dass in dieser Situation überhaupt drei potentielle Großkunden den Weg zur Präsentation fanden. Diese waren freilich durch die unbestreitbaren Qualitäten von »Messias« schwer beeindruckt und unterstützten das unter so heftigen Wehen zur Welt gekommene Projekt mit erheblichen Mitteln. So kam die Kampagne doch noch in Schwung und begann zunehmend erfolgreich zu arbeiten. Untrügliches Indiz dafür waren die Abwerbeversuche der Konkurrenz, wobei sich Satan wieder in unrühmlicher Weise hervortat. Ausgerechnet jetzt verließ JAHWE der Instinkt. Mitten in dieser kritischen Phase, kurz vor Erreichen des break-even-points, wurde ein völliger Wechsel in der Firmenstrategie beschlossen. Sei es, dass man den Herodes- Schock nicht verwunden hatte, sei es, dass man angesichts dürftiger eigener Gewinnmargen dem Handel seine Spanne neidete - mit einem Schlag kehrte JAHWE seinen Großhändlern und Firmenkunden den Rücken und wandte sich statt dessen seinen treuen kleinen Endanwendern zu. Dank »Messias« sollte »Welt« fortan für alle da sein. Und man beließ es nicht bei Ankündigungen: Großhändler und Anbieter von Schulungskursen, die an den Unzulänglichkeiten von »Welt« eine goldene Nase verdient hatten, wurden mit Schwung vor die Tür gesetzt und Messias ging nunmehr direkt an die Endkunden heraus. So nobel diese Geste auch wirken mag - ihre Folgen waren fatal, denn JAHWE hatte die Marktsituation völlig falsch eingeschätzt. Da obendrein die Öffentlichkeitsarbeit vernachlässigt worden war (eine alte Schwäche von JAHWE - man denke nur an die obskuren Umstände, unter denen Moses die Benutzerhandbücher an den Großkunden Israel herausgab!), erfuhren die meisten Anwender erst von ihrem Glück, als es bereits zu spät war. Wutschnaubende Händler und Dozenten, von Satan aufgeputscht und wohl auch geschmiert, machten Jagd auf Anwender, die vor die Wahl gestellt wurden, Knebelverträge mit ihnen abzuschließen oder ihren Datenträger löschen zu lassen. Der unglückliche Leiter des »Messias«-Projekts wurde von um ihre Pfründe bangenden Systemadministratoren gelyncht. JAHWE musste mitansehen, wie sein größter PR-Coup von seinen alten Gegnern gegen ihn gewendet wurde. Seither ist es ziemlich still um die Traditionsfirma geworden. Nur wenige können sich rühmen, einen direkten Draht in das renommierte Systemhaus zu haben, während Otto Normalanwender darauf hoffen muss, von Händlern, Dozenten und Administratoren nicht allzusehr übers Ohr gehauen zu werden, wenn er ihnen seine bescheidenen Wünsche an »Welt« anvertraut. Besserung ist derweil nicht in Sicht; die Konkurrenz kocht offenkundig auch nur mit Wasser, wie das zum Teil klägliche Scheitern ihrer stets mit üppigem Vorschußlorbeer bedachten Projekte zeigt - erinnert sei an M/L, auf dessen steilen Höhenflug bekanntlich ein ebenso jäher Absturz folgte. Dass JAHWE seit nunmehr zweitausend Jahren auf jegliche Weiterentwicklung von »Welt«, ja sogar auf überfällige Bugfixes verzichtet und lieber die Unzufriedenheit der Kunden und den Vormarsch der Konkurrenz in Kauf nimmt, gibt Anlass zur Sorge. Manche Analysten unken sogar, dass man bei JAHWE das einstige Standbein der Firma bereits endgültig abgeschrieben habe. Doch davon sollte man sich nicht irremachen lassen, denn der Pferdefuß, Satans Wappen, lugt allzu deutlich hinter den Gerüchten hervor. Es spricht vielmehr alles dafür, daß JAHWE unter Hochdruck an Welt/3 arbeitet, womit dann sicher wieder einmal alles besser werden soll. Geht man von den bisherigen Produktzyklen aus, dürfte es schon in nächster Zeit soweit sein. Der 31. Dezember 1999 drängt sich als Releasetermin förmlich auf, schließlich könnte das Jahr-2000-Problem auf diese Weise elegant umschifft werden. Hoffentlich stützt man sich bei JAHWE dann nicht wieder auf überforderte Anfänger wie Noah.