#Titel Politik / Gesellschaft / Vive la Maßband! #Logo gadget38:Pinsel/AG.Politik #Font Losse 16 #C31 Sprachpolizei in Québec: Vive la Maßband! #C21 #Font topaz 8 Norman Goldberg darf weiter ein »florist« bleiben. Er muss kein »FLEURISTE« werden. Obwohl das Gesetz es so vorschreibt. Mr. - oder Monsieur? - Goldberg ist Blumenhändler in Québec, Kanadas überwiegend französischsprachiger Provinz. In Québec gibt es ein Gesetz zum Schutz der französischen Sprache. Und eine Behörde, die auf die Einhaltung dieses Gesetzes achtet, die Commission de Protection de la Langue Française, im Volksmund: Sprachpolizei. Die Sprachpolizei hat Norman Goldberg angezeigt. Weil sein - englisches - »florist« zu groß gemalt sei, auf dem Schild an seinem Laden. Das Sprachgesetz, seit fünf Jahren in Kraft, schreibt nämlich vor, dass alle Werbeschilder, alle Preisauszeichnungen in Québec französisch sein müssen. Andere Sprachen können auch vorkommen, aber die dabei verwendeten Buchstaben dürfen nicht größer sein als halb so groß wie die im französischen Text. Viele Händler und Kunden hielten das Gesetz für einen Scherz - bis die Sprach- polizei begann, Ernst zu machen. Mit Maßbändern bewaffnet, so sie auszumessen. Und fündig wurde sie reichlich. In Montréal gibt es ganze Viertel, in denen Englisch die herrschende Sprache ist. Auch Ladenbesitzer, die beteuerten, keinen einzigen frankophonen Kunden zu haben, wurden gezwungen, ihre Schilder zu ändern: Französisch vor! Vive la Maßband! Die Sprachpolizei ging aber nicht nur gegen übergroße englische Buchstaben vor. Das Québecker Gesetz gilt schließlich für alle Sprachen der Welt. Wirte in Montréals Chinatown wurden aufge- fordert, ihre chinesischen Schriftzeichen zu verkleinern - oder die französische Übersetzung zu vergrößern. Auch vor Friedhöfen machten die beamteten Förderer der französischen Sprache nicht halt. Denn auch auf Grabsteinen habe das Französische doppelt so groß zu erscheinen wie jede andere Sprache, zum Beispiel das Hebräische. Nun hat Montréal ein vitale jüdische Gemeinde. Die unterhält gute Kontakte zu jüdischen Gemeinden in den USA. Und die wiederum haben einen guten Draht zur amerikanischen Presse. US-Medien begannen, sich über Québecs Sprachpolizisten lustig zu machen. Fast schlimmer noch: Sie fragten, ob nicht Antisemitismus im Spiel sei, wenn hebräische Namen sich hinter französischen Lettern ducken müssen. Seither ist die Sprachpolizei auf dem Rückzug. Grabsteine werden in Ruhe gelassen, jüdische jedenfalls, und Chinatowns Chinesen ebenfalls. Der Florist Goldberg mußte nur noch mit der Presse drohen und schon erhielt er Bescheid, das Verfahren gegen ihn sei eingestellt. Doch nun beschwert sich die anglophone Minderheit in Montréal. Wenn das Gesetz für Chinesisch und Hebräisch gebeugt werde, warum dann nicht fürs Englische auch? Gesetz sei Gesetz, verkündete die Montréal Gazette: Gesetze müßten für alle gelten oder für keinen. Wenn das mal nicht vorlaut war. Die Gazette erscheint in Englisch, nur in Englisch. Wie verträgt sich das mit dem Gesetz zur Protection de la Langue Française? Der Sprachpolizei bleibt noch viel zu tun. ;-) #C10 Quelle: »Canada Journal«, Ausgabe Juli/August 1998