#Titel Jokes & Stories / Jake ist auf dem Sprung #Logo gadget34:pinsel/AG.J&S #Font Losse 16 #C31 Jake ist auf dem Sprung #Font topaz 8 #C10 (oder: Geschichten, die das Leben schreibt, Teil 2) #C21 Ich wußte nicht mehr, was ich gerade geträumt hatte, als mich das Telefon aus meinem Schlaf riß. Das letzte Bild des Traumes verblaßte rasch und machte schließlich dem hellen Streifen der Straßenbeleuchtung, der von draußen gegen meine Schlafzimmerdecke fiel, Platz. Das verdammte Telefon klingelte immer noch. Leise fluchend, um Sandra nicht zu wecken, wälzte ich mich zu dem lärmenden Ungeheuer herum. Während ich abhob, fiel mein Blick auf die grünen Ziffern meines Digitalweckers. Es war 02:55 Uhr. "Mmh?" murmelte ich verschlafen in den Hörer. "Pete, bist du es?" lallte die alkoholschwere Stimme meines besten Freundes am anderen Ende der Leitung. "Natürlich bin ich es. Wer denn sonst, Herrgott noch mal?" nuschelte ich. "Ich bin's. Jake." "Natürlich bist Du es, Du Blödmann." Wer denn sonst, lag es mir auf der Zunge. "Habe ich Dich geweckt?" fragte Jake mit der echten Anteilnahme eines Betrunkenen. In Gedanken verlieh ich ihm den Idiotenpreis des Jahres inklusive Sonderauszeichnung für »saudumme Fragen«. "Hör zu, Jake:" erwiderte ich erstaunlich freundlich, "es ist kurz vor drei. _Nachts_, wenn ich das hinzufügen darf. Sofern es also nicht wichtig ist, lege ich jetzt wieder auf und wir reden morgen drüber, okay?" - "Ich will nicht mehr leben, Pete." lallte er aus dem Hörer. "Dann also bis morgen." entgegnete ich und legte auf. Sandra war mittlerweile wach geworden. "Wer war'n das?" murmelte sie verschlafen, ohne sich umzudrehen. "Jake." antwortete ich ihr. "Hat ein bißchen zuviel getrunken." Sie faselte noch etwas vor sich hin und glitt scheinbar sofort nahtlos in den Schlaf zurück. Ich hingegen lag immer noch auf der Seite und versuchte, wieder einzuschlafen. 02:59 Uhr. Diesmal war ich schneller, denn ich hatte den Hörer bereits unmittelbar nach dem ersten Läuten am Ohr. "Verdammt noch mal, Jake! Kennst du denn kein Erbarmen?" fluchte ich. "Ich meine es ernst." quäkte er. "Ich stehe hier mit meinem Handy auf dem Dach und werde gleich springen." "Dann laß das Handy oben, ich kann es noch gebrauchen." "Du bist herzlos." - Pause - "Okay, was ist los?" seufzte ich. "Sie hat mich verlassen." "Wer?" "Mein Mädchen, du Idiot!" "Das weiß ich. Aber welches?" "Du bist nicht nur herzlos sondern auch ekelhaft _zynisch_." So fingen unsere Diskussionen immer an: Jake wurde pathetisch, ich entgegnete ihm daraufhin kurz und prägnant meine Sicht der Dinge und er beschuldigte mich anschließend des Zynismus. Meine Fresse, ich habe selten einen Menschen gekannt, der mich so zermürben konnte! "Was hat er denn?" murmelte das brünette Geschoepf neben mir, erneut aus dem Schlaf gerissen. "Nichts besonderes. Er steht betrunken auf dem Dach seines Apartments und telefoniert mit mir. Nebenbei ist er auch noch verzweifelt und droht mit Selbstmord." erklärte ich. "Dann sag ihm, er soll endlich springen. Ich muß morgen wieder früh raus." "Das hab' ich gehört!" brüllte Jake aus dem Hörer. "Sie hat aber recht, Mann." Ich wußte, was sein Schweigen zu bedeuten hatte. "Also gut," resignierte ich. "warum hat sie dich verlassen?" "Naja, eigentlich habe ich sie rausgeschmissen...." Ich schloß die Augen und wartete, bis der Aggressionsschub vorüberging. Wenn Jake getrunken hatte, war jedwede Erwähnung der logischen Gesetze zwecklos. "Ich meine, sie ist nicht nur Katholikin, Pete," fuhr er fort, "sondern eine _emanzipierte_ Gläubige." "Und was heißt das im Klartext?" murmelte ich entnervt. "Sie glaubt nicht bloß an Gott," brüllte er mir ins Ohr, daß ich zusammenzuckte, "sie glaubt auch noch, Gott wäre eine _Frau_. Kannst du dir das vorstellen, alter Junge? Mann, da mußte ich sie doch einfach vor die Tür setzen, findest du nicht?" Ich wischte mir mit der Hand über die Augen, konnte aber keine Tränen ausmachen. Das überraschte mich allerdings nicht mehr. Im Hintergrund hörte ich ein leises Klirren, gefolgt von Jake's gedämpftem "Scheiße!". Offenbar hatte er die Flasche, mit der er sich in der letzten halben Stunde getröstet hatte, fallenlassen. Es klang allerdings so, als wäre sie ohnehin schon fast leer gewesen. "Und woran glaubst du, Jake?" seufzte ich. "An Jack Daniels." "Budweiser?" "Nicht spirituell genug, du Banause." "Wie sieht es mit einem Leben nach dem Tod aus?" forschte ich weiter. ("Großer Gott, bloß nicht!" murmelte Sandra leise neben mir.) "Ausgeschlossen!" war seine Antwort. "Da willst du dir also mit deinen 28 Jahren schon den Spaß nehmen, der noch vor dir liegen könnte, indem du dich mit deinem albernen Handy zwanzig Stockwerke in die Tiefe stürzt?" fragte ich ihn. "Ohne das alberne Handy. Ich würde es dir hinterlassen." "Wegen einer Frau?" fuhr ich unbeirrt fort. Ich wußte, wo ich seinen Stolz treffen konnte. "Hm. Ich glaube, du hast recht." sinnierte Jake vor sich hin, fügte schließlich hinzu: "Was machst Du morgen abend?" "Nichts Besonderes. Komm doch gegen sieben mit ein paar Bier vorbei und wir quatschen ein bi0chen über die alten Zeiten." "Ist gebongt. Dann also um sieben." sagte er noch, bevor er auflegte. Der Digitalwecker zeigte mittlerweile 03:04 Uhr, und ich überlegte, warum ich meinen besten Freund nicht dafür hasste. #C31 (c) Oliver Riedel, 1997 #C10 Internet: or@nightline.gun.de