#Titel Jokes & Stories / Der Hexenbaum #Logo gadget34:Pinsel/AG.J&S #Font topaz 8 #C21 Wieder einmal saß der Junge am Teich. Es wurde zunehmend schwerer, seinen Eltern zu entwischen, aber er schaffte es immer wieder. Diesmal hatte ihn der Teich nicht gerufen, er war von selbst gekommen, doch er hoffte, daß er ihn nicht enttäuschen würde. Er saß da, zwischen den niedrigen Büschen und sah ins klare, dunkle Wasser. Zuerst war nichts zu sehen, doch plötzlich formten sich die Wellen zu Konturen, die langsam ein Bild zeigten. Es war das Bild eines kleinen Jungen, der unter einem riesigen Baum stand. #Font Losse 16 #C31 Der Hexenbaum #Font topaz 8 #C21 Als Thomas sich dem Stamm der alten Eiche näherte erinnerte er sich an die Geschichte, die ihm seine Mutter neulich erzählt hatte. Vor einer Woche waren sie wie schon so oft hier vorbeigegangen und seine Mutter hatte ihm erzählt, was auf dem Schild neben dem Baum stand. Siebzenhunderteinundzwanzig war darauf geschrieben. "Kannst du dir vorstellen, wie alt dieser Baum ist?", hatte sie ihn gefragt, und er hatte nur ahnungslos mit dem Kopf geschüttelt. "Als dieser Baum gepflanzt wurde, war der Opi von Opi noch nicht geboren!", sagte sie. Nun staunte Thomas wirklich. Opi war ja so alt, und der Baum hier sollte noch viel älter sein! "Soll ich dir eine Geschichte erzählen?", hatte seine Mutter gefragt, und er hatte eifrig genickt. Er liebte es, wenn sie ihm Geschichten erzählte, denn das konnte sie gut. "Es wird gesagt, daß dieser Baum vor langer Zeit einmal mitten in einem Wald stand. Mit der Zeit starben aber die anderen Bäume um ihn herum, weil er immer größer wurde, und immer mehr Platz für sich selbst beanspruchte." Thomas schaute ängstlich zur Eiche. "Das war nicht nett!", sagte er. Seine Mutter lachte. "Nein, das war es wirklich nicht!" "Jedenfalls, als der Baum schon sehr alt war, wurde er als Versammlungsplatz benutzt." "Was ist ein Versammlungsplatz?", hatte Thomas gefragt. "Nun, dort treffen sich Leute", hatte seine Mutter erklärt. "Was für Leute?" "Opi hat mir mal erzählt, daß sich dort Hexen getroffen hätten", meinte seine Mutter geheimnisvoll. "Er hat mir auch erzählt, daß er seit damals Hexenbaum genannt wird." "Hexen?", Thomas wich zurück und wollte seine Mutter vom Baum wegziehen. "Du brauchst keine Angst zu haben, Thomas. Das ist schon lange her, außerdem tut der Baum niemandem etwas", sagte seine Mutter beruhigend. "Wirklich?", fragte er, nur halb überzeugt. "Glaub mir, es kann dir nichts passieren.", sagte sie. "Aber wenn du willst, dann gehen wir weiter, ja?" Das war vor einem Monat gewesen und nun stand Thomas wieder hier, diesmal aber allein. Er hatte seinen rosa Pulli an, den er gestern zu seinem Geburtstag bekommen hatte. Ehrfurchtsvoll ging Thomas auf die große Eiche zu. Er kam oft hierher; er hatte immer etwas Angst, wenn er an diesem Baum vorbeikam, der seine alten, knorrigen Äste weithin ausbreitete. Im Sommer war es darunter immer angenehm kühl, aber in der Nähe des Stammes herrschte ständig eine Art Dämmerung, so als wollte der Baum die Sonne von sich fernhalten. Für Thomas war es immer, als würde er in eine andere Welt eintreten, wenn er ins Halbdunkel unter den Ästen eintrat. Er stand jetzt ganz dicht vor dem Baum und konnte sich nicht entscheiden, ob er ihn anfassen sollte oder nicht. Er war furchtbar neugierig und in seinen Träumen hatte er es schon oft getan. Er stellte sich dann vor, daß die Rinde steinhart und eiskalt wäre. Schließlich überwand er sich und legte seine Hand auf den Stamm. Er staunte. Die Rinde war gar nicht eiskalt, sie war warm. Es war, als lebte der Baum. Thomas sah ihn erfurchtsvoll an. Konnte etwas so altes noch leben? Er fuhr mit seiner Hand über die Rinde, rauf und runter und fühlte ihre Unebenheiten. "Thomas!", hörte er jemanden schreien und erschrak, aber es war nur seine Mutter, die nach ihm rief. Er drehte sich halb um, doch in diesem Moment packte ihn etwas. Er sah sich um und bemerkte entsetzt, daß sich ein Teil der Rinde um seinen Ärmel gewickelt hatte und ihn immer weiter zwischen die Furchen des Stammes zog. Er schrie entsetzt auf und zog mit aller Kraft. Plötzlich hörte er ein reißendes Geräusch und im selben Moment fiel er nach hinten ins Gras. Von dort sah er zu, wie das abgerissene Stück Stoff langsam im Stamm verschwand. Weinend sprang er auf und rannte nach Hause zu seiner Mutter, die ihn besorgt an der Haustür empfing. "Was hast du?", fragte sie. "Mami, der Baum! Er hat versucht mich aufzufressen!", wimmerte er. Sie nahm ihn in die Arme. "Welcher Baum?", fragte sie. "Der Hexenbaum, Mami." Da fiel ihr wieder ein, was sie ihm neulich erzählt hatte. "Es tut mir leid, wenn dir die Geschichte Angst gemacht hat", sagte sie. "Aber der Baum tut dir nichts!" "Tut er wohl, er wollte mich auffressen!", schrie Thomas. "Jetzt hör' aber auf, sowas tut ein Baum nicht.", sagte seine Mutter und nahm ihn sanft in den Arm. "Wir werden morgen hingehen und ihn uns ansehen. Dann wirst du sehen, daß es da nichts zu fürchten gibt." "Ich will aber nicht hingehen!", sagte Thomas, während sie hoch in sein Zimmer gingen, wo er sich aufs Bett legte. Seine Mutter wartete, bis er eingeschlafen war und ging dann nach unten. Als sie später noch einmal nach ihm sah, lag er friedlich in seinem Bett. Am nächsten Tag hatte Thomas anscheinend alles vergessen. Er war genauso fröhlich wie immer und mampfte munter sein Frühstück. Als sie ihn fragte, was gestern los gewesen sei, antwortete er nur, daß der Baum ihn erschreckt habe. "Du hast doch gesagt, daß der Baum versucht hat, dich zu verschlucken?", fragte ihn seine Mutter. "Das hab' ich mir bestimmt nur eingebildet. Ich hab' meinen neuen Pulli kaputtgemacht.", meinte er und schaute sie schuldbewußt an. "Halb so schlimm. Ich seh mir das nachher mal an. Ich wette, ich krieg ihn wieder hin!", meinte sie lächelnd. "Aber du solltest vielleicht nicht beim alten Baum spielen, sonst verletzt du dich vielleicht noch." "Okay", meinte er beiläufig. "Hexenbaum, huuuu!", flüsterte sie und kitzelte ihn, bis er beinahe sein Essen vom Tisch warf. Jetzt stand Thomas wieder vor dem Baum, allerdings in einiger Entfernung. Er betrachtete ihn aufmerksam. Er hatte sich das bestimmt nur eingebildet. Der Baum hatte sicher nicht versucht, ihn zu packen. Sowas waren doch Kindermärchen. Langsam ging er auf den Baum zu. Als er in den Schatten eintrat, blieb er kurz stehen. Der Baum sah wirklich nicht so aus, als wolle er ihm was tun. Zuversichtlich lief er weiter, doch diese Zuversicht schwand mehr und mehr, je näher er dem Stamm kam. Schließlich stand er mit einem unguten Gefühl so nahe bei der Eiche, daß er jede Ritze und jede Unebenheit in der Rinde erkennen konnte. Er hatte seiner Mutter erzählt, daß er sich alles nur eingebildet habe, aber jetzt war er sich da nicht mehr so sicher. Er legte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Alles was er sehen konnte, waren die Zweige. Sein Blick glitt nach unten, bis zum Fuß der Eiche. Dort lag etwas und er hob es auf. Es war das Stück Stoff, das er gestern von seinem Pulli abgerissen hatte. Das beruhigte ihn. Denn wenn es hier lag, konnte der Baum es ja nicht verschluckt haben. Erleichert lehnte er sich an den Stamm der Eiche. Etwas berührte ihn an der Schulter und er sah hin. Zuerst erkannte er nicht, was es war. Es war braun, lang und dünn und schlängelte sich über seine Schulter seinen Pulli hinunter. Dann merkte er entsetzt, daß es ein Zweig war, der aus der Rinde wuchs und immer länger wurde. Panik ergriff ihn ihn. Er hatte es sich also doch nicht eingebildet. Er wollte wegrennen und stellt fest, daß sein linker Arm schon ganz von Zweigen umschlungen war. Er schrie und versuchte, sich loszureißen, aber die Äste hielten ihn gnadenlos fest und preßten ihn immer stärker gegen den Baum. Nun war auch sein anderer Arm gefangen und er spürte, wie sich die Ausbuchtungen der Rinde immer fester in seinen Rücken bohrten. Dann war hinter ihm plötzlich kein Widerstand mehr, die Rinde öffnete sich und er wurde in den Baum hineingesogen. Er weinte und jammerte, aber konnte sich nicht mehr befreien. Als sich sein Körper vollständig innerhalb des Baumes befand schloß sich das Loch gemächlich, und er sah, wie die trüben Schatten außerhalb des Baumes noch dunkler wurden. Er sah an sich herab und erkannte, daß er sich verwandelte. Sein rechter Arm sah anders aus als vorher. Er wurde zu Holz und dann konnte er auch seinen Kopf nicht mehr bewegen. Er spürte, wie sein Nacken steif und gefühllos wurde und in seiner Position erstarrte. Dann wurde es dunkel. "Nein", schrie der Junge. Er hatte bis jetzt reglos vor dem Teich gekniet, aber jetzt sprang er auf. Das durfte nicht sein. Dieser böse Baum durfte das einfach nicht. "Thomas!", schrie er. Er zitterte und überlegte, was er tun sollte. Schließlich nahm er einen Stein und warf ihn in den See. Er sah, wie der Stein in das Bild eintauchte und auf den Baum zuflog. Der Stein, den er mit einer Hand geschmissen hatte, war im Bild viel größer. Als er den Baum traf, sprengte er ein kleines Sück aus der Rinde, so daß das Loch sich etws öffnete. Er erstarrte. Zum ersten Mal hatte sich etwas an den Bildern geändert. Irgendwie hatte sein Entsetzen dafür gesorgt, daß er Einfluß nehmen konnte. Er sah noch einen Stein, einen größeren und nahm seine ganze Kraft zusammen, um ihn hochheben zu können. Wütend schleuderte er ihn in den Teich und sah, wie er in das Bild eintauchte. Diesmal wurde ein riesiges Stück Rinde weggerissen und er sah, wie Thomas langsam die Augen öffnete. Er hatte ihn gehört. Fieberhaft überlegte der Junge, wie er ihm helfen sollte. Schließlich hangelte er sich an einem der Zweige halb über das Wasser und steckte seine Hand hinein. Thomas blinzelte. Irgendjemand hatte ihn gerufen. Er sah sich um und stellte fest, daß er sich wieder bewegen konnte. Sein linker Arm war noch fest, aber seinen rechten Arm konnte er schon wieder heben. Er sah, wie sich eine Hand zu ihm in den Stamm streckte und er griff danach. Er spürte, wie er langsam aus dem Baum herausgezogen wurde. Jetzt konnte er auch seine Beine wieder bewegen und er strampelte und schließlich war er frei. Mit einem Ruck wurde er aus dem Baum gerissen, der ein tiefes, enttäuschtes Knarren von sich gab. Aber es war noch nicht vorbei. Aus dem geöffneten Stamm kamen hunderte von Äste herangeschwirrt und versuchten, ihn zu packen, doch die Hand hielt ihn immer noch fest und zog ihn langsam weg vom Baum. Der Junge keuchte. Er hatte beinahe keine Kraft mehr und er wunderte sich, daß er es überhaupt geschafft hatte, Thomas zu helfen. Irgendwie schien alles, was er tat, im Bild des Teiches verstärkt zu werden. Er hörte ein Knacken und sah nach oben. Der Ast hatte sich schon bedenklich nach unten gebogen und er würde sicher nicht mehr lange halten. In diesem Moment gab es einen Ruck und er spürte, wie der Widerstand nachließ. Als er nach unten blickte, sah er, daß Thomas sich nicht mehr im Baum befand. Er lag jetzt auf der Wiese und hielt immer noch seine Hand fest. Langsam bewegte sich Thomas auf ihn zu. Schließlich war er außerhalb der Reichweite der Äste, die immer noch suchend umhertasteten und Thomas ließ seine Hand los. Befreit von dem zusätzlichen Gewicht schnellte der Ast nach oben und brach nun endgültig. Der Junge fiel ins Wasser und fing sofort an zu zittern, als die eisige Kälte durch seine Kleidung drang. Er konnte nicht schwimmen, das Gewicht seiner Kleider zog ihn immer tiefer und er fühlte, wie der Teich sich schon darauf freute, ihn zu empfangen. Plötzlich spürte er, wie ihn etwas wieder nach oben drückte. Instinktiv griff er nach einem anderen Ast und hangelte sich mühsam und keuchend ans Ufer. Dort blieb er liegen und sah sich um. Thomas wußte nicht genau, was er sah, aber er wußte, was er zu tun hatte. Er sah verschwommen ein Beinpaar, das hilflos herumwedelte und stemmte sich dagegen. Er war sicher, daß er das richtige tat. Plötzlich fiel er nach vorne. Dann sah er das Gesicht eines kleinen Jungen, noch jünger als er selbst. Er winkte ihm zu und lächelte. Der Junge lächelte auch und winkte zurück. Dann verschwamm das Bild und es war nichts mehr zu sehen. Thomas blickte sich um. Das Loch im Stamm hatte sich wieder geschlossen, der Baum sah wieder ganz normal aus, aber Thomas wußte, daß das, was er erlebt hatte, keine Einbildung war. Er ging nie wieder zum Hexenbaum. Der kleine Junge saß völlig entkräftet am Ufer des Teichs. Er sah Thomas, wie er nach Hause ging und lächelte. Dann bemerkte er eine Veränderung. Die Umgebung hatte sich geändert. Die Büsche waren dürrer geworden und irgendwie braun, so als lägen sie im Sterben. Und plötzlich begriff er. Der Teich hatte auf seine Chance gelauert und sie verpaßt. Er würde nie wieder hierher zurückkommen. Jedenfalls bis morgen. #C31 (C) 1997 Stephan Hübner