#Titel Lifestyle / Konzert / Jethro Tull: "The Best..."
#Logo gadget31:pinsel/AG.Lifestyle
#Font topaz 8
#C10
                             Konzertbericht:
#Font Losse 16
#C31
    The Best of Jethro Tull-Tour 1997
#Font topaz 8
#C10
                          Jethro Tull in Gießen
#C21

Im letzten Jahr verletzte sich Ian Anderson, der Frontmann der britischen
Rockband "Jethro Tull", während eines Konzertes in Südamerika am Knie und mußte
daraufhin operiert werden und sogar zeitweise mit dem Ende seiner
Bühnenkarriere rechnen. Natürlich fielen auch die noch ausstehenden Konzerte
der damals stattfindenden "Roots to Branches"-Tournee aus, unter anderem ein
Termin in Kassel, für den ich bereits eine Karte im Vorverkauf erstanden hatte.
Doch glücklicherweise erwies sich Andersons Konstitution als äußerst robust
und so konnten "Jethro Tull" in diesem Jahr erneut auf Welttournee gehen. Da
die Veröffentlichung des "Roots to Branches"-Albums (vgl. Rezension in
"AmigaGadget"#22) jedoch bereits zwei Jahre zurücklag und dafür der
dreißigste Jahrestag der Bandgründung näherrückte, wurde das Motto der Tournee
kurzerhand in "The Best of Jethro Tull" umbenannt und zur Untermauerung auch
noch eine entsprechende BestOf-CD mit dem Titel "Walking through the Years" in
die Läden gebracht. Natürlich führte dieser Weg die Band auch diesmal wieder
nach Deutschland, allein schon, um die ausgefallenen Konzerte nachzuholen.
Dabei schlugen die Rockveteranen ihre Zelte jedoch nicht in jedem Falle auch
dort auf, wo sie ein Jahr zuvor hatten spielen wollen. Glücklicherweise
verdoppelte sich so die "Tull"-Präsenz in meiner unmittelbaren Umgebung. Neben
dem Abschlußkonzert des "Hessentages", einer gewaltigen
Selbstbeweihräucherungsfeier, die 1997 in Korbach stattfand, gaben "Jethro
Tull" auch ein Open-Air Konzert auf der Freilichtbühne Schiffenberg im gerade
mal 30 km von Cölbe entfernten Gießen. Wenn man in Mittelhessen wohnt, hat man
eine derartige Qual der Wahl selten und so war ich mir nicht sicher, ob die
Entscheidung, das Gießener Konzert zu besuchen, richtig war. Das änderte sich
jedoch schlagartig, als es am 29.Juni., dem Tag des Korbacher Gigs, genug
regnete, um die Sahara in ein fruchtbares Ackerland zu verwandeln. Plötzlich
schien die Entscheidung für den Kauf der gut 50 DM teuren Karte für den
Gießener Termin sehr vorausschauend und weise gewesen zu sein. Doch als es
dann am 13.Juli endlich soweit war, hingen erneut bedrohlich wirkende Wolken
schwer am Himmel. Aber nun gab es kein Zurück mehr.

Die Stadtwerke Gießen boten ab 15.00 Uhr lobenswerterweise einen Pendelbus zum
etwa drei Kilometer von der Innenstadt entfernten Schiffenberg an. Warum sie
diesen jedoch nicht vom Bahnhof abfahren ließen, sondern vom ungefähr
anderthalb Kilometer entfernten "Berliner Platz", bleibt wohl auf ewig ein
Geheimnis. Wenngleich auch nicht unbedingt eines der spannendsten der
Menschheitsgeschichte. Ich komme jedenfalls so um kurz vor 17.00 Uhr in
Gießen und ungefähr eine halbe Stunde später auch am Schiffenberg an, wo
sich bereits die Menschenmassen stauen. Auf dem von einer mittelalterlichen
Mauer umgebenen und sehr idyllisch gelegenen Gelände der Freilichtbühne wurden
zahlreiche Stände errichtet, an denen der Konzertbesucher seinen Hunger und
Durst stillen kann, sofern er bereit ist, die horrenden Preise zu bezahlen.
Da ich nicht zu denen gehöre, die bescheuert genug sind, für einen Becher
Bier, der mich im Supermarkt nicht mal 1 DM kostet, hier das dreifache
auszugeben, halte ich mich von diesem Treiben fern und schlenderte nur kurz
am Merchandising-Stand vorbei, wo ich ein vielleicht real 10 DM teures
T-Shirt für 40 DM erstehe. Immerhin kennt der (vermutlich britische)
Standmitarbeiter die Progrockband "Arena", deren Tour-T-Shirt ich trage, so
daß sich inmitten dieses schamlosen Kommerzes ein kleines persönliches
Gespräch entfalten kann: "Ah, Arena. Pendragon !" "Yes, Clive Nolan is
in both groups !" "They are good." "Yes, they are very good."
Zwischenmenschliche Kommunikation ist doch was schönes.
Vor der Bühne selbst herrscht bereits reger Andrang. Viele haben es sich
auf Matten und Handtüchern bequem gemacht und dürften demzufolge schon direkt
nach dem offiziellen Einlaß um 16 Uhr auf den für 18 Uhr veranschlagten Beginn
des Konzertes gewartet haben. Da ich davon ausgehe, daß jemand, der nun liegt,
im später stehenden Zustand weniger Bodenfläche benötigt, dränge ich mich
kurzerhand zwischen den laut protestierenden Wartenden hindurch und stelle mich
auf einen ziemlich genau in der Mitte liegenden Platz etwa 15 Meter von der
Bühne entfernt. Kurz nach 18 Uhr geht es dann auch wirklich los - allerdings
nicht mit "Jethro Tull", sondern mit der Vorgruppe, der "Mark Gillespie Band".
Der Namenspatron der Gruppe ist auch ihr Sänger und trägt eine zerfledderte
und löchrige Jeans. Dennoch macht er seine Sache gut, läßt ein paar lockere
Sprüche ab und wärmt mit seiner Band das Publikum auf. Dabei spielen sie fast
nur eigene Stücke, die sich um ein zentrales Thema drehen: "The next song is
about bad women.". Musikalisch sind die Songs, die u.a. "Jessie" und
"Nothing" heißen, vor allem auch "dank" Saxophon-Begleitung, eher poplastig,
haben aber einen munteren Rhythmus und sind genau das richtige zum Warmwerden.
Am besten wird die "Mark Gillespie Band" aber dann, wenn sie losrockt, wie
im vorletzten Stück, bei dem die Keyboard-Spielerin und der Saxophonist zur
Rhythmus-Sektion degradiert werden. Daß die Band ("Wir spielen eigentlich
nur hier, weil wir die 50 DM sparen wollten.") an diesem Abend eine ganz
bestimmte Mission zu erfüllen hat, spiegelt sich auch in den Liedtexten
wider, in denen im Original mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
keine Passagen wie "I hope it won't rain for Jethro" vorkommen. Nach einer
Stunde sind Mark Gillespie und Konsorten dann auch am Ende und die
Beschwörung des Wettergottes offensichtlich erfolgreich. Das Publikum
hingegen, besonders der ältere Teil, konnte sich nur bedingt für die
moderne Musik begeistern. Als "Tull"-Fan erwartet man wohl etwas stärkeren
Tobak. Und den sollte man bekommen.

Denn nach knapp einer Viertelstunde Wartezeit, in der die Instrumente der
"Mark Gillespie Band" von der Bühne entfernt werden, ist es nun soweit. Zuerst
stürmen Gitarrist Martin Barre, Tastenkünstler Andrew Giddings, Bassist
Jonathan Noyce und Schlagzeuger Doane Perry an ihre Instrumente und dann
ertönt schon Andersons Querflöte. Und noch während der ersten Töne des
"Song for Jeffrey" vom "This was"-Album, dem LP-Debüt der Gruppe, betritt
der Meister querflötenspielend und unter anschwellendem Applaus des Publikums
die Bühne. Ohne Bruch geht der Opener dann in den Klassiker "Aqualung" vom
gleichnamigen Album über. Satte Gitarrenriffs packen die begeisterten
Zuschauer, die natürlich auch alle den Refrain kennen und lauthals mitsingen.
Nach "Aqualung" begrüßt Ian Anderson die Gießener Fans und entschuldigt sich
dafür, daß die beiden ersten Titel von 1968, bzw. 1971 stammen und von
daher ein bißchen veraltet seien. Nun wolle man ein Stück spielen, das mehr
"up to date" sei. Und zwar aus dem Jahr 1972 - "Thick as a Brick". Wie in
Livesituationen üblich spielen "Jethro Tull" nun jedoch nicht das knapp
vierzigminütige Original, sondern eine komprimierte Fassung, die mit einer
Spieldauer von gut fünfzehn Minuten aber immer noch sehr oppulent ist. Als
kleine Besonderheit übernimmt Gitarrist Martin Barre das Flötenspiel und
Ian Anderson den akustischen Gitarrenpart, den er auf einer ulkigen kleinen
Konzertgitarre bravourös absolviert. Überhaupt brillieren alle fünf
"Tull"er an ihren Instrumenten, lediglich ein musikalisches Manko wird
während des sehr anspruchsvollen "Thick as a Brick" überdeutlich: Ian
Andersons stimmliches Leistungsvermögen ist weit entfernt von dem Standard
entfernt, der Anderson jahrlang auszeichnete. Er hat ganz erhebliche
Probleme, die Höhen und Tiefen zu treffen. Obwohl Anderson sich redlich
bemüht, sich reckt und streckt und den Hals bläht, scheitert er an den
herausfordernden Vokalpassagen der älteren Stücke. Besser gelingt ihm
allerdings das nächste Stück - "Dangerous Veils" vom 95er Album "Roots to
Branches". Möglicherweise hat er damals schon den Vokalpart mit Rücksicht
auf sein reduziertes Klangvolumen komponiert. Jedenfalls stimmt bei diesem
vierten Titel erstmals nicht nur die musikalische Begleitung, die aus den
Lautsprecherwänden in erstaunlicher Qualität wiedergegeben wird, sondern
auch der Gesang. Und das durchzieht das komplette Set: bei den älteren
Stücken hat Anderson erhebliche Probleme mit seiner Stimme, wobei er
allerdings mit zunehmender Konzertdauer auch hier besser in Schwung zu
kommen scheint, während er die neueren - die Trennlinie scheint hierbei
ungefähr Mitte der achtziger Jahre zu verlaufen - praktisch in
Albumqualität meistert. Auf konstant hohem Niveau bewegt sich jedoch das
Instrumentenspiel der "Jethro Tull"-Musiker. Insbesondere Martin Barres
Fähigkeiten als Gitarrist und die Qualtität von Andersons Flötenspiel
scheinen mit zunehmendem Alter der Musiker ebenfalls zuzunehmen. Und so
kommt im Publikum schnell beste Stimmung auf und die muntere Reise durch
das Werk der Band von Klassikern wie "Nothing is easy", "My God", "We
used to know" und der Rhythm & Blues-Interpretation des Johann Sebastian
Bach-Stückes "Bourée" bis hin zu neueren Songs wie der "Crest of a
Knave"-Auskopplung "Farm on the Freeway" oder dem musikalisch
wunderschönen "Roots to Branches"-Stück "Beside myself" wird zur
Triumphfahrt einer Band, die nie zu den wirklich ganz großen des
Rockbusiness gehörte, ihre Fans aber niemals enttäuschte und
der - hörbar - nie die Ideen ausging. Dieses Facettenreichtum stellen
sie auch in Gießen unter Beweis, unter anderem dadurch, daß sie einige
instrumentale Stücke aus diversen Soloprojekten der Musiker zum Besten
geben: die leicht klassizistisch angehauchten "Stücke für Flöte und
Orchester" "In Sight of the Minaret" und "In the Grip of stronger
Stuff" von der Anderson/Giddings-Kooperation "Divinities" und das
rockige "Misère" von Martin Barres zweitem Soloalbum "The Meeting" (vgl.
Rezension in "AmigaGadget"#28). Für größere Begeisterung sorgen im
Publikum aber natürlich die originären "Tull"-Songs. Einer der Höhepunkte
des Konzertes ist zweifelsohne ein Medley, das mit "Songs from the Wood"
und dessen wunderbarem Vokalchorus beginnt, den Klassiker "Too old to
rock'n'roll, too young to die" und den Titeltrack vom "Heavy Horses"-Album
umfaßt und wieder zu "Songs from the wood" zurückkehrt und dort dann auch
endet. Bis auf Andersons simmliche Probleme merkt man erstaunlicherweise
der Band zu keinem Zeitpunkt das doch reifere Alter der Musiker an. So
turnt Anderson, der noch in diesem Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag
feiern wird, munter über die Bühne und gibt auch unverdrossen den
"einbeinigen Flötenspieler", der ja schon früh zum Markenzeichen der Band
geworden ist. Und praktisch ohne jede Verschnaufpause spielen die Musiker
allein im regulären Teil des Konzertes über ein Dutzend zum Teil sehr
langer und anspruchsvoller Stücke mit überwiegend hohem Tempo. Den
Höhepunkt erreicht das ganze dann mit dem Meisterstück "Locomotive Breath",
dessen Intro bereits exzellent inszeniert wird: Während die restlichen
Musiker die Bühne verlassen, bleibt Andrew Giddings, der sich schon während
der vorherigen Stücke als genialistischer Scherzkeks erwiesen hat, als
einziger an seinem Instrument und improvisiert ein wenig über das ohnehin
schon sehr ausführliche Piano-Intro. Zur Belohnung erscheint schließlich
einer der Tournee-Roadies, der sich eine weiße Schürze umgebungen hat und
Giddings auf einem silbernen Tablett ein Glas Wein serviert. Doch dann
ist Schluß mit dem Vorgeplänkel - die vier anderen "Tull"-Musiker kehren
zurück und lassen es noch einmal so richtig krachen. Wer die Qualitäten von
"Locomotive Breath" auf Platte noch nicht erkennen konnte, wird sie beim
Konzert erleben. Und so verläßt die Band nach lediglich 90 Minuten unter
tosendem Beifall des Publikums die Bühne - natürlich nur, um nach ein paar
Minuten rhythmischen Applauses den Wunsch nach Zugabe zu erfüllen. Die
beinhaltet nach einem ausgiebigen Instrumental vor allem den Klassiker "Living
in the Past", was natürlich für eine "Best of"-Tournee letztlich immer ein
zutreffendes Motto ist. Während des Stückes balanziert Anderson mit einigen
gewaltig großen Luftballons, die er dann auch ins Publikum wirft, das sie
jedoch entweder ziemlich schnell zum Platzen bringt oder - zur Belustigung
Andersons - in das Geäst eines auf dem Bühnenvorplatz stehenden Baumes
bugsiert. Zu den Klängen des minimalistischen Abschiedsstückes "Cheerio" vom
"Broadsword and the Beast"-Album und unter nach wie vor tosendem Beifall
endet dann um halb zehn das Gießener Open Air-Konzert "Jethro Tull"s.

Bei einem Konzert von "Jethro Tull" bekommt man das, was man
erwartet - ehrlichen, gitarrenlastigen und von Ian Andersons filigranem
Flötenspiel vorangetriebenen Rock'n'Roll, eine solide Bühnenshow mit
so manchem zotigen Scherz des Bandgründers Anderson (z.B. über seinen
kongenialen Gitarristen Martin Barre oder über Kinderfreund Michael Jackson)
und zahlreiche Klassiker der Rockmusik aus nun fast drei Jahrzehnten
Bandgeschichte. Dabei können es "Jethro Tull" natürlich nie allen recht
machen. Wenn eine Band einen so großen Fundus an Material zu bieten hat,
wird bei einem Konzert immer das eine oder andere Stück fehlen, das man
gerne gehört hätte. Dafür hatte die Band um Ian Anderson diesmal einige
Songs im Repertoire, die man zuvor wohl erst selten live hatte hören
können - von den Soloprojekten einmal abgesehen zählen etwa Titel
wie "Farm on the Freeway", "Beside myself" und das muntere "The Whistler"
dazu. Und natürlich merkte man auch in Gießen der Band ihren Mut zu
musikalischen Experimenten an. So wie das Outfit der einzelnen Musiker
(Anderson in sportlichen Stretchhose, Barre mit Jacket und Jeans, Noyce
im Designeranzug, Perry in wilder Rockerkluft und Giddings mit Hut und
Hosenträgern) nicht mehr Gegensätze hätte aufweisen können, so wenig
lassen "Jethro Tull" sich auf einen bestimmten Musikstil festlegen.
Vielmehr vermischt die Band munter Elemente der Rockmusik, des Jazz,
der Folkmusik, des Blues und der klassischen Musik zu einem
eigenständigen Musikstil, der auch in Gießen wieder knapp 5.000 Zuschauer,
die sich trotz eines wohl deutlich jenseits der 30 Jahre liegenden
Durchschnittsalters doch aus so ziemlich allen Altersgruppen rekrutierten,
begeisterte. Und auch wenn bei den britischen Rockveteranen Songzeilen wie
"Living in the Past", "Spin me back down the Days and the Years of my Youth"
und "The bad old Days, we used to know" heute einen anderen Unterton haben
mögen als noch vor fünfundzwanzig Jahren, so zählen "Jethro Tull" weniger
denn je zum alten Eisen. Das einzige Problem, das sie irgendwie lösen müssen,
sind die stimmlichen Unzulänglichenkeiten Andersons, die die Freude über
so manchen Klassiker doch ein wenig trübten. Was die musikalischen
Fähigkeiten, die Bühnenpräsenz und die Fähigkeit, die Begeisterung des
Publikums zu wecken, angeht, ist auf "Jethro Tull" aber Verlaß. Man darf in
jedem Fall schon auf das neue Album der Band gespannt sein, das für nächstes
Jahr im Gespräch ist. Und wenn sich dem - was zu wünschen wäre - erneut eine
Tournee anschließt, führt diese hoffentlich auch wieder durch deutsche Lande.
Denn diese Band darf man einfach nicht verpassen - insbesondere wenn sie an
so wunderbaren Orten wie dem Gießener Schiffenberg spielt.
#Y-4
#Pinsel gadget31:pinsel/an rechts

#C10
"...und Jethro Tull hat ja treue Fans. Die Band ist jetzt seit 30 Jahren `on
 the road', wie es heißt..."
"...naja, ein paar Wochenenden hatten wir schon frei..."
  -- Wolfgang Maaß/Thorsten Winter im Interview mit Ian Anderson im "Gießener
                                                     Anzeiger" vom 15.07.1997
