#Titel Politik / Gesellschaft / Wer zwingt ist schwach
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#C10
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der folgende artikel erschien in der 10. ausgabe unseres
jugendmagazins spunk. weitergehende verbreitung/verwendung
nur mit einverständnis des autors, andreas hayer.

ciao,
        - holgi -
#Seitenende
#C31
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Wer zwingt ist schwach
#Font topaz 8
#C10

// Alles wurde besser, aber nicht gut: erst Soldat, dann Zivi
#C31
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#C21
1.7.93 Der Tag meiner Einberufung. Zusammen mit einem ehemaligem Mitschüler
fahre ich nach Essen, wohin wir beide einberufen wurden. Ich sitze mit einem
ungutem Gefühl im Auto. Das Abi ist vor wenigen Wochen abgelegt, die Wochen
waren eine ziemlich freie Zeit, und nun steht ein Jahr Wehrdienst vor mir.
Wie beneide ich doch die Mädchen aus meinem Jahrgang, die Freizeit haben
und demnächst schon mit Ausbildung oder Studium anfangen.

In der Kaserne angekommen werden wir erst einmal registriert. Uns wird
mitgeteilt, wir hätten noch bis zum Abend Freizeit und könnten uns ja schon
mal ein wenig auf der Kaserne umschauen. Als wir nach einem kleinem Rundgang
wieder im Gebäude eintreffen, werden wir auch schon von einem Vorgesetzten
erwartet und angeschrien, wo wir denn geblieben seien, uns sei doch
ausdrücklich gesagt worden, auf der Stube zu bleiben.

Und in diesem Ton setzt sich auch der Abend fort. Auf der Stube hocken und
warten bis die Vorgesetzten auf dem Flur herumschreien, auf dem Flur in Reihe
antreten und militärische Tanzschritte (Stillgestanden!, Augen links!, Rührt
Euch! usw.) unter den prüfenden Augen des Vorgesetzten vollführen und nochmal
angeschrien werden. Wieder zurück in die Stube und 10 Minuten später die
gleiche Prozedur noch einmal. Ich muß zugeben, die Methode wirkt und schüchtert
ein. Danach fallen wir müde und frustriert ins Bett und versuchen zu schlafen,
denn am nächsten Morgen geht es ja schon früh wieder weiter.

Nächster Morgen 5 Uhr: Wecken. Nein, nicht Mami säuselt liebevoll ins Ohr:
"Andreas, aufstehen!" Wir sind schließlich beim Bund und da schreien die
Vorgesetzten auf den Gängen rum. Waschen, Frühstück, Unterricht, militärische
Tanzschritte üben, so in etwa sieht der Tagesablauf aus. Ständig von
Vorgesetzten beobachtet und diszipliniert. Am Nachmittag werden die Haare
begutachtet. Augen, Ohren und Nacken sind vorschriftsgemäß bei mir frei,
dennoch haben schon einige Unteroffiziere ihr Mißfallen an meinen Haaren
bekundet, denn ich habe eigentlich immer noch lange Haare, die ich allerdings
mit viel Gel nach hinten geklatscht habe, um sie nicht abschneiden zu müssen
und sehe damit ziemlich eklig aus. Doch der direkte Vorgesetzte läßt die Haare
durchgehen und ich werde nicht, wie einige andere, zum Frisör geschickt.

Nach einigen Tagen werden wir zum erstenmal mit Waffen vertraut gemacht. Vor
der Waffenkammer der Kompanie hängt eine (Groß-)Deutschland-Karte von 1933.
Heute sollen wir lernen, das G3 auseinander zu nehmen und wieder
zusammenzusetzen. Ein Unteroffizier erwähnt, er hätte ja gar nichts gegen
Ausländer, aber manchmal würde er ja schon mal am liebsten mit ´nem G3 in
der Disko alle Ausländer abballern.

Ich merke, so eine Waffe ist was anderes als die Spielzeugpistolen, mit denen
ich als Kind gespielt habe. Mit dieser Waffe kann man wirklich töten. Beim
Zusammenbauen des G3 zittere ich am ganzen Körper und werde noch nervöser je
mehr mich der Vorgesetzte anschreit. "Ihre Mutter hat gerade angerufen. Sie
sagte, Sie seien ein Vollidiot", weiß er zu beleidigen, ohne dafür belangt
werden zu können. Meine Nerven gehen mir durch und ich schaffe es nicht.
Deshalb bekomme ich auch gleich die erste Disziplinarmaßnahme verordnet: Ich
muß zum nächsten Tag eine Hausarbeit schreiben:"Wie baue ich ein G3 zusammen?"
Mir wird klar, was ich auch schon die Wochen vor der Einberufung mir viele
lange Nächte habe durch den Kopf gehen lassen: Ich kann kein Soldat werden!

Als ich einige Tage später meine Verweigerung einreiche werde ich sofort vom
Waffendienst befreit. In den nächsten zwei Wochen bekomme ich einige Tage
Sonderurlaub, um mir eine Zivistelle suchen zu können.

Wieder zurück in der Kaserne ist mein Vorgesetzter gerade nicht da und wird
durch jemand anderen vertreten. Diejenigen, die meine Haare schon lange gerne
abgeschnitten gesehen hätten, laufen sofort zu ihm hin und lassen sich von ihm
Bevollmächtigen, mir dies nun endlich befehlen zu dürfen.

Einige Tage später wird endlich mein Recht auf Kriegsdienstverweigerung
anerkannt, nachdem sich die mündliche Verhandlung im Kreiswehrersatzamt auf
das Verlesen meiner schriftlichen Begründung beschränkt hat. Gleich darauf
werde ich vom Dienst befreit und habe noch drei Wochen Sonderurlaub, bis
mein Zivildienst beginnt.

Ende August fängt dann mein Zivildienst in der mobilen Altenpflege an und ich
bin glücklich, es endlich wieder mit normalen Menschen zu tun zu haben und
ein gutes Gewissen zu haben. Zum Zivildienst gibt es eigentlich nicht viel
zu sagen. Es ist auf jeden Fall ein schönes Gefühl, anderen Menschen helfen
zu können, aber ich habe es nie akzeptieren können, vom Staat dazu gezwungen
zu werden. Und gerade weil man als Zivi verantwortlich ist für andere Menschen,
kam ich mir oft wie in einer Zwickmühle vor, denn den Zwang einfach durch
mangelnden Einsatz zu unterlaufen, wäre schließlich unfair gegenüber den
hilfsbedürftigen Menschen, die nichts für den Zwangsdienst können.
Andererseits ist es auch unfair, zu etwas gezwungen zu werden, was man
eigentlich gar nicht will.

Im Moment ist die Gesetzeslage so, daß jeder Mann in Deutschland grundsätzlich
zum Wehrdienst verpflichtet ist und er das Recht hat, aus Gewissensgründen
diesen zu verweigern und stattdessen zu einem Ersatzdienst gezwungen ist.
Unabhängig von der Frage, ob der moderne Staat das Recht haben sollte,
Menschen, die sich nichts haben zu schulden kommen lassen, einen
Zwangsdienst aufzuerlegen, möchte ich lieber auf die Frage eingehen, ob es
gut für die Gesellschaft ist.

Daß Wehrpflicht und Zivildienst volkswirtschaftlich gesehen teurer sind als
freiwillige Fachkräfte sinnvoll eingesetzt, wurde in letzter Zeit durch
einige Studien belegt. Zum einen führt der Zwangsdienst dazu, daß junge
Männer in Deutschland ein Jahr später ihren berufsqualifizierenden Abschluß
machen als sie eigentlich könnten und der im Vergleich zu anderen Ländern
späte Berufseinstieg deutscher Absolventen wird gerade auch von Politikern
bemängelt, die Zwangsdienste befürworten. Verursacht durch den späten
Berufseinstieg entstehen dem Staat beträchtliche Steuerausfälle, da
Einkommenssteuer und die bei einem höheren Lohn vermehrten Konsumsteuern von
Zwangsdienstleistenden ein Jahr später und somit ein Jahr weniger bezahlt
werden. Außerdem werden Zivildienststellen vom Staat stark subventioniert,
so zahlt er z. B. Kranken- und Rentenversicherung und bezuschußt den Sold
der Zivis. Es ist auch nicht zu leugnen, daß Zivis, obwohl eigentlich
verboten, als für soziale Institutionen betriebswirtschaftlich billige
Arbeitskräfte, Arbeitsplätze besetzen, die von, in vielen Fällen besser
qualifizierteren und motivierteren, Fach- oder Aushilfskräften besetzt werden
könnten.

Bei der Bundeswehr entstehen unnötige Ausgaben durch unproduktive
Gammeldienste der Wehrpflichtigen und eine übergroße Soldatenzahl und damit
auch überdimensional hohen Materialkosten. Es wird heutzutage auch niemand
mehr glaubhaft machen können, daß der Verteidigungsauftrag der Bundeswehr
durch ein schlecht ausgebildetes Massenheer besser wahrgenommen werden könne,
als durch eine kleinere gut ausgebildete hochtechnisierte Berufsarmee, was
andere Länder, die seit Jahren die Wehrpflicht abgeschafft haben, z.B. USA und
Großbritannien, beweisen.

Bleibt noch das viel zitierte Argument, die Wehrpflicht verhindere, daß die
Armee ein Staat im Staate werde. Erstens könnte dies bei einer Berufsarmee
durch einen großen Anteil an Zeitsoldaten ebensogut bewirkt werden und zweitens
hat nach meinen Erfahrungen, die Bundeswehr schon längst die Verbundenheit
mit der Gesellschaft verloren, wobei weniger die Bundeswehr durch die Rekruten
geprägt wird als umgekehrt, denn ein derart menschenfeindliches Klima habe
ich noch nirgendwo sonst in dieser Gesellschaft vorgefunden.

Wenn die Gesellschaft sozial verantwortungsbewußte Menschen heranbilden will,
sollte sie lieber auf eine verstärkte Förderung des freiwilligen sozialen
und ökologischen Jahres setzen.
#Y-10
#C31
                                                                    a.heyer
