#Titel Politik / Chefsache #Logo gadget29:Pinsel/AG.Politik #Font topaz 8 #C10 HANS-JOACHIM STENGERT * Ehrenmalstr. 15 * 47447 Moers * 18-02-97 #Font Losse 16 #C31 WAS DER CHEF VERSTEHT ===================== #Font topaz 8 #C21 Ich denke mal, daß der geschätzte Leser merkt, daß dies hier an das Editorial von neulich anknüpft, das da endete mit der Befürchtung: #C12 "Machbar ist, was der Chef versteht." #C21 Nun, es besteht begründeter Verdacht, daß besagter Chef das, was ich dort geschildert habe (nicht auf meinem Mist gewachsen!), in keinster Weise verstanden hat. Denn warum so sonst kommt er jetzt aus heiterem Himmel mit dem Vorschlag, die Arbeitnehmer sollten für ein paar Jahre auf jegliche reale Lohnerhöhung verzichten? Zugunsten des Aufschwungs und neuer Arbeitsplätze natürlich. Daß er das so isoliert und ohne jeden zeitlichen und sinngemäßen Zusammenhang mit anderen Maßnahmen in den Raum stellt, scheint mir ein Indiz zu sein, daß er nicht begriffen hat, daß die Vorlage des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) ein in sich geschlossenes Ganzes darstellt, bei dem jeder Teil von jedem anderen abhängt, wo man also nicht einfach einen Aspekt herausgreifen kann, ohne wenigstens an die anderen zu erinnern und auf den systematischen Zusammenhang hinzuweisen. Wie wir hoffentlich noch wissen, handelt es sich um ein kompliziertes und sehr umfangreiches Computer-Simulationsprogramm, dessen Sinn und Zweck darin besteht, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man von der hohen Arbeitslosigkeit wieder herunterkommen kann. Wie das im einzelnen vor sich gehen soll, bitte ich in besagtem Editorial nachzulesen. Wie nun die Zuverlässigkeit solcher (nicht neuen!) Simulationsprogramme zu beurteilen ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Oft hört man, darauf sei sowieso kein großer Verlaß und deshalb sollte man lieber die Finger davon lassen. Es kann aber sein, daß diese Zweifler sich nicht intensiv genug mit dieser Materie befaßt haben. Denn es gehört zum kleinen Einmaleins der Programmierer solcher Simulationen, daß sie ihr Produkt zunächst an der Vergangenheit ausprobieren, ehe sie sich an eine Prognose der Zukunft heranwagen. Man läßt die Simulation zum Beispiel erst einmal von 1950 bis heute laufen, und erst, wenn bei Ausgangsdaten von damals beim Durchlauf bis 1997 die Zustände von heute richtig als Ergebnis herauskommen, dann erst hat man die nötige Sicherheit, das Programm auch auf die Zukunft auszudehnen. Natürlich wird die Treffsicherheit auch des besten Programms umso unsicherer (Streuung), je weiter man in die Zukunft vordringt. Aber wenn eine Simulation für, sagen wir, die vergangenen 50 Jahre zuverlässig gearbeitet hat, dann ist es durchaus zulässig, für die nächsten 5 oder 10 Jahre eine Voraussage zu wagen. Wenn man bedenkt, welche einschneidenden Maßnahmen von diesen Fachleuten gefordert werden (mit Billigung von Frau Engelen-Käfer!), dann kann man sagen, daß mögliche Zweifel an der hundertprozentigen Treffsicherheit der Prognose in keinem Verhältnis stehen zu dem Maß an politischer Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit unserer Regierenden und dem Maß an Einsicht und Opferbereitschaft der Regierten, die die Voraussetzung für ein Gelingen dieses hochgesteckten Planes sind. Dabei werden die Opfer nicht für andere, irgendwelche fremde Leute, erwartet, sondern für uns selbst - für dich und mich. Und wer sagt, das ginge nicht, kein Mensch wäre so dumm, der sollte sich das Beispiel Schweden ansehen, wo die gesamte Arbeiterschaft auf runde 20 Prozent ihres Lohnes und auf viele Sozialleistungen verzichtet hat, um den Karren wieder aus dem Dreck zu bekommen. Dort läuft das schon. worüber bei uns noch gequakt wird. (Wie ich soeben lese, läuft das in Holland schon seit Mitte der achtziger Jahre in ähnlicher Form! Aber bei uns hört man nicht einmal etwas davon.) Aber wenn der Chef es nicht versteht - und die Gewerkschaft nicht - und die Leute auch nicht?