#Titel Jokes & Stories / Termin mit dem Tod #Logo gadget29:Pinsel/AG.J&S #Font Losse 16 #C31 TERMIN MIT DEM TOD ================== #Font topaz 8 #C21 In George Renfields Haus brannte noch Licht, genauer gesagt das fahlgelbe Licht seiner Schreibtischlampe. Gespenstisch erleuchtete es den aufsteigenden Rauch des teuren englischen Tabaks, der in Renfields Pfeife langsam verbrannte, während er ein auf seinem Mahagonischreibtisch liegendes Manuskript aufmerksam studierte. George, ein Mann in den mittleren Jahren, arbeitete immer bis spät in die Nacht. Auch diesmal las er derart konzentriert, daß er das Klopfen an der Tür erst beim zweiten Mal bemerkte. Wer mochte das sein? 'Renfield, alter Junge, wenn Du nicht nachsiehst, wirst Du es nie erfahren!' So stand George auf, in Gedanken immer noch beim Manuskript, das da auf seinem Tisch lag, und ging zur Tür, kleine Rauchwoelkchen hinter sich her ziehend. Als er die Hand auf die Klinke legte, bemerkte er eine außergewöhnliche Kälte, die seinen Arm hinauflief und dann wieder verschwand. Da hatte ihm die halbe Flasche Jack Daniels wohl einen physiologischen Streich gespielt. Kopfschüttelnd öffnete er die Tür und... erstarrte! Draußen stand eine Gestalt, die an die zwei Meter maß. Doch das Unheimliche an ihr war die lange schwarze Kutte, in die sie gehüllt war und das Gesicht vor Renfield verbarg. Aus der Kutte ragte ein behandschuhter Arm hervor und hielt, George konnte es kaum glauben, eine Sense, deren scharfe Klinge genau in Höhe des Kopfes (den er freillich nur erahnen konnte) endete und böse im hellen Licht des Vollmondes funkelte. George schluckte. Hatte er SOVIEL getrunken? Oder war sein Gast der traurige Überrest eines feuchtfröhlichen Maskenballs, womöglich nur ein armer Irrer, der sich mit George einen Spaß erlauben wollte? Er tippte auf letzteres und fand seine Sprache wieder. "Guten Abend", sagte er leicht lallend, "Sie wünschen bitte?". Einige Augenblicke lang herrschte Stille und Renfield dachte, sein Gegenüber hätte ihn nicht gehört. Als er gerade ein zweites Mal ansetzen wollte, sprach eine tiefe Stimme, angenehm und kalt zugleich, aus der Kutte zu ihm: "Guten Abend, werter Herr. Gestatten: Ich bin der Tod!". 'Junge, das wird ja immer besser', dachte George und mußte ein Kichern unterdrücken. "Ich bin gekommen, um Dich zu holen." Stille. Totenstille, sozusagen. "Um mich zu holen?" antwortete Renfield verwirrt; dann fing er sich wieder. "Natürlich! Um mich zu holen, selbstverständlich. Weswegen sollte der leibhaftige Tod auch sonst vor meiner Tür stehen, nicht wahr?" George lachte herzhaft. "Aber wissen Sie was?" fuhr er fort. "Kommen Sie doch erst mal auf einen Schluck herein, bevor Sie mir die ganze Nacht vor der Tür stehen bleiben.", und trat einladend beiseite. Langsam und lautlos setzte sich die Gestalt in Bewegung und betrat das Haus. "Danke, zu freundlich!" sprach die Stimme aus der Kutte zu ihm. "Bei der Kälte draussen holt man sich wahrhaftig den Tod, wenn Sie mir diesen kleinen Scherz gestatten." Dröhnendes Gelächter entwich der Kapuze, und George lachte pflichtschuldigst mit. "Nein, wie originell, wirklich. Bitte setzen Sie sich.". Der Tod nahm in einem Ledersessel beim Kaminfeuer Platz, sein Gastgeber plazierte sich ihm gegenüber. "Entschuldigen Sie bitte die Unordnung", sagte Renfield, "aber ich habe bis jetzt gearbeitet. Ich arbeite immer bis spät in die Nacht.". "Ausgezeichnet!" antwortete der Tod. "Auf diese Weise erhöht sich Ihr Infarktrisiko. Wenn alle so fleißig wären wie Sie es sind, hätte ich deutlich mehr Arbeit." Wieder dröhnendes Gelächter. Witzbold! dachte Renfield, während er zum Schreibtisch ging und zwei Gläser mit Whisky anfüllte. Dann kehrte er mit den Behältnissen zum Kaminfeuer zurück und drückte seinem Gast ein Glas in die noch freie Hand. "Stört Sie das lange Ding nicht ein bißchen?" fragte er den Tod. "Och, wissen Sie, manche meiner weiblichen Kundinnen fühlen sich ein wenig davon abgeschreckt, aber im Großen und ganzen bin ich sehr zufrieden damit. Hat mich jedenfalls noch nie im Stich gelassen, als es gebraucht wurde." Renfield überlegte, während er einen tiefen Schluck nahm, ob der Tod seine Frage nicht vielleicht ein wenig mißverstanden hatte, beschloß aber, nicht weiter darauf einzugehen. Erneut Stille. Totenstille. George beschloß, das Spiel des offensichtlich Verwirrten mitzuspielen. "Nun, dann erzählen Sie mal, Mr. Tod:" brach er das Schweigen, "wie laufen die Geschäfte?" - "Och jo, ziemlich flau in letzter Zeit. Allein in diesem Monat nur 6 Klienten in der ganzen Region. Zwei Herzinfarkte, Drei Verkehrsopfer, nur ein Selbstmörder. Und das kurz vor Weihnachten. Unfaßbar, nicht?". George nahm einen weiteren Schluck. "In der Tat, Ihnen scheint es ja wirklich schlecht zu gehen." Er kicherte. "Wie können Sie bloß davon leben, Mr. Tod?". "Ich lebe nicht." antwortete der Tod spöttisch. "Natürlich, natürlich, wie konnte ich das bloß vergessen?" George lachte nervös. Und um seinen eben begangenen Faux Pas zu überspielen: "Nehmen Sie doch meine Frau Martha mit! Sie nörgelt rum, ist schlecht im Bett und betrügt mich außerdem noch!" - "Bedaure, sie steht noch nicht auf meiner Liste." antwortete Mr. Tod. "Und schlecht im Bett ist sie auch nicht." fügte er nach einigen Sekunden hinzu, so daß George fast sein Glas fallen gelassen hätte. "Woher wollen Sie das wissen???" bellte er gereizt. Aber der Tod schwieg und George glaubte ein leises Schnaufen aus der Kapuze vernehmen zu koennen. Schon gut, schon gut, Renfield, alter Junge, der arme Irre will Dich nur ein bißchen auf den Arm nehmen. Laß dich nicht provozieren! George fand seine Haltung wieder. "Zigarre?", fragte er. "Nein, vielen Dank." antwortete der Tod. "Von den Dingern kriege ich immer so 'ne krächzende Stimme. Das ist meiner Profession äußerst abträglich." - "Inwiefern?" - "Insofern, daß die Leute einem dann meistens mit den Worten 'He, Kleiner, Halloween war aber schon.' die Tür vor der Nase zuschlagen." erklärte der Tod geduldig, als wäre es die einfachste Sache der Welt. "Hm, aha, ja, natürlich!" George schwirrte der Kopf. Daß er da nicht eher drauf gekommen war! "Noch ein Gläschen?" fragte er freundlich und deutete auf das mittlerweile leere Glas in der behandschuhten Hand. "Nun, eigentlich bin ich im Dienst..." kam es zögerlich aus der Kutte. "Verstehe, verstehe..." lenkte Renfield ein, während er das Glas jedoch wieder auffüllte. "Es ziemt sich nicht für einen Höllenfürsten, angeschwipst seine Arbeit zu verrichten, wie?". "Der Höllenfuerst bin ich nicht, Sie meinen sicherlich meinen Schwager. Und der ist absoluter Antitalkoholiker. Der hat nämlich derart viel Arbeit, daß er gar nicht erst dazu kommt, mal eine gemütliche Pause zu machen und bei einem guten Tropfen entspannt am Kaminfeuer zu sitzen..." Die Kapuze hatte sich zu der tänzelnden Flamme gewandt und George vermutete (obwohl sie den Kopf verbarg), daß der Engel des Todes gerade sehnsüchtig in seinen Kamin starrte, den er gegen Marthas Willen hatte einbauen lassen. Einer seiner wenigen Triumphe, übrigens. "Aber er hat mich dadurch auf die Idee gebracht, mir einen Anrufbeanworter anzuschaffen. Äußerst praktisch, diese neumodischen Dinger." schloß er seinen Gedanken. Beide nahmen einen Schluck. George nahm sogar einen _besonders_ _kräftigen_ Schluck! Nachdem sie beide ein drittes, viertes und schließlich das fünfte Glas geleert hatten, kam ihm eine Idee. "Sagen Sie, Mr. Tod..." - "Oh bitte, für Sie ruhig 'Erik'." - "Ähm, also gut, Erik, mal eine ganz banale Frage: du bist doch über alle Dinge auf dieser Welt, die Tod und Sterben betreffen, auf dem Laufenden, richtig?". "Richtig!" antwortete der Tod, Pardon, Erik, nicht ohne Stolz. George lächelte. "Nun, wo ich schon mal die einmalige Gelegenheit habe, einen Fachmann zu sprechen: Wer erschoß denn nun wirklich John F. Kennedy?". Der Tod schien sichtlich über die Frage erstaunt, beugte sich dann aber zu George vor und flüsterte ihm leise jedoch deutlich die Antwort ins Ohr. George war verblüfft. "Nein, wirklich? Sieh mal einer an, wer hätte das gedacht?" "Wie? Das wußten Sie etwa nicht?" antwortete der Tod erstaunt. "Nein! Um Himmels Willen, nein!" rief Renfield aus. "Und bitte," fügte er gönnerhaft hinzu "nenn mich ruhig George. Für meine Freunde heisse ich einfach nur George", wobei er seinem Gast kumpelhaft auf die offenbar knochige Schulter klopfte, daß es unter der Kutte verdächtig knackte. Mr. Tod hielt abrupt inne. "George? Wieso zum Teufel 'George'? Weshalb nicht 'Andrew'?". "Nun, weil ich George Renfield bin. Andrew ist mein Nachbar. Er wohnt im Haus nebenan!" antwortete George verwirrt. Sein Gast war mittlerweile wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen, und George stellte mit Befriedigung fest, daß er nicht der einzige war, der nach ein "paar Gläschen" leichte Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht hatte. Der Tod lief mittlerweile ärgerlich und wüste Flueche ausstoßend in seinem Wohnzimmer auf und ab. "Verflixt und zugenäht, da habe ich mich doch schon wieder in der Tür geirrt. Himmel, Arsch und Zwirn, das ist schon das zweite Mal. Verdammt, verdammt, verdammt!" krakeelte er herum, wobei er jedes 'Verdammt' mit einem wütenden Stampfen seiner Sense gekonnt unterstrich. George verstand die Welt nicht mehr. Ob sein karnevalistischer Gast das Spiel nicht ein wenig zu weit trieb? "Dieses Ding hier taugt nichts mehr!" fluchte die Gestalt und ihre freie Hand griff in die Kapuze, um nach wenigen Augenblicken mit einer altmodische Nickelbrille wieder zum Vorschein zu kommen, und warf sie wütend auf den Boden, wo der Engel des Todes sie anschließend zertrat. Dann hielt der Tod inne und sprach zu George "Entschuldigen Sie, Mr. Renfield... George... Ich habe einen Fehler gemacht und muß diesen schnell korrigieren. Vielen Dank für Ihre ausgezeichnete Gastfreundschaft!" Und ehe George etwas erwidern konnte, war sein unheimlicher Gast durch die Tür, vor der er vor wenigen Stunden noch gestanden hatte, plötzlich lautlos entschwunden. Renfield saß noch ein Weilchen in seinem Sessel und dachte über den Abend nach. "Komischer Kauz!" dachte er bei sich. "Wo der wohl ausgebrochen sein mag? Ob er gefährlich war? Eigentlich schien er ja ganz nett zu sein." Dann erhob er sich seufzend aus seinem Sessel und ging zu Bett. Er hatte eindeutig zuviel getrunken. Wenn er nicht so einen entsetzlichen Kater gehabt hätte, wäre ihm sicherlich der Leichenwagen aufgefallen, der am nächsten Vormittag leise vom Hause seines Nachbarn wegrollte. #C31 (c) Oliver Riedel, 1996 #C10 Internet: or@nightline.gun.de