#Titel Jokes & Stories / Liebeshungrig #Logo gadget28:pinsel/AG.J&S #Font Losse 16 #C31 Liebeshungrig #Font topaz 8 #C21 "Glurbuff, reichst du mir noch etwas von dem Schenkel, bitte?" Der Ghul nahm langsam seinen grünbraunen, modrigen Finger aus einer eitrigen Wunde an seinem Hals und stieß seine Klauen in den Unterschenkel des Menschen. Dann zerriß er das Bein mit einer einzigen Bewegung aus dem Handgelenk, und Blut spritzte in Glurbuffs Gesicht. Die Schreie des gefesselten Menschen störten die romantische Stimmung eigentlich kaum. "Hier bitte, nimm ruhig den ganzen Unterschenkel. Den Fuß mag ich ohnehin nicht sehr gerne." Rylgrunsch wußte natürlich, daß das eine Lüge war. Die Füße der Menschen waren das Schmackhafteste überhaupt. Es war ein wunderbares Gefühl, wenn die Zehnägel zwischen den Zähnen zerknackten. Sie sah ihn mit einem wundervollen Lächeln an, als sie das halbe Bein entgegennahm. "Du bist so wundervoll zu mir, Glurbuff. Ich wurde noch nie zu einem schöneren Friedhof eingeladen." "Und ich habe noch nie eine schönere Frau als dich eingeladen." Mit einem leicht nervösen Lächeln blickte er zu Boden. "Um ehrlich zu sein, ich habe vorher überhaupt noch nie eine Frau eingeladen." "Wirklich nicht? Ach, wie süß." Sie rückte etwas näher an ihn heran, dann ließ sie ihre wundervoll nach Eingeweiden duftenden Klauen zart über seine eiternde Wunde gleiten. "Ich glaube", begann sie, und blickte dabei ebenfalls schüchtern zu Boden, "ich habe mich in dich verliebt." Renedar ließ seinen Blick über den großen Marktplatz schweifen, konnte jedoch nichts erkennen, was ihn beunruhigt hätte. Die Händler hatten ihre Stände überall verteilt, und der Markt bildete mittlerweile ein eigenes, verwinkeltes Dorf innerhalb der Kaiserstadt. Es wurden die verschiedensten Waren feilgeboten, die meisten davon magisch verändert. Der Anblick ließ Renedar kurz sein Gesicht verziehen. Er hatte sich durchaus schon gewünscht, daß Magie nicht so weit verbreitet wäre. Wenn jemand nicht zumindest ansatzweise die Magie beherrschte, war er schon ein Ausnahmefall. Und diese Situation konnte manchmal äußerst unangenehme Folgen haben. Renedar erinnerte sich nur ungern an den Tag zurück, an dem Kaiser Tyndymrym ihn zum Ritter ernannt hatte. Nicht nur, daß der Hofnarr sich einen Scherz mit dem Schwert erlaubt hatte, mit dem Renedar zum Ritter geschlagen worden war. Das Schwert war nämlich eigentlich ein verwandelter Dackel, und als Tyndymrym die "Klinge" auf seine Schulter gelegt hatte, hatte der Hund sein Beinchen gehoben. Viel schlimmer war das nachfolgende Essen gewesen. Der damalige Koch war davon überzeugt, daß man Salate weitgehend unbehandelt lassen müsse, aber als sie dann serviert wurden, waren die durch magische Züchtung intelligent gewordenen Pflanzen einfach vom Tisch gesprungen und weggerannt. Die erste Aufgabe, die Renedar von seinem Kaiser erhalten hatte, war die Verfolgung einiger Salatpflanzen gewesen. Gewiß hatte der Ritter mittlerweile einen sehr guten Ruf - er gehörte zu den populärsten und wohlhabendsten Rittern des Reiches -, doch diese Geschichte würde ihm wohl bis zu seinem Lebensende anhängen. "Ritter Renedar!" rief ihn eine wohlbekannte Stimme, als er sich einen Weg durch die Menge bahnte. "Edler Ritter, wartet einen Moment!" Renedar blieb in der Tat stehen, aber nicht, um der Aufforderung nachzukommen, sondern um den Schreck zu verarbeiten. "Ich grüße euch, Lyrranna", brachte Renedar mit einem etwas krampfhaften Lächeln hervor. "Seid ihr etwa allein unterwegs?" "Keinesfalls, edler Ritter", erklärte Lyrranna, während sie ihn mit ihren rehbraunen Augen sanft anblickte, "meine Mutter Leariss führt derzeit Verhandlungen mit einem Schmuckhändler. Ich hatte gerade vor, zu ihr und meinem Vater zurückzukehren. Wißt ihr, sie wollte sich eine neue Halskette aus tanzenden Flammen besorgen, und ihr wißt ja, daß die Preise dabei sehr unterschiedlich sind. Wenn man einmal anfängt, darüber zu handeln, dauert es lange, bis man sich einigt." "Ich weiß, ja." Renedar verdrehte leicht die Augen. Lyrranna war eine ungewöhnlich gutaussehende Frau, die auch keinesfalls mit ihren Reizen geizte. Traurigerweise aber geizte sie noch viel weniger mit ihren Worten. "Nun, wenn ihr unterwegs zur Dame Leariss seid, will ich nicht -" "Ein äußerst freundliches Angebot, edler Ritter! Kommt, begleitet mich!" Seine Mutter lächelte ihn glücklich an. "Das ist wirklich wundervoll, Schatz. Du mußt sie uns unbedingt bald vorstellen!" "Aber sicher", antwortete Glurbuff glücklich. Alles war so wunderbar. Rylgrunsch liebte ihn, und seine Familie war fast so glücklich über seine erste Liebe wie er selbst. Sein Vater Glormpf hatte seinen Segen für ihre Beziehung gegeben, obwohl er Rylgrunsch noch nicht einmal gesehen hatte. Sein Bruder Rombloff sah kurz von dem vermoderten, von Würmern zerfressenen Leichnam auf, an dem er genagt hatte. "Ich schlage vor", sagte er, "zur Feier des Tages holen wir uns erstmal ein Festessen!" "Ja, Klermon, ich weiß. Du hast bisher immer nur das Beste geliefert." Yul haßte es, mit diesem eingebildeten Bauern zu verhandeln. Aber er war nun mal unübertroffen, und vor allem konnte man bei seinen Pflanzen sicher gehen, daß sie nicht plötzlich anfingen, sich zu paaren oder in Dämonen zu verwandeln. "Ich meine nur, daß ich für den Geburtstag des Kaisers wirklich das Allerbeste von dem brauche, was du hast." "Meinst du mit dem Allerbesten wirklich das Allerbeste, oder nur etwas verdammt Gutes?" fragte Klermon nachdenklich. "Das Allerbeste. Der Kaiser feiert seinen vierzigsten Geburtstag nur einmal, und außerdem sind König Ameas von Delcoron und die Kaiserin Pera von Dagos als Ehrengäste anwesend. Es muß perfekt werden." Klermon grinste Yul zufrieden an. "Ich denke, ich habe da etwas für dich." Immer noch grinsend griff er in eine seiner weiter hinten stehenden Kisten und holte eine merkwürdige Frucht hervor. Das Gewächs sah aus wie eine Melone, die nach einer Identitätskrise verzweifelt versucht hatte, sich in eine wunderschöne Frau zu verwandeln, aber nur eine zwei Zentner schwere Hure als Vorbild gehabt hatte. "Ist das euer Ernst, Klermon? Ihr wißt, daß ich das dem König kaum anbieten kann." "Natürlich nicht, Yul. Zuerst muß der Koch sie zubereiten. Ich habe acht Jahre an diesen Früchten gearbeitet, und nur zwei Früchte haben es überstanden. Eine werde ich heute abend selbst verspeisen, und diese eine ist für den König. Es ist das Beste, was es je gab." Dann zwinkerte er dem Hoflieranten kurz zu. "Und nur ich weiß, wie man weitere Früchte züchtet. Damit mir niemand etwas klauen kann." Mißtrauisch betrachtete Yul die seltsam geformte Frucht. "Ich bin mir nicht ganz sicher..." "Laßt es mich erklären. Sie sieht nicht sehr gut aus, das ist wahr. Das kommt daher, daß ich die Frucht nicht simpel eigenhändig gezüchtet und geformt habe. Ich habe ihr eine Art evolutionäre Intelligenz gegeben, und die Früchte haben sich sozusagen selbst weiterentwickelt, damit sie den absolut perfekten Geschmack bekommen. Vereinfacht gesagt." "Beeindruckend." Yul betrachtete die Frucht noch immer, allerdings nicht mehr mißtrauisch, sondern bewundernd. "Wieviel willst du dafür?" "Nun, weißt du... mit Geld ist diese Frucht eigentlich nicht zu bezahlen..." Yul lächelte den Bauern verstehend an. "Welchen Gefallen soll ich dir tun?" "Nun, du hast ja... viel mit den Leuten bei Hofe zu tun, und... ich hätte gerne..." "Klermon, du stotterst doch sonst nicht so. Sag einfach, was du willst." "Ich kenne sie zwar nur vom Sehen her, aber ich wünsche mir nichts sehnlicher, als eine Nacht mit der Edeldame Lyrranna zu verbringen." Renedar blickte nervös auf die tänzelnden Flammen, die Leariss´ Halskette bildeten. Er verstand durchaus, daß die Magie, die sie ausstrahlten, seine Blicke anzogen, aber widersetzen konnte er sich ihnen trotzdem kaum. Er war nur froh, daß Leariss und besonders ihre Tochter selbst kaum etwas von Magie verstanden. "Ritter Renedar, gefällt euch meine Halskette so gut?" Leariss lächelte ihn beinahe hinreißend an. Es wäre ein hinreißendes Lächeln gewesen, wenn Leariss nicht über fünfzig Jahre alt und ihr Lächeln nicht von ihrer schrecklich schrillen Stimme begleitet gewesen wäre. "Oder betrachtet ihr etwa -" "Gewiß, ja, es ist eine sehr... verwirrende... ähm... faszinierende Kette. Verzeiht, wenn ich euch damit belästigt haben sollte." "Keinesfalls. Es ist ein Kompliment, wenn ihr von mir fasziniert seid." Wieder folgte ihr Versuch, hinreißend zu lächeln. Ihr Gatte, der Edelmann Marvod, blickte dabei leicht beschämt zur Seite. Allerdings war sich Renedar nicht sicher, ob er das tat, weil er eifersüchtig war, oder weil er sich schämte, mit dieser Frau verheiratet zu sein. "Verzeiht, meine Damen, doch ich sehe gerade einen alten Freund von mir, dem ich seit langer Zeit nicht begegnet bin, und -" "Es macht mir keinesfalls etwas aus, euch zu begleiten, edler Ritter!" Lyrranna schenkte ihm ihr wundervollstes Lächeln, bevor sie sich kurz an Leariss wandte. "Mutter, entschuldigt ihr uns?" Nach kurzem Zögern lächelte Leariss und nickte ihr zu. Renedar bot Lyrranna leicht schwitzend ihren Arm an und wandte sich dann so schnell wie möglich ab. Es war zumindest ein Teilerfolg. Garhon unterhielt sich gerade mit drei Artisten, die durch Verwandlungszauber die Form von Jonglierkeulen angenommen hatten und sich gegenseitig in die Luft warfen, als er Renedar entdeckte. Im ersten Moment freute er sich natürlich, seinen alten Freund wiederzusehen. Doch dann erkannte er auch Lyrranna. Leicht erschrocken blickte er sich weiter um, und schließlich entdeckte er auch Lyrrannas Eltern. Erleichtert erkannte er, daß sie sich von Renedar abwandten. Die schrille Stimme von Leariss hatte, wie Garhon wußte, allen Experimenten selbst der besten Magier standgehalten und war ein Übel, mit dem sie leben mußte. Vor allem aber mußte ihr Gatte damit leben, der erst erfahren hatte, daß sie doch nicht stumm war, nachdem sie getraut waren. Lyrranna war dagegen noch zu ertragen, und vor allem war sie nicht ganz so hartnäckig wie ihre Mutter. "Renedar!" rief er schließlich seinem Freund zu. Der hatte ihn offenbar längst entdeckt und winkte fröhlich zurück. Lyrranna hörte selbst dann nicht auf zu reden, als die beiden Männer die Hände schüttelten. "Schuftet ihr immer noch für diesen... für... unseren geliebten Kaiser?" fragte Garhon seinen Freund. Da endlich schien Lyrranna die Situation zu begreifen und schwieg. Vorerst. "Ich grüße euch, Garhon. Darf ich euch die Dame Ly -" "Ihr seid Lyrranna? Welch Freude, euch kennenzulernen, schöne Dame. Man spricht selbst in benachbarten Ländern noch von eurer hohen Gabe, gepflegte Unterhaltung zu führen." Garhon setzte bei diesen Worten sein freundlichstes Lächeln auf. Allerdings lächelte er nicht Lyrranna, sondern seinen Freund Renedar an. "Nun, Garhon, was spricht man in den anderen Ländern?" erkundigte sich Renedar etwas verärgert. Garhon wußte, wie sehr Renedar ihn um die Gabe beneidete, Beleidigungen als Komplimente auszugeben. "Andere Länder? Seid ihr etwa ein Abenteurer, der -" "Nur ein Barde, edle Dame. Nun, Renedar, zuletzt hatte es mich nach Dagos verschlagen. Wie ich hörte, ist auch Kaiserin Pera derzeit hier." "Ja, Kaiser Tyndymrym wird wohl versuchen, sie als Verbündete gegen Haelmport zu gewinnen. Wenn er Erfolg hat, wird das von großer Bedeutung sein. Haelmport muß sich dann an genau entgegengesetzten Seiten verteidigen, und wenn dann noch Delcoron zusagt, ist sozusagen der Halbkreis geschlossen." "Taktisch klug, aber wie ich hörte, will sich König Jorn von Haelmport derzeit weniger auf Kriege festlegen. Es heißt, er hätte genug Probleme in seinem eigenen Land." "Umso besser für uns! Wißt ihr, was für Probleme das sind?" "Nun, ich hörte von vermehrten Angriffen der Ghule..." Lyrranna riß erschrocken die Augen auf. "Ghule? Hatte ich eigentlich schon erzählt, daß auch mein Großvater mütterlicherseits einst auf einer Reise zu einem guten Freund von -" "Das", unterbrach Renedar sie, "erklärt einiges. Denn auch an unserer Grenze zu Haelmport berichtete man von ungewöhnlich vielen Ghulangriffen." Renedar blickte nachdenklich einen Straßenzauberer an, der gerade vor seinem Publikum einen Elch aus seiner Socke zog. Es wirkte besonders dadurch beeindruckend, daß der Mann die Socke dabei noch am Fuß trug. "Davon weiß ich ja noch gar nichts, edler Ritter", holte Lyrranna ihn aus seinen Gedanken zurück. Sie wirkte nun wirklich verängstigt. "Glaubt ihr denn, daß für uns eine Gefahr besteht, oder daß vielleicht sogar -" "Ihr könnt beruhigt sein, Lyrranna, in der Kaiserstadt besteht keine Gefahr. Kein Ghul könnte auch nur die Stadtmauern erreichen. Aber Garhon, zurück zu euch. Ich denke", erklärte Renedar und ergriff dabei den Arm seines Freundes, "wir sollten uns einmal genauer über eure Erlebnisse unterhalten, um vielleicht herauszufinden, was genau passiert." Langsam und unauffällig wandten sich die beiden Freunde nun von Lyrranna ab, während sie wieder und wieder versuchte, den immer schneller sprechenden Renedar zu unterbrechen. "Was haltet ihr davon, mich zu meinen Gemächern im Kaiserpalast zu begleiten, Garhon?" Mit schnellen Schritten ließen die beiden Freunde Lyrranna hinter sich, während sie sich intensiv unterhielten. Der Koch betrachtete überglücklich das Festmahl, das er geschaffen hatte. Er beherrschte die Magie nicht im Geringsten, und dennoch war er der beste Koch des ganzen Kaiserreiches. Er selbst schrieb das seiner ungewöhnlichen Intelligenz zu. Yul wunderte sich immer, daß Denar trotz seiner in der Tat ungewöhnlichen, aber keinesfalls hohen Intelligenz solche Kunstwerke schaffen konnte. "Yul, schnell, gib mir das Messer!" Sofort hielt der Hoflieferant eine große Klinge in der Hand und reichte sie dem Koch. Er wußte nicht, was der dickliche Mann gesehen hatte, aber er wußte Denar mittlerweile gut einzuschätzen. Der Koch griff nach dem Messer, stürzte zu einem der Tabletts und führte die Klinge vorsichtig an kleinen Türmchen aus Fleischbällen vorbei. Dann erkannte auch Yul, worauf er es abgesehen hatte: Eine Mohrrübe hatte sich hinter einem der Türmchen versteckt und verschlang ein Fleischbällchen nach dem anderen. Einer der Türme stand schon kurz vor dem Einstürzen. Als die Pflanze das Blitzen des Metalls bemerkte, sprang sie auf und hüpfte in einem Satz von dem Tablett auf die Arbeitsfläche neben dem Herd. "Verdammt, Yul, von welchem Bauern hast du diese Pflanze?" "Von Rigard!" fluchte Yul, während er um den Tisch mit den Tabletts herumrannte, um die Möhre zu verfolgen. "Bei ihm kam so etwas noch nie vor!" Die Möhre hatte mittlerweile den Rand der Tischplatte erreicht und blickte nun ängstlich in die Tiefe dahinter. Als sie Denar nur noch einen Schritt von sich entfernt sah, ließ sie sich schließlich doch mit einem leisen, hellen Schrei hinunterfallen. Sofort war Yul mit einem kleinen Netz zur Stelle, das er über die stöhnende, am Boden liegende Mohrrübe warf. Leicht keuchend kam Denar neben ihm zum Stehen. "Haben wir dich, kleines Mistvieh." Die Möhre drehte sich langsam, zitternd herum und blickte den Koch flehend an. Als Denar das Messer auf die Pflanze herunterfahren ließ, schlug sie wild kreischend mit ihren Armen hin und her. Es dauerte fast eine Minute, bis das Gewächs sich nicht mehr regte. "Nun, mein Schätzchen, dann wollen wir mal sehen, wie du schmeckst." Klermon leckte sich begeistert die Lippen, dann setzte er das Messer an die entfernt melonenähnliche Frucht an. "Es ist fast zu schade, dich zu zerschneiden. Aber es wäre noch schlimmer, dich nicht zu kosten." Mit einem Seufzen versuchte er, den passenden Winkel zu suchen, um die grüne Schale zu durchstoßen, als er plötzlich stockte. Die Frucht schien sich bewegt zu haben - Mit einem knarrenden und zugleich schmatzenden Geräusch wucherten an den Seiten der Frucht ein halbes Dutzend merkwürdige Auswüchse heraus. Nur einen Sekundenbruchteil später erkannte Klermon, was diese Auswüchse darstellten: Seine Frucht hatte Arme bekommen! Mit einem Schrei stieß er die Klinge des Messers in die Frucht, doch er konnte nur noch die Schale etwas einritzen, bevor die grünen Arme seinen Arm umklammerten und seine Gedärme durchstießen. "Du wirst mich nicht töten, Mensch!" Klermon achtete nicht auf das widerwärtige Frauengesicht, das sich auf der Frucht gebildet hatte. Die harten, unbarmherzigen Arme der Pflanze schlangen sich immer weiter durch seinen Körper, als der Bauer schon längst tot war. "Aber wieso gerade die Kaiserstadt? Es ist so gefährlich dort..." Blurrflobb sah ihren Bruder Rombloff leicht verängstigt an, während der versuchte, einen Zehnagel zwischen seinen Zähnen herauszufriemeln. Dann betrachtete sie abermals die hohen Mauern der Menschenstadt, auf denen zahlreiche Soldaten die Umgebung beobachteten. "Kleines Schwesterchen, die Kaiserstadt der Menschen erscheint dir vielleicht gewaltig und gefährlich. Aber in Wirklichkeit sind die Menschen dort unglaublich behäbig und gemütlich. Sie haben sehr gute Waffen, ja, und sie haben gewaltige Mauern. Aber ihre Aufmerksamkeit ist genauso gering wie ihre Kampfkunst. Dafür finden sich dort hevorragende Menschen mit unglaublich zartem Fleisch. Ich war erst drei Mal dort, aber jedesmal tat es mir furchtbar leid, sie wieder zu verlassen. Vertrau mir einfach." "Nun kommt, Kinder!" unterbrach ihre Mutter das Gespräch. "Glurbuff ist nur einmal zum ersten Mal verliebt, und ich bekomme langsam Hunger. Also auf zum Festessen!" "Klermon?" Der Seiler betrachtete nachdenklich den Beutel, den er in der Hand hielt. Die Kirschen, die er darin gefangen hielt, sprangen wie wild von innen gegen das Leder, aber der Mann hatte nicht vor, ihnen die Freiheit wiederzugeben. Die Geräusche im Innern des großen Holzhauses verunsicherten den Seiler ein wenig, aber er war von Klermon mittlerweile einiges gewöhnt. Vorsichtig legte er seine Hand auf die Klinke. "Klermon? Ich habe ein kleines Problem mit den Kirschen, die du mir gegeben hattest..." Als der Seiler die Tür geöffnet hatte, verfluchte er sich, daß er die Kirschen nicht einfach eigenhändig erschlagen hatte. Mitten in dem Raum stand eine etwa zwei Meter große, entfernt melonenähnliche Frucht, aus der Hunderte von gewaltigen, tentakelartigen Auswüchsen ragten und sich durch das ganze Haus zu ziehen schienen. Einige Meter hinter der Frucht, die den Seiler böse anstarrte, lagen die blutigen Überreste Klermons, verteilt über vier oder fünf Meter. "Mensch! Dein Geschmack ist so schlecht, daß du es nicht wert bist, zu leben! Und du wagst es, meine Kinder gefangenzuhalten?" Einer der grünen Tentakel raste auf den Beutel zu und riss ihn dem Seiler aus der Hand. Die Kirschen hüpften sofort heraus und sprangen auf die gewaltige, grüne Pflanze zu, der sie ihr derzeitiges Leben verdankten. Der Lanzenträger stieß das untere Ende seiner Lanze mehrmals auf den Boden, als er den Koch und seine Untergebenen sah. Renedar hatte den Eindruck, als würde sich die Lanze für einen Moment in einen Hammelbraten verwandeln, als der Mann das Essen ankündigte. Begeistert wandten sich alle Gäste der imposanten Tür zu, als ein Dutzend in strahlendem weiß gekleideter Männer und Frauen dem dicklichen Koch folgten. Alle trugen golden und silbern strahlende Tabletts, unter deren Deckel offensichtlich die köstlichsten Speisen verdeckt waren. Denar lief direkt auf den Platz des Kaisers zu. Tyndymrym strahlte ihn glücklich an, und das weiße Wolfsfell seines kaiserlichen Umhangs schien sich gemütlich an sein Doppelkinn zu schmiegen. Der Koch stellte das Tablett vor dem Kaiser ab, während alle anderen Bediensteten ihre Tabletts noch in der Hand hielten. Mit einer geschmeidigen Handbewegung nahm er den Deckel von dem Tablett, und die Menge sog begeistert den Atem ein. "Das ist..." stammelte der Kaiser. "Das ist..." Die exotischsten Früchte umrangten den Rand des Tabletts, während in der Mitte, wie auf einem Thron, goldengelb glänzendes Fruchtfleisch wunderbarsten Geschmack versprach. Auf der Spitze dieses Fruchtfleischs lag eine einzelne, rot schimmernde Kirsche und machte den Eindruck perfekt. "Das ist unglaublich", beendete Tyndymrym endlich seinen Satz. Das Wolfsfell drückte sich fest, aber zärtlich an seinen Hals. Zögernd, als würde er etwas Heiliges vernichten, ließ er seine Gabel in das Fruchtfleisch direkt unter der Kirsche gleiten. Denar beäugte seinen Kaiser mit unendlicher Vorfreude, denn er wußte, wie unglaublich sein Essen schmeckte. Noch nie hatte jemand etwas wundervolleres geschaffen. Ganz langsam führte Tyndymrym die Gabel zurück zu seinem Mund, wobei er darauf achtete, daß die Kirsche nicht herunterfiel. "Ich traue mich kaum..." flüsterte der König in den Raum hinein. Vereinzelt kam leises Lachen auf, aber die meisten starrten den Kaiser nur gebannt an. Mit einem Mal schlug die Kirsche ihre einen Moment zuvor noch nicht vorhandenen Augen auf, blickte den Kaiser böse an und zeigte mit ihrem winzigen Arm auf ihn. "Mörder! Wieso habt ihr unsere Mutter getötet?" Renedar mußte wieder an den Tag denken, an dem er zum Ritter geschlagen worden war. Verdammte Magie! Er wußte durchaus, weshalb er sich weigerte, sie anzuwenden, wenn es eben zu vermeiden war. Ein halbes Dutzend Kartoffeln sprang ihn kreischend an, aber sein Schwert spaltete die Pflanzen noch auf halber Höhe. Verzweifelt suchte er nach Garhon. Er wußte zwar, daß der Barde ein außergewöhnlich guter Kämpfer war, aber auch, daß Magie oftmals Garhons Sinne verwirrte. Irgend etwas hatten die magischen Kräfte an sich, daß seinen scharfen Verstand durcheinanderbrachte. Nach einigen endlosen Sekunden fand Renedar seinen Freund endlich. Er war damit beschäftigt, Salatblätter aus seinem Gesicht zu zerren, die offenbar versuchten, ihm den Atem zu rauben. In drei langen Sprüngen war er bei dem Barden angelangt und zerschnitt die hauchdünnen Blätter mit einem Streich, ohne das Gesicht Garhons auch nur anzuritzen. Überrascht betrachtete der Barde die zu Boden fallenden Blätter. "Ich sehe, ihr habt nichts verlernt, Renedar. Ein hervorragender Hieb." "Danke, Freund. Könnt ihr kämpfen?" "Solange ich eine Waffe in der Hand und keine Pflanzen im Gesicht habe, schon." Mit einer schnellen Bewegung ließ Renedar sein zweites Schwert von der Schwertscheide in die Hand Garhons gleiten, dann wandte er sich wieder dem Kampfgeschehen zu. "Wißt ihr, Renedar, irgendwie erinnert mich diese Sache an den Tag, an dem ihr zum Ritter geschlagen worden seid." Der Ritter sparte es sich, seinen Freund noch einmal böse anzufunkeln. Er hätte ohnehin nichts als ein hämisches Grinsen gesehen. "Ich spüre, daß sie tot ist. Ich werde dich rächen, Schwester. Niemand tötet ungestraft uns und unsere Kinder." Die melonenartige Frucht trug sich auf ihren tentakelartigen Armen selbst durch die menschenleeren Straßen. Um sie herum wanderten Tausende kleinerer Pflanzen aller Arten. "Glurbuff!" In nur wenigen Sekunden hatte sich Rylgrunsch aus der Erde gebuddelt. Sie hatte tief neben dem Grab eines lange Jahre toten Kriegers geschlafen, als sie spürte, daß etwas nicht stimmte. Ihr Geliebter war in einer schrecklichen Gefahr. Mit einigen heftigen Schnaufern hatte sie die Erde aus ihren Nüstern entfernt und richtete ihre Nase in Richtung des Vollmonds. In der Tat, irgend etwas stimmte nicht. Es war etwas sehr ungewöhnliches im Gange. "Ich grüße dich, Schwester." Erschrocken drehte sie sich herum. Vor ihr stand ein knapp zwei Meter großer, muskelbepackter Ghul, der sie herablassend angrinste. "Du gefällst mir, Mädchen..." "Schlollgruppf!" Der andere Ghul war nicht so stark wie sein Gefährte, aber er strahlte eine kalte Bösartigkeit aus, die Rylgrunsch einen Schauer über den Rücken trieb. "Du solltest sie begrüßen, nicht zu deinem Eigentum erklären." Abschätzend betrachtete er Rylgrunsch. "Wie ist dein Name?" "Rylgrunsch. Und..." Sie stockte einen Moment, als sie bemerkte, daß hinter den beiden noch weitere Ghule standen. Sie hatte ihre Aufmerksamkeit ganz dem widerwärtigen Schlollgruppf geschenkt, aber jetzt erkannte sie, daß es unzählige weitere Ghule auf ihren Friedhof gezogen hatte. Es war eine gewaltige - ja, Armee war wohl das richtige Wort für diese ihre Artgenossen. "Und wer bist du?" "Mein Name ist Blodrebebb. Ich - nun, sagen wir, ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, uns Ghulen endlich ein besseres Leben zu gestatten." Mißtrauisch sah Rylgrunsch ihn an. "Was meinst du damit?" "Wir leben seit Jahrhunderten versteckt auf den Friedhöfen, die die Menschen zufällig irgendwo anlegen. Wir sammeln uns in kleinen Gruppen, um zu überleben, und immer wieder werden wir von den menschlichen Jägern abgeschlachtet. Von den Menschen, das muß man sich mal vorstellen, die eigentlich ja unsere Beute sind!" "Und?" "Und dies soll nun ein Ende haben. Wir kommen aus Haelmport, das wir schon so gut wie eingenommen haben. Nun sind wir unterwegs zur Kaiserstadt von Nerassa, deinem Heimatreich, um auch hier die Macht zu übernehmen." Rylgrunsch dachte einen Augenblick über die Worte Blodrebebbs nach. Sie war eigentlich glücklich mit ihrem bisherigen Leben gewesen... "Ich verstehe, was du vorhast, aber ich sehe nicht den Sinn. Meine Familie lebt glücklich auf diesem Friedhof, und zwar seit Jahrhunderten. Es gab Zeiten, in denen Menschen welche der unseren töteten, aber ebenso haben wir sie getötet. Ich denke, es ist gerecht, wenn wir ihnen die Chance lassen, sich zu wehren..." "Gerecht? Du bist verwirrt, Mädchen!" Blodrebebb zog verärgert einen schleimigen Klumpen aus seinen Nüstern und warf ihn zu Boden. "Soviel wie dieser Schleimklumpen hier sind die Menschen wert! Sie sind uns untergeordnet, weshalb sonst sollten sie unsere Beute sein? Wir werden sie halten, wie sie ihre Tiere halten, und sie werden keinen von uns mehr töten!" "Ich fürchte, du machst da einen kleinen Denkfehler. Wenn ihr die Kaiserstadt erobern wollt, werden gewiß viele Hundert Ghule sterben, und ich bin ziemlich sicher, daß es mehr sein werden, als die Menschen mit ihren vereinzelten Jagden -" "Zweiflerin! Du kannst selbst entscheiden, ob du uns begleitest oder nicht. Aber erwarte nicht, daß wir dich noch aufnehmen, wenn du uns jetzt ablehnst!" Verzweifelt dachte Rylgrunsch nach, was sie machen konnte. Glurbuff war mit seiner Familie in der Kaiserstadt! Und er war Rylgrunsch so ähnlich, daß er niemals diesem verblendeten Blodrebebb zustimmen würde. Rylgrunsch war eine gutaussehende Ghulin, aber sie glaubte nicht, daß der so offensichtlich machtgierige Blodrebebb einen männlichen Ghul leben lassen würde, der sich gegen ihn stellte. "Kann ich euch erst einmal begleiten, um mich dann später endgültig zu entscheiden?" Blodrebebb grinste Rylgrunsch lüstern an. "Aber sicher", entgegnete er und hauchte ihr seinen fauligen Atem entgegen. Sie war überrascht, daß ein solcher Ghul darauf achtete, gut aus dem Mund zu riechen. Der Festsaal war ein einziges Chaos. Überall lagen zerhackte, zerstampfte und anderweitig getötete Pflanzen herum. Zum Glück hatte es nicht mehr als ein paar leichte Verletzungen gegeben. Es wäre vermutlich anders ausgegangen, wenn nicht fast alle Ritter des Kaisers anwesend gewesen wären. "Denar!" fauchte Kaiser Tyndymrym seinen zitternden und heulenden Koch an. "Was sollte das? Wie kannst du das erklären?" Einen Moment herrschte Stille, die nur noch von Denars Schluchzen durchdrungen wurde, dann trat Yul vor den Kaiser. "Verzeiht, Herr", sagte er und kniete vor ihm nieder, "ich habe den Verdacht, daß es in gewisser Weise meine Schuld war..." "In gewisser Weise? Wieso? Wie meinst du das?" "Sagt euch der Name Klermon etwas, Herr?" Der Kaiser überlegte einen Moment. "Ja. Ein Bauer, nicht wahr? Wenn ich mich erinnere, einer der besseren..." "Der beste, Herr. Ich kaufte..." Yul dachte kurz an das Fläschchen mit dem Liebestrunk in seiner Tasche, das er für die Erfüllung von Klermons Wünschen gebraut hatte. "... kaufte... eine ungewöhnliche Frucht bei ihm, Herr. Das Problem war, daß Klermon sie nicht in herkömmlicher Art gezüchtet hat. Er erfand eine Methode, damit sie sich selbst entwickelte, um den bestmöglichen Geschmack zu bekommen. Das heißt, den wirklich besten überhaupt möglichen Geschmack. Es scheint mir allerdings so, als hätte sie zudem noch ein paar weitere Fähigkeiten entwickelt, die niemand vorherahnen konnte. Ich bitte euch, Herr, laßt Gnade walten, da niemand dies wirklich ganz zu verantworten hat." Der Kaiser betrachtete seinen Lieferanten einige Sekunden nachdenklich. Dabei strich er mit seinen Händen über das Wolfsfell, das seinen Umhang umsäumte und sich genüßlich an seine Hände schmiegte. "Niemand stimmt nicht ganz. Wenn dieser... Klermon? Wenn er die Pflanze gezüchtet hat, trifft ihn die Schuld. Wache, holt diesen Mann her! Ich werde noch heute abend Gericht über ihn halten!" Renedar glaubte nicht, daß der Kaiser allzu hart gegenüber dem Bauern sein würde. Alleine schon deshalb, weil Kaiserin Pera von Dagos zwar rachsüchtig war, der König von Delcoron aber äußerst gnädig und vor allem weit mächtiger als Pera. Momentan aber hatte der Ritter ganz andere Sorgen. Leariss hatte es geschafft, den armen Garhon in ein langwieriges Gespräch zu verwickeln, und ihre Tochter Lyrranna hatte Renedar in die kaiserlichen Gärten geschleift, sobald sich die Lage wieder etwas beruhigt hatte. Im Moment war sie damit beschäftigt, ihre Arme um seinen Hals zu legen und mit ihrem Fuß seinen Unterschenkel zu streicheln. Renedar hingegen war damit beschäftigt, sie so weit wie möglich von sich fern zu halten. "Hört mir zu, Lyrranna, ich..." "Ja, ich will euch auch Renedar. Ihr seid ein so starker -" "Nein, ich meine, wir... also... wir kennen uns doch eigentlich kaum, und..." "Und schon habt ihr Besitz von meinem Herzen ergriffen. Ich würde alles für euch tun." Für einen Moment hielt Renedar inne in seinen Bemühungen, ihre Arme abzustreifen. Lyrranna war ja keineswegs unattraktiv - aber nein, sie würde vermutlich in wirklich jeder Situation weiterreden. "Bitte, Renedar, küßt mich!" "Verzeiht, meine Dame, aber..." "Küßt mich!" rief sie und zog sich an seinen Schultern hoch. Hätte er nicht diese Chance genutzt, sie ganz hochzuheben und in einem halben Meter Entfernung wieder auf den Boden zu setzen, hätte sie ihn tatsächlich geküßt - und dann wären sie jetzt verlobt. Wütend starrte sie Renedar an. "Was fällt euch ein? Seid ihr mir so abgeneigt? Gefalle ich euren Augen nicht?" "Versteht mich nicht falsch, meine Dame, meinen Augen gefallt ihr durchaus, aber nicht..." "Nicht was?" "Ähm... ich meine, es geht mir etwas zu schnell. Laßt mir bitte etwas mehr Zeit..." "Das heißt, ihr wollt mich wiedersehen?" Die Farbe von Renedars Gesicht wechselte innerhalb einer Sekunde von glühendem Rot in ein leichenähnliches, bleiches Weiß. "Nun, Glurbuff, glaubst du, sie würde deiner Rylgrunsch als Hochzeitsgeschenk gefallen?" "Bestimmt!" Glurbuff war begeistert. Anfangs war er dem Vorschlag seines Bruders gegenüber auch etwas mißtrauisch gewesen, aber nun mußte er zugeben, daß er tatsächlich noch nie so schmackhaft aussehende Menschen gesehen hatte. "Sie ist fast so zart wie Rylgrunsch", grinste er seinen Bruder vergnügt an. "Ich hoffe nur, der Mann macht keine Schwierigkeiten. Immerhin trägt er ein Schwert bei sich..." "Keine Angst, ich schlage ihm einen Stein über den Kopf, dann ist er wohl ruhig." Der Wachsoldat hatte eigentlich gehofft, eine ruhige Nacht zu verbringen. Jetzt war er sich nicht mehr ganz sicher, ob es wirklich dazu kommen würde. Er meinte, in der dunklen Umgebung der Stadtmauern Bewegungen zu sehen, aber immer, wenn er genauer hinsah, regte sich nichts mehr. Er hatte sich gerade entschlossen, seinem Hauptmann davon zu berichten, als er hinter sich wildes Geschrei hörte. Entsetzt blickte er auf die Straße hinunter. Die Menschen dort rannten in wilder Panik in ihre Häuser oder die Straße hinunter, während eine riesige, melonenartige Frucht auf hunderten von Tentakeln durch die Stadt wanderte. Die Pflanze war umgeben von unzähligen anderen Pflanzen. Langsam hob der Wachsoldat seinen Bogen, sah auf seine zitternden Hände und senkte die Waffe wieder. Es war wohl besser, auf einen genauen Befehl zu warten. Den allerdings erhielt er nicht mehr, denn eine aschgraue, modrige Hand schloß sich um seine Kehle und riß ihn nach hinten. "Renedar! Mein Gott, was ist passiert?" Der Kaiser blickte den Ritter mit echter Angst an und betastete die blutende Wunde an seinem Schädel. Angewidert blickte er sich um, dann sah er wieder seinen Untergebenen an. Überall in dem Garten verteilt lagen die Einzelteile von Ghulen, und als sie Renedar gefunden hatten, steckte noch eine einzelne Ghulklaue in seiner Schulter. Unsicher kniete Garhon neben seinem Freund nieder. "Was ist hier geschehen, Renedar?" Der Barde musterte den Ritter mehr als besorgt. Die Wunde an seinem Kopf sah äußerst gefährlich aus. "Haben wir eigentlich Sommer oder Winter?" fragte der Ritter. "Frühling, wieso?" erwiderte der Kaiser verwundert. "Was?" fragte Renedar und fiel wieder in Ohnmacht. Rylgrunsch hatte sich vollkommen unbemerkt von den anderen Ghulen abgesetzt, als sie den zitternden Glurbuff in einer dunklen Seitengasse entdeckt hatte. "Liebling, was ist passiert?" Der Ghul sprang erschrocken auf und starrte sie an. Da erst bemerkte sie, daß er seinen linken Arm krampfhaft mit dem rechten an seinen Körper preßte. Es war wie ein Schwerthieb in ihr Herz, als Rylgrunsch erkannte, daß seine linke Hand fehlte. Ganz ruhig ging sie auf ihn zu und strich über seinen Armstumpf. "Schatz..." "Sie sind alle tot!" schluchzte er mit einem Mal los. "Der Mensch, er... Rombloff hat ihm mit einem Stein den Kopf eingeschlagen, aber er kämpfte trotzdem weiter wie ein Besessener... es war unglaublich... er..." "Beruhige dich", sagte sie leise, während sie ihn unglaublich sanft umarmte. "Es ist vorbei. Wie konnte all das nur passieren, Liebling?" Auch sie schluchzte nun leise. Langsam löste sich Glurbuff wieder von ihr. "Ich wollte dir ein Hochzeitsgeschenk besorgen", erklärte er mit einem traurigen Lächeln. Verwundert blickte sie ihn an, dann sah sie in die dunkle Gasse hinter ihm. Einen Meter weiter lag ein sich windendes Bündel auf dem Boden, das mit einem guten Seil schlecht gefesselt worden war. Nun konnte Rylgrunsch ihre Tränen endgültig nicht mehr zurückhalten. Glurbuff hatte seine Familie verloren, und jemand hatte ihm die Hand abgeschlagen, und trotzdem hatte er diese Menschenfrau für sie mitgebracht und mit nur einer Hand sogar noch gefesselt und geknebelt. "Moment", sagte sie und starrte ihn verwundert an. "Das Fesseln ist mir klar, aber wieso hast du sie geknebelt?" "Nicht schon wieder", flüsterte Yul verzweifelt, als er erkannte, was sich da seinen Weg durch den kaiserlichen Garten bahnte. "Verdammt, Klermon, kann es sein, daß du wirklich versucht hast, deine Frucht zu verspeisen?" "Zurück in den Palast!" schrie ein Ritter, um auch die letzten auf die Gefahr hinzuweisen. "Und alle Kämpfer zu mir!" Ein merkwürdiges Geräusch drang in seine Ohren. Vorsichtig öffnete Renedar die Augen und sah, wie der Ritter Hyoldes gegen eine fast einen Meter große Zitrone kämpfte. Die Frucht wehrte die Schwertschläge des Ritters durch gemeine Säurespritzer in sein Gesicht geschickt ab. Frühling. Irgendwer hatte ihm gesagt, daß Frühling war. Renedar konnte sich allerdings nicht erinnern, in welchem Zusammenhang das gewesen war. "Renedar! Schnappt euch ein Schwert!" Sicher. Hyoldes hatte recht. Wenn gekämpft wurde, konnte Renedar sich nicht einfach gegen den Thron lehnen. Wieso lehnte er eigentlich am Thron? Er konnte sich nicht erinnern, hierher gekommen zu sein. Er blickte kurz zweifelnd auf das Schwert, das er noch am Gürtel trug, weil er einen Moment lang geglaubt hatte, es handele sich um einen Dackel. Dann griff er nach dem harten Stahl und zog die Waffe heraus. Noch bevor das letzte Stück der Klinge allerdings frei war, traf Renedars Hand auf die Lehne des Throns. Verzweifelt steckte er die Klinge wieder zurück in die Schwertscheide, dann riß er sie mit gewaltiger Kraft wieder heraus. Seine Faust, die den Griff des Schwerts umklammerte, traf die Lehne so hart, daß sie aus dem Thron herausbrach und durch die Luft wirbelte. Mit neuem Mut sprang Renedar auf und blickte auf das Schwert. Dann fiel ihm auf, daß er es einfacher hätte ziehen können, wenn er sofort aufgestanden wäre. Garhon ließ wütend die Schwertklinge herumwirbeln. Der ganze kaiserliche Garten schien im Moment voll Magie zu sein, und noch dazu war es eine äußerst aggressive Magie. Er hatte nie begriffen, weshalb, aber sie verwirrte seine Gedanken sehr stark. Der Barde war sich nicht sicher, ob er nun wirklich von drei Holunderbüschen umgeben war, die ihn mit ihren Ästen einwickeln wollten, aber zumindest wußte er noch, daß sein wirbelndes Schwert seinen Gegnern Schaden zufügte. Er hoffte nur, daß es tatsächlich Gegner waren, gegen die er kämpfte. Die melonenartige Frucht blähte sich noch weiter auf, als sie die Überreste der Schlacht gegen das Festtagsessen in dem großen Festsaal sah. "Sie haben meine Schwester... zerfetzt... und... all ihre Kinder..." Das Gewächs hatte mittlerweile eine Größe von nahezu acht Metern erreicht, und es wuchs immer weiter. Tausende von Tentakeln schlängelten sich über den ganzen kaiserlichen Garten und durch den kaiserlichen Palast. Es würde seine Schwester rächen. "Yul!" Denar konnte nicht mehr reagieren, als der Tentakel das Gesicht des Hoflieferanten durchstieß und sein Hirn an die Wand dahinter schleuderte. Sofort zog sich der Auswuchs der melonenartigen Frucht wieder zurück und suchte sich ein neues Opfer. Yuls lebloser Körper fiel schlaff auf den Boden, und ein kleines Fläschchen fiel aus seiner Hosentasche. "Laß die Frau hier liegen!" Rylgrunsch sah ihren Geliebten verzweifelt an. "Ich liebe dich, Glurbuff, und dein Hochzeitsgeschenk ist wunderbar. Aber es bedeutet mir nur wenig im Vergleich zu deiner Liebe - und deinem Leben. Wir müssen die Kaiserstadt verlassen, und zwar so schnell wie möglich." "Wer ist denn dieser Blodrebebb eigentlich?" "Ich weiß es nicht. Aber er wird dich kaum leben lassen, wenn du dich gegen ihn stellst." Mit zitterndem Kinn blickte Glurbuff sie an. "Wenn dieser Widerling die Kaiserstadt eingenommen hat, wird er danach nicht aufhören. Du sagtest selbst, daß sie schon Haelmport eingenommen haben. Wir können uns nicht immer wieder vertreiben lassen." "Glurbuff, ich möchte einfach nur mit dir leben, egal wo..." "Rylgrunsch, ich verstehe dich. Aber ich will, daß du so glücklich bist wie möglich. Wenn wir immer wieder flüchten müssen -" "Wenn er dich umbringt, werde ich nie wieder glücklich!" Er starrte einen Moment seinen Armstumpf an, dann blickte er Rylgrunsch tief in die Augen. "Ich werde zurückkommen, glaub mir." Renedar wünschte sich an den Tag zurück, an dem er zum Ritter geschlagen worden war. Die Pflanzen, die er damals verfolgt hatte, waren so wunderbar harmlos gewesen... Sein Schwert durchbohrte nebenbei eine Gurke, als er sich mit scheinbar unendlicher Energie durch die feindlichen Bahnen kämpfte. Irgendwie fühlte sich Renedar zwar benebelt, aber zum Glück hatte das keinen Einfluß auf seine Kampffähigkeiten. Er war noch vielleicht drei Meter von Garhon entfernt, als der den letzten Holunderbusch niederstreckte. Aus irgendeinem Grund hörte der Barde danach nicht auf, sein Schwert herumwirbeln zu lassen. "Garhon!" Der Barde horchte zwar auf, unterbrach seinen Kampf gegen den nicht mehr vorhandenen Gegner aber nicht. "Garhon, ihr habt sie besiegt!" Abrupt blieb die Klinge des Barden in der Luft stehen. "Oh. Gut." Er ließ die Klinge sinken und blickte auf die Büsche. "Tatsächlich." "Garhon, seht ihr die melonenartige Riesenfrucht dort? Sie scheint mir so etwas wie die Mutterpflanze zu sein!" "Sie scheint mir vor allem ziemlich tentakellastig zu sein", erklärte der Barde. Als hätte die Pflanze das als Aufforderung verstanden, raste im gleichen Moment einer der Tentakel auf Garhon zu. Doch statt auszuweichen, blieb er stehen und ließ ihn auf sich zukommen. Als der grüne Arm noch drei Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war, hob Garhon seinen rechten Arm und tippte die Spitze des Tentakels mit seinem Zeigefinger leicht an. Wie vom Donner gerührt blieb der Auswuchs in der Luft stehen, dann begann er leicht zu zittern. Nein, es war kein Zittern, eher ein Vibrieren. Wie eine Harfenseite, die gespielt worden war - "Bardenmagie", lächelte Garhon fröhlich und zuckte wie entschuldigend die Schultern, kurz bevor der riesige Tentakel mit einem gewaltigen Platschen auseinanderplatzte und einen gewaltigen Schwall einer süßlich riechenden Flüssigkeit über den kaiserlichen Garten ergoß. "Garhon... ihr beherrscht die Magie?" hauchte Renedar beeindruckt. "Schon. Aber ich wende sie nur in Notfällen an. Meistens hat das bei mir nämlich unangenehme Fol -" Unter heftigen Krämpfen und Zuckungen brach der Barde auf dem nassen Rasen zusammen, während bereits ein weiterer Tentakel den Ritter in einen neuen Kampf verwickelte. "Ich werde dich rächen, Schwester! Niemand wird meiner Rache entk-" Ein Zittern durchlief die melonenartige Frucht, und sie verstummte abrupt. Schmerzwellen jagten durch ihren Körper, und langsam, verkrampft öffnete sie den Mund zu einem Schmerzensschrei. Es erklang allerdings kein Schrei, sondern ein sonderbarer, melodischer Ton - fast wie von einer Harfe. Dann zerplatzte einer ihrer Tentakel. Tyndymrym blickte verzweifelt durch das Schlüsselloch. Die Besenkammer schien der einzige Raum im Palast zu sein, in dem noch keine der schrecklichen Tentakel waren. Aber nun wanderte die Riesenfrucht in seinen Festsaal hinein und riß dabei die zu kleine Decke ein. Die Pflanze hatte ein schmerzverzerrtes Gesicht und schrie wie wild, während ein Dutzend Ritter auf sie einschlugen. Die Schwerter allerdings konnten die harte Schale kaum durchdringen. Glurbuff fragte sich, auf was die Ghularmee wartete. Seine verblendeten Artgenossen starrten verwirrt in den kaiserlichen Garten - in dem Glurbuff heute bereits seine Familie verloren hatte. Es war ihm schwer gefallen, zurückzukehren, aber es war der einzige Weg, endlich glücklich zu sein. Vorsichtig hob er seinen Kopf, um zu sehen, was die anderen Ghule anstarrten, konnte aber nichts erkennen. Dann auf einmal hob einer der Ghule seine Hand, und alle setzten sich in Bewegung. Glurbuff fragte sich kopfschüttelnd, wie dieser eine Ghul über tausend seiner Artgenossen so einfach kontrollieren konnte. Langsam, unauffällig folgte Glurbuff ihnen. "Ich weiß nicht, Schlollgruppf, was hier los ist, aber wir werden die Situation für uns nutzen. Irgendwie habe ich den Eindruck, daß sich die Pflanzen gegen die Menschen erhoben haben, so merkwürdig das auch klingt. Aber beide Gegner sehen geschwächt aus. Wir werden sie ohne Probleme besiegen können." "Sicher, Herr." Blodrebebb sah seinen ersten Untergebenen kurz zweifelnd an. "Was nagt an dir?" "Erinnerst du dich an Rylgrunsch, Herr? Weißt du, sie gefiel mir wirklich sehr gut..." Grinsend nickte Blodrebebb ihm zu. "Jetzt verstehe ich. Du sollst sie haben, wenn wir sie wiederfinden. Was hat es dir an ihr eigentlich so angetan? Sie hatte nicht mal irgendwelche Eiterbeulen oder sowas." "Trotzdem... sie schien mir etwas ganz besonderes zu sein." Renedar hatte den ersten Tentakel mit Leichtigkeit abgewehrt, aber den zweiten bemerkte er nicht einmal. Entsetzt starrte er auf das Spektakel auf der Terrasse. Vor dem kaiserlichen Festsaal hatten sich zu den kämpfenden Pflanzen und Menschen nun noch unzählige Ghule gemischt. Irgendwie hatte Renedar den Eindruck, daß dies ein verfluchter Tag war. Mit einem harten Ruck wurde der Ritter in die Luft gerissen, und sofort schnellte der Tentakel auf das Maul der Riesenmelone zu. Renedar hackte mit seinem Schwert auf den Tentakel ein, aber er konnte die Schale einfach nicht durchdringen. Als er schon den süßlichen Atem der gewaltigen Pflanze spürte, riß er das Schwert waagerecht über seinen Kopf, und einen Moment später traf das Metall der Klinge auf die Frucht. Die enorme Geschwindigkeit, mit der der Tentakel ihn zu der Pflanze gerissen hatte, verlieh seinem Angriff ebenso enorme Kraft, und mit einem lauten, reißenden Geräusch trieb das Schwert durch die grüne Schale. Sofort ließ der Tentakel ihn los, und Renedar landete unsanft auf dem Boden. Als er wieder aufspringen wollte, wäre er beinahe ausgerutscht. Er blickte nach unten und sah eine widerwärtige, blutige Masse auf dem Boden. Einen Meter daneben lag die Leiche von Yul, dem Hoflieferanten. Renedar bemerkte, wie etwas in seinem Blut aufblitzte - vermutlich ein kleines Glasfläschchen oder etwas ähnliches. Der Ritter beachtete es jedoch nicht weiter. Glurbuff sah, wie sich Blodrebebb linkisch von hinten auf den ahnungslosen Menschen stürzte. Der Mann lag von Krämpfen geschüttelt im Gras. Glurbuff hatte nichts anderes von diesem Ghul erwartet - er suchte sich das wehrloseste Opfer aus, um kein Risiko einzugehen. Wütend setzte er zum Sprung an, um diesen machtgierigen, falschen Ghul aufzuhalten. Blodrebebb war erheblich stärker, als Glurbuff gedacht hatte. Mit einem lauten Krachen prallte er gegen einen Pfeiler des Kaiserpalastes, und sofort stand Blodrebebb wieder vor ihm. "Gibst du endlich auf? Du kannst dich mir nicht widersetzen!" Glurbuff wischte sich etwas Eiter von seiner Wange, der aus einer aufgeplatzen Wunde herauslief. "Niemals." "Dann werde ich dich nun töten. Wenn du dich mir nicht anschließt, kann ich dich nicht leben lassen." Verzweifelt versuchte Glurbuff, nicht an seine Schmerzen zu denken, und sprang mit einem wilden Wutschrei auf. Gleichzeitig ließ er seine Klauen durch Blodrebebbs Gesicht fahren und riß ihm einige Hautfetzen herunter. Blodrebebb schrie laut auf und schlug Glurbuff seinen Ellbogen in den Magen. Trotz aller Anstrengungen hielt Glurbuff es nicht mehr aus. Er sackte langsam zusammen und hielt sich seinen schmerzenden Magen. Dann übergab er sich. Garhon starrte ungläubig die beiden Ghule an. Er hatte noch nie von Ghulen gehört, die gegeneinander kämpften, aber vor allem hatte er noch nie gehört, daß ein Ghul sich auf die Füße eines anderen erbrach. Der größere Ghul, der noch stand, blickte angewidert nach unten, dann sprang er zurück und schüttelte wild die bräunliche Masse von seinen Füßen. Langsam richtete sich Garhon wieder auf und blickte sich nach Renedar und der Riesenmelone um. Er konnte Renedar nicht entdecken, aber die Monsterpflanze war mitten im Festsaal und drehte ihm den Rücken zu. Er fragte sich, wie er diesem Monster mit seiner Bardenmagie ernsthaft schaden könnte. Als ihm nichts einfiel, zuckte er gleichgültig mit den Schultern und nahm wieder sein Schwert in die Hand. Zu gegebener Zeit würde ihm schon etwas einfallen. Vorsichtig schaute die Mohrrübe hinter dem scheinbar unendlich hohen Thron hervor. Es war ein unglaubliches Gemetzel. Die Möhre hatte so etwas noch nie erlebt - andererseits führte sie auch erst seit wenigen Stunden das Leben einer intelligenten Möhre. Die brutalen Menschen schlachteten ihre Geschwister scharenweise ab, während die Menschen selbst außer von der Muttermelone kaum Verluste hinnehmen mußten. Mit Tränen in den Augen starrte die Möhre auf ihre Mutter. Auf eine ihr vollkommen unverständliche Weise hatte die Melone einen ihrer anmutigen Tentakelarme verloren, und nun steckte ein Schwert in ihrer empfindlichen Lippe. Ihre gewaltigen Arme aber waren zu grob, um dieses verhältnismäßig kleine Metallstück herauszuziehen. Enttäuscht sackte die Möhre wieder hinter dem Thron zusammen. Es mußte doch einen Weg geben, wie sie helfen konnte... Sie schloß die Augen und konzentrierte sich so stark sie konnte auf das Bild ihrer Mutter. Die über acht Meter große Frucht erschien vor ihrem geistigen Auge, dann näherte sich der Blick der Möhre dem Schwert. Bald sah sie nur noch das Schwert in der Lippe ihrer Mutter. Sie betrachtete das Bild eindringlich, versuchte, einen Weg zu finden, ihrer Mutter zu helfen - Dann schlug sie die Augen wieder auf. Verstört konzentrierte sie sich wieder auf das Gesamtbild der Melone. Die Pflanze stand mitten in dem Festsaal, ließ ihre Tentakel durch die Luft peitschen und schlug nebenbei einem Menschen den Schädel ein. Hatte die Möhre diese Szene überhaupt gesehen? Wie konnte sie die Erinnerung dieses Bildes vor ihr geistiges Auge bringen, obwohl sie nicht einmal mehr wußte, daß sie das Bild überhaupt gesehen hatte? Verunsichert wandte sich die Möhre wieder dem Geschehen um ihre Mutter zu. Dann erkannte sie es: Sie hatte nicht ihre Erinnerungen gesehen, sondern das tatsächliche Geschehen. Ein Schauer durchlief sie, als sie wirklich begriff, was das bedeutete. Langsam schloß sie die Augen wieder, gab sich der magischen Energie hin, die sie auf so wundersame Weise lenkte und auf den richtigen Weg führte. "Ich komme, Mutter", flüsterte die Mohrrübe. Sie hatte das Gefühl, als würde ihre Mutter ihr im Geiste dankbar antworten. Langsam richtete sich Glurbuff wieder auf. Seine Schmerzen hatte er wieder einigermaßen unter Kontrolle, und auch sein Magen rebellierte nicht mehr. Blodrebebb stand in dem nassen Gras, das einen süßlichen Geruch verbreitete, und wischte sich darin verzweifelt die Füße ab. Glurbuff sah ihn einen Moment nachdenklich an, wandte sich dann der gewaltigen, melonenartigen Frucht in dem Haus zu, und entschloß sich zu einem gewagten Plan. "Bleib hier stehen!" fauchte Rylgrunsch die Menschenfrau an. Sie hatte es nicht ausgehalten, einfach zu warten. Deshalb hatte sie ihr Hochzeitsgeschenk losgebunden und der Frau befohlen, sie zum Kaiserpalast zu führen. Zuerst hatte sie sich geweigert, aber als Rylgrunsch sie daran erinnerte, daß sie sie auch hätte verspeisen können, änderte sie ihre Meinung sofort. Beide Frauen betrachteten voller Verwirrung das Chaos im kaiserlichen Garten und im Palast. Überall sah man kämpfende, sterbende oder bereits gestorbene Ghule, Menschen und Pflanzen. Nur ihren geliebten Glurbuff konnte Rylgrunsch nirgendwo entdecken. Renedar beobachtete fasziniert, wie sich das Schwert wie von alleine aus der Melone zog und zu Boden fiel. Es hörte sich an, als würde die Riesenfrucht danach erleichtert seufzen. Er begriff zwar nicht, was das zu bedeuten hatte, aber Renedar zögerte nicht, sein Schwert wieder zu ergreifen und erneut den Feind anzugreifen. Mit einem gewaltigen Kriegsgeheul sprang die Möhre hinter dem Thron hervor, der ihr nun unendlich klein vorkam. Sie hatte eine Grenze überschritten, und nun standen ihr Kräfte offen, von denen andere Mohrrüben nicht einmal träumten. Sie schwebte einen Moment in der Luft, um die Lage genau zu betrachten, dann setzte sie zum Angriff über. Ein Mensch mit einem riesigen Breitschwert wandte sich der Möhre zu, um sie mit einem Hieb zu zerspalten. Tatsächlich raste sie auf den ahnungslosen Menschen zu, aber noch bevor sie in Reichweite seiner Waffe kam, warf sie ihm einen Feuerball entgegen, der seinen Körper vollkommen zerfetzte. Selbst von dem Schwert blieb nur noch Asche zurück. "Kämpfe wie ein echter Ghul, Blodrebebb! Oder bist du zu feige?" Wütend stürzte sich der größere Ghul auf Glurbuff, der nur einen Meter von der Riesenmelone entfernt stand. "Wir werden ja sehen, wer feige ist!" Die Faust Blodrebebbs verfehlte Glurbuff nur knapp, aber er nutzte seine Chance, um einen Schritt zur Seite zu schlüpfen und zugleich einen Tritt nach dem Gesicht seines Gegners zu machen. Aber Blodrebebb fing Glurbuffs Fuß problemlos auf und stieß ihn ein gutes Stück weiter nach hinten. "Schwächlicher Hundefresser! Du bist es nicht wert, daß ich gegen dich kämpfe!" Glurbuff hätte die Provokation einfach übergehen können, aber er wollte jede Chance nutzen, um Blodrebebb abzulenken. "Warum tust du es dennoch? Siehst du etwa einen Hundefresser als Gefahr für dich an?" Wütend warf sich Blodrebebb wieder in einem Satz nach vorne und brachte Glurbuff damit zu Fall. Der kleinere Ghul aber zog sich sofort unter seinem Gegner hinweg und rollte sich zurück, um wieder auf die Beine zu springen. Sie hatten die Melone beinahe umrundet. "Meine Tochter!" Der telepathische Hilferuf ihrer Mutter schien schwächer zu werden, doch das machte die Möhre nur noch wütender. Mit zornig funkelnden Augen nahm sie den Ritter ins Visier, der mit seinen zahlreichen, kraftvollen Schwertschlägen langsam die Schale der Riesenmelone durchdrang. Sie wußte, daß ihre Kraft mittlerweile ausgereicht hätte, um den gesamten Palast zu zerfetzen - doch sie wollte auf keinen Fall das Leben ihrer Geschwister und vor allem ihrer Mutter riskieren. Schnell brachte sie sich in den richtigen Winkel, um den Menschen in einem Schlag vernichten zu können, als sie hinter sich einen verzweifelten Ruf hörte. "Renedar! Paß auf!" Der Ritter blickte zuerst zu Garhon, dann nach oben, bis er die schwebende Mohrrübe sah. Kopfschüttelnd blickte er wieder den Barden an. Was sollte diese winzige Pflanze ihm schon anhaben? Es galt, einen mächtigeren Gegner zu vernichten. Verdutzt warf er noch einen kurzen Blick auf zwei Ghule, die neben der Pflanze zum Vorschein kamen und gegeneinander kämpften, dann schlug er wieder auf die Riesenmelone ein. Sie hatte Glurbuff zwar noch nicht gesehen, aber sie erkannte Schlollgruppf, der sich vorsichtig, aber mit zornigem Gesichtsausdruck der Riesenmelone näherte. Verzweifelt versuchte Rylgrunsch zu erkennen, was sich dahinter abspielte. Sie sah einen Menschen, der auf die Melone einhackte, und - zwei kämpfende Ghule. Sie waren halb von der gewaltigen Frucht verdeckt, aber Rylgrunsch wußte genau, um wen es sich handelte. Mit leichter Abscheu nahm sie das Schwert eines Menschen auf, der vor ihr auf dem Boden lag. Sie haßte Waffen, und sie hätte niemals gedacht, daß sie selbst eine berühren würde - doch das Leben ihres Geliebten war ihr wichtiger als ihre instinktive Abneigung gegen den tödlichen Stahl. Mit der Kraft der Verzweiflung rannte sie auf Schlollgruppf zu. Sie hoffte nur, daß sie den enormen Vorsprung des hünenhaften Ghuls rechtzeitig einholen konnte. Glurbuff lehnte sich mit weit aufgerissenen Augen an den Tisch. Sein Blick wechselte von der Melone zu Blodrebebb und wieder zu der Melone. Nun würde es sich entscheiden. Der andere Ghul duckte sich tief, zeigte ein schleimtriefendes, gehässiges Grinsen und sprang den scheinbar wehrlosen Glurbuff an. Der jedoch ließ sich im richtigen Moment zu Boden fallen, so daß Blodrebebb über den Tisch schlinderte und sich kurz vor dem Ende der Tischplatte im Holz festkrallte. Glurbuff ergriff einen der herumliegenden Tentakel und biß verzweifelt hinein, während er seine Kraft sammelte, um auf den Tisch zu springen. Als seine scharfen Zähne die harte Schale durchbohrten, spritzte ihm eine süßliche Flüssigkeit in den Mund. Erstaunt verharrte er, als er feststellte, daß er noch nie etwas köstlicheres geschmeckt hatte. Schlollgruppf hatte seine eitrigen Pranken weit hinter seinen Rücken gerissen, um Glurbuff mit einem einzelnen, fürchterlichen Schlag zu zerschmettern. Seine Muskeln spannten sich an, und die modrige, graue Haut zog sich eng über ihnen zusammen. Er war nur noch einen Schritt von seinem ahnungslosen Opfer entfernt, als Rylgrunsch ihm mit einem Hieb den Kopf abtrennte. "Renedar!" rief Garhon verzweifelt. Der Ritter hatte offensichtlich nicht beobachtet, was die kleine Mohrrübe bereits angerichtet hatte. Verzweifelt stürzte er nach vorne, um seinem alten Freund das Leben zu retten. Die Möhre war vielleicht noch einen Meter entfernt, als Garhons Schwertspitze sie endlich erreichte. Die Klinge ritzte die Pflanze nur leicht an, aber sie änderte ihren Kurs und würde Renedar nicht mehr treffen. Um nicht gegen den Ritter zu stolpern, stoppte Garhon so gut wie möglich ab, geriet ins Schleudern, und schließlich schob sich ein kleiner Gegenstand unter seinen Fuß und raubte ihm endgültig das Gleichgewicht. Mit einem lauten Schrei fiel er rückwärts zu Boden, seine Beine schleuderten in die Luft, und mit ihnen ein kleines Glasfläschchen mit einer roten Flüssigkeit. Glurbuff sah den Kopf eines Ghuls durch die Luft wirbeln, als er endlich auf der Tischplatte aufkam. Beinahe hätte er mit seinem Sprung zu lange gewartet. Blodrebebb stand längst wieder, und Glurbuff kam gerade auf dem Holz auf, als sein Biß der Riesenmelone endlich auffiel und sie den unwichtigen Gegner zermalmen wollte. Der Tentakel rammte die eine Seite der Tischplatte in den Boden, während die gegenüberliegende sich hoch erhob und einen verblüfften Ghul in die Luft schleuderte. Renedar duckte sich verwirrt, als er von einer Seite einen Ghulkopf, von der anderen ein kleines, gläsernes Fläschchen auf sich zukommen sah. Er hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte, aber als die beiden Dinge über ihm waren, schlug er mit der breiten Seite seines Schwertes zu und schleuderte sie noch höher in die Luft - möglichst weit von ihm weg. Blodrebebb stieß seinen wohl bisher erbärmlichsten Schrei aus, als er genau auf das schreckliche Maul der Riesenmelone zuflog. Er hatte die Hälfte der Flugbahn hinter sich, als ihn etwas hart am Bein traf - und ihn damit zu seinem Glück etwas weiter zur Seite drehte. Als er nach unten blickte, flog ein kleines Glasfläschchen knapp an seinem Gesicht vorbei, während ein ihm sehr gut bekannter Ghulkopf wieder zu Boden fiel. Die Mohrrübe schrie verzweifelt, als sie immer weiter auf die Wand zuflog. Nein, ihre Kräfte waren so groß - sie würde nicht einfach zerschellen. Sie spannte alles an, was sie für Muskeln oder etwas ähnliches hielt, und wandte ihre gesamte Kraft gegen die Richtung, in die sie flog. Abrupt blieb sie stehen, um sich im gleichen Moment wieder umzudrehen. Sie hatte es geschafft, aber was war aus ihrer Mutter geworden? Verwirrt beobachtete die kleine Möhre, wie ein kleines Glasfläschchen ihrer Mutter ins Maul flog, gegen einen Zahn prallte und zersplitterte. Eine winzige Menge einer roten Flüssigkeit verteilte sich in dem Mund der Riesenmelone. Dem Fläschchen folgte ein Ghul, der nur knapp neben dem Maul aufprallte und sich verzweifelt im Gesicht der Melone festzukrallen versuchte. Die Riesenmelone schloß ihr Maul, dann wirkte sie auf einmal völlig verändert. Mit funkelnden Augen starrte sie den Ghul an. "Liebster", flüsterte sie. Mit einem Schrei, der Qual, Angst, Verwirrung und völlige Panik in sich vermischte, ließ sich Blodrebebb wieder auf den Boden fallen, um so schnell er konnte an der Melone vorbeizurennen. Das Gewächs versuchte, ihn mit ihren vielen Tentakeln festzuhalten, aber der Ghul schaffte es irgendwie, allen Fangarmen zu entkommen. "Bleib bei mir, Geliebter!" rief die Riesenmelone. Sie zog einige ihrer Tentakel wieder unter sich, um auf ihnen den flüchtenden Ghul zu verfolgen. "Nein!" rief die kleine Möhre verzweifelt. Erst vor wenigen Stunden hatte sie ihre Mutter zum ersten Mal gesehen, und nun schon rannte die Riesenmelone hinter einem Ghul her, den sie zu ihrem Liebsten erklärt hatte. "Nein! Mutter!" schrie die Mohrrübe in panischer Angst. Sie hatte alles für ihre Mutter riskiert! Langsam konzentrierte sie sich wieder. Es gab nur eines, das ihr nun helfen konnte, und das war die Kraft, die sie durchfloß, auch wenn sie sie nicht verstand. Sie mußte den Ghul vernichten, um ihre Mutter zurückzugewinnen. Und am besten auch die Heimat des Ghuls, damit ihrer Mutter so etwas nie wieder geschehen konnte. Langsam verfolgte sie die Aura des Ghuls, der mit atemberaubender Geschwindigkeit rannte und schon fast die Stadt verlassen hatte. Sie folgte den Pfaden seines Geistes, um seine Heimat zu finden. Flurbschbotsch streichelte sich gefällig seinen kugeligen Bauch. "Blobrebebb ist ein hervorragender Führer, nicht wahr?" "Sicher", antwortete Klurrumpf. "Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob er es wirklich so geplant..." "Ist doch egal, oder? Wir haben Haelmport erobert, unter seiner Führung zwar, aber die einzelnen Menschen haben wir uns selbst unterworfen. Also dürfen wir auch bestimmen, wann wir sie fressen." "Ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob wir nicht wenigstens ein paar hätten übrig lassen sollen. Ich meine, so müssen wir sofort weiter ziehen..." "Na und? Die Ghule haben in ganz Haelmport ein gewaltiges Fest gefeiert, und jetzt gibt es hier keine Menschen mehr. Wir haben Haelmport erobert, und wir erobern auch andere Länder. Mit den nächsten können wir ja etwas sparsamer umgehen. Aber du glaubst doch wohl selbst nicht, daß es noch irgendeine Menschenarmee mit unserer gewaltigen Ghulstreitkraft aufnehmen kann, oder?" "Natürlich nicht. Trotzdem bin ich mir nicht ganz sicher..." Klurrumpf stockte, als plötzlich ein orangener Schatten an seinem Gesicht vorbeiraste. "Flurbschbotsch, hast du das gesehen?" "Nein, was denn?" Die Möhre spürte, daß sie allmählich den Mittelpunkt des Ghulreiches erreicht hatte. Langsam senkte sie ihre Spitze auf den Boden, um die gewaltigste Kraft zu entfesseln, die diese Welt je gesehen hatte. Sie war so schnell, daß die Luft hinter ihr verdampfte und sich wie ein Band aus Rauch nur langsam wieder verzog. Diese gewaltige Geschwindigkeit hatte sie nicht mit eingeschätzt, als sie ihren Winkel verändert hatte, und raste nun schneller auf den Boden zu, als sie geplant hatte. Verzweifelt versuchte sie, sich noch wieder hochzureißen, doch sie wußte, daß es zu spät war. Als sie auf den Boden auftraf, blieb ihr gerade noch genug Zeit, um die Kräfte zu entfesseln, die sie gesammelt hatte. Sie wußte, daß sie es nicht überleben würde. "Es sah aus wie ein orangener Schatten", erklärte Klurrumpf. "Fast wie eine rasend schnelle Mohrrübe oder sowas." "Mach dich nicht lächerlich", erwiderte Flurbschbotsch nur kalt. Einen Moment später wurden die beiden Ghule von einer gewaltigen Feuerwand erfaßt, die ganz Haelmport vernichten sollte. "Kannst du mir erklären, was hier eigentlich passiert ist?" fragte Renedar seinen alten Freund. "Nicht so ganz, nein. Aus irgendeinem Grund hat die Riesenmelone plötzlich von uns allen abgelassen und den Ghul verfolgt. Wahrscheinlich sind die beiden immer noch damit beschäftigt, jedenfalls hoffe ich es. Alle anderen Pflanzen fielen entweder leblos in sich zusammen oder sind wie herrenlose Hunde geflüchtet. Die übrigen Ghule schienen plötzlich auch sehr verwirrt zu sein. Ich vermute, der flüchtende Ghul war eine Art Anführer von ihnen. Wie du selbst mitbekommen hast, waren sie danach jedenfalls recht einfach abzuschlachten." "Verstehe das, wer will", murmelte Renedar. Dann sprang er plötzlich wieder auf und blickte seinen Freund an. "Jetzt fällt es mir wieder ein! Die ganze Zeit wollte ich etwas fragen, aber ich bin in diesem Chaos einfach nie dazu gekommen. Was ist eigentlich mit Lyrranna passiert?" "Ich liebe dich, Glurbuff", erklärte Rylgrunsch zärtlich, als er ihr den Unterschenkel reichte. #Seitenende #Y+40 #C10 Vidar / Heiner de Wendt E-Mail: wendth@uni-muenster.de (Anmerkung des Autors: Diese Story ist Andreas Neumann gewidmet. Glaub mir, die Atombombe ist nicht die härteste aller Waffen. Selbst Möhren sind gefährlicher. Mit Dank an Kai Winkelmann, der eine grundlegende Idee für diese Story lieferte.) (Anmerkung (an): Aber Atombomben schmecken wesentlich besser. Und sind gut für die Augen. Und andere Dinge..)