#Titel Forum / Warum ich Online bin #Logo gadget28:pinsel/AG.Forum #Font Losse 16 #C31 Warum ich Online bin #Font topaz 8 #C10 von Richard Blume #C21 Angefangen mit den Computern hat es bei mir in der Realschule. Damals wurde uns dort freiwillig ein Computerkurs angeboten. Schon damals haßte ich Computer aus tiefstem Herzen und meldete mich, da man einen Feind nur richtig bekämpfen kann, wenn man ihn versteht. Meine diffusen Ängste vor der neuen Technik verloren sich dann recht schnell, als ich sah, was die dort vorhandenen C64= mit Datasette konnten (bzw. nicht konnten). Konsequenterweise ging ich dann auch nicht mehr hin, da es ja keinen Feind gab, der es wert gewesen wäre, ihn kennenzulernen... Danach gingen zehn Jahre ins Land, in denen ich mich nicht mehr für sowas interessierte, zumal ich mehr mit der Erforschung jener seltsamen Spezies beschäftigt war, die man weitläufig als "Mädchen" kennt (Cherchez la Femme). Leider erwiesen sich meine Begabung und mein Geldbeutel als nicht ausreichend für grössere Erfolge, so daß ich mich auf eine andere Tätigkeit umstellte: Dem Fernsehen. Dies erwies sich als eine viel befriedigendere Tätigkeit. Getrieben von einem verhängnisvollem Hang zur Perfektion und dem Drang des steten Vorwärtsstrebens versaute ich mir aber auch diese Passion. Ich kaufte einen Videorekorder. Weil man das, was man nunmal hat, auch gerne benützt, wurde mir von da an das Fernsehschauen verleidet: Ich kam schlichtweg nicht mehr dazu mir etwas anzugucken, weil es mir nicht gelingen wollte, den Rekorder zu bedienen. Natürlich, so wird jetzt der eine oder andere einzuwenden versuchen, natürlich kann man doch auch ohne Videogerät fernsehen. Hier aber steht meine Mentalität dagegen. Unterbewußt verband ich die beiden Geräte als zu einer Gattung gehörend und lehnte beide, aus Frust über meine Unfähigkeit sie zu bedienen, ab. Mein Selbstbewußtsein war im tiefsten Keller. Aus lauter Verzweiflung fing ich sogar an, Bücher zu lesen (!). Hierbei fiel mir John Brunners "Der Schockwellenreiter" in die Hände. Dieses Buch sei an dieser Stelle für den Einstieg zum Thema Zukunft der Netze aber auch als beste Unterhaltung wärmstens empfohlen. Es geht um einen hochbegabten jungen Mann, der in einer elitären staatlichen Verwahranstalt zum Überflieger ausgebildet wird. Trotz optimaler Förderung seiner Begabung, oder gerade deswegen, beschließt er, sich nicht mehr die rein zweckgebundene, emotionale Verkrüppelung durch seine Lehrer und Vorgesetzten gefallen zu lassen und bricht aus. Durch seine außergewöhnliche Begabung und seine Kenntniss der Strukturen des Systems gelingt es ihm, immer neue Identitäten anzunehmen und seine Datenspur in den Netzen zu verwischen. Trotzdem wird er gefunden und, durch Drogen willenlos gehalten, verhört. Beeindruckt durch seine Meinungen und Ansichten wird einer seiner Folterknechte nachdenklich und schlägt sich auf seine Seite. Der junge Mann kann fliehen und programmiert sein Meisterstück unter aufregenden und abenteuerlichen Umständen: Eine Art von Virus (im Buch "Wurm" genannt), der in den vom Staat kontrollierten und manipulierten Netzen für den Schutz des einzelnen, mehr Gerechtigkeit und die Aufdeckung der Betrügereien durch Politiker und Geschäftemacher sorgt. Viele der in dem Buch beschriebenen Techniken und Vorgehensweisen waren zum Zeitpunkt des Erscheinens noch gar nicht bekannt, z.B. Viren. Zurück zum Thema. Nach mehreren Wochen, die ich Schokolade essend vor dem leeren Bildschirm auf dem Sofa verbracht hatte, beschloß ich, einen kleinen Spaziergang zu einem Flohmarkt hin zu unternehmen, von dem ich gehört hatte, und ohne es zu wissen, war dies der Beginn eines fatalen neuen Lebensabschnittes. Das Schicksal stellte vorerst unbemerkt seine Weichen: Ich kaufte meinen ersten Computer. Es handelte sich um einen gräßlich braunbeigen Kasten nebst ebenso gehaltenem Diskettenlaufwerk. Voila, ein Atari. Den beigefügten Handbüchern entnahm ich dann zu meiner großen Freude, daß man den Computer an den Fernseher anschliessen konnte. Endlich hatte ich ein Gerät, mit dem ich den Fernseher betreiben konnte. Als erstes versuchte ich mich an einem beiliegenden Schachprogramm. Es gelang mir ohne weiteres zu gewinnen, was gegen menschliche Gegner eher selten vorkommt. Dies war der Beginn einer großen Freundschaft. Hier muß ich nun ein wenig kürzen: Im Verlauf der Zeit kam eines zum anderen und sehr zum Leidwesen meiner Herzallerliebsten wurde es schnell sehr eng in der Wohnung. Ich wurde zum Jäger und Sammler. Überall standen, lagen und saßen Computer nebst Zubehör herum: zwei ST, ein CPC, drei C64, zwei IBM-Displaywriter nebst 8-Zoll- Doppelfloppys und zwei Druckern in Übergröße teilten sich etwa die Hälfte unserer 80 qm-Wohnung. Ich war glücklich, wenngleich ich nicht mehr wie früher im Dunkeln durch die Zimmer gehen konnte, ohne mir die Schienbeine zu ramponieren. Je mehr aber ich mich mit diesen Kisten beschäftigte, umso mehr erschienen sie mir unzulänglich. Es mußte ein richtiger PC her. Also kaufte ich mir zum astronomisch hohen Preis von 399.- bei Quelle auf Raten zu 50.- einen Amiga A600. Alle anderen Exoten habe ich mittlerweile verschenkt, verkauft oder weggeschmissen, der Amiga aber war Liebe auf den ersten Blick, und auch wenn ich jetzt vorwiegend am PC sitze, so gehört mein Herz immer noch dem Amiga. Mittlerweile habe ich diesen in Eigenregie in einen Tower mit CDrom und Festplatte umgebaut. Ich hoffe, mir wird verziehen werden, wenn ich ab und zu mal meine Witzchen über PCs reiße. Es wird ja niemand zum Lachen gezwungen. Etwa zu jener Zeit trug es sich zu, daß das Arbeitsamt sich meiner erinnerte und mir die Chance zur Fortbildung bot. Voller Freude lernte ich fast zwei Monate lang, wie man Kreuzworträtsel löst und genoß die Freuden der Grundrechenarten sowie der Prozenterechnung. Als dann die Zeit der Suche nach Praktikumsplätzen begann erwies es sich als unschätzbarer Vorteil, daß ich für keinerlei Tätigkeit geeignet bin. So blieb als einzige Möglichkeit der Wechsel in einen anderen Kurs. Da ich selber krank und alt werde, wenn ich mit Alten und Kranken zu tun habe, blieb nur ein Ausweg: ein Komputerkurs. Gottseidank hatte ich keinerlei Qualifikation, so daß es nur ein DTP-Kurs sein konnte, weil das ja wirklich jeder kann. In einer schwachen Stunde kaufte ich mir also einen "richtigen" PC. Damit fingen die Schwierigkeiten an, denn die Kiste war virenverseucht. Als blutiger Einsteiger an den Komfort eines Amigas gewohnt, gelang es mir im Nu die Festplatte zu formatieren. Es dauerte Wochen, bevor die Kiste richtig lief. Andererseits lernte ich ein bißchen was dabei, und mittlerweile habe ich meine Dose recht interessant konfiguriert... Aber dies nur am Rande. Schnell wurde mir klar, daß der PC mir nicht das geben konnte, was ich wollte, nämlich Unterhaltung und Spaß, also kaufte ich mir ein Modem um mal auszuprobieren, was es denn nun wirklich auf sich hätte mit der DFÜ. Ich hatte, wie wohl jeder Einsteiger, ungeheuer romantische Vorstellung vom Arbeiten mit Modems und weit entfernten Rechnern. Ich stellte mir vor, ich säße nächtens in einem dunklen Raum, nur schwach erhellt vom Glühen des Monitors und ginge suspekten, finsteren Tätigkeiten nach. Zum Beispiel - und da wäre ich noch heute für Tips dankbar - hätte ich gerne ab und zu ein paar Mark auf mein Konto transferiert... Entsprechend habe ich mich anfangs auch zu dem gemacht, was ich im tiefsten Inneren bin - zu einem kompletten Narren. Schnell wurde mir klar: Es empfiehlt sich nicht in jeder Mailbox, sich per Fantasienamen einzuloggen und die meisten anderen Benutzer interessieren sich weniger für Hacking, Cracking und Datenklau als vielmehr für Gartenbau, Kindererziehung, Radfahren etc... Mit einem Wort, in den Netzen geht es so gesittet zu wie beim Kaffeklatsch und die Themen ähneln denen am Stammtisch. Mittlerweile habe auch ich einen Garten und ein Fahrrad und genieße es. Als Sprache empfiehlt sich im allgemeinen Deutsch oder Englisch je nach Bereich und man sollte nicht schludern beim Schreiben, es sei denn, man läßt sich gerne von den, in jedem Netz leider vorhandenen Oberlehrertypen, flamen (anschnauzen). Trotzdem gibt es noch genug Platz für Blödeleien und Spaß in den Netzen und jedes bessere Netz bietet eigene Bretter für solche Gelegenheiten, relativ bekannt ist zum Beispiel die nicht totzukriegende Blondinenwitzsammlung im Gernet...wo ich gerade dabei bin: #C10 "Ein Chinese geht in einen Bäckerladen und kommt nach einer Minute mit zwei Blondinen wieder heraus. Was hat er bestellt ?" (Zwei Blödchen) #Y+5 #C21 Oder die Fortsetzung: #Y+5 #C10 "Ein Chinese geht in einen Bäckerladen und kommt mit zwei dauergewellten Blondinen wieder heraus. Was hat er verlangt ?" (Zwei Loggenblödchen) (aus dem Gernet-Forum in CI$) #C21 Aber natürlich würde ich die recht ansehnlichen Kosten, die beim Surfen entstehen, nicht ausgeben, nur um Witze zu lesen. Tatsächlich bieten sich ungeheure Möglichkeiten für den Teilnehmer und wenn ich soweit gehe zu sagen, daß die Netze unser Leben und mehr noch unsere Wahrnehmung der Welt verändern werden, so meine ich das ernst. Auch wird sich der Umgang mit Informationen und deren Verarbeitung radikal verändern (müssen). Wir nähern uns dem absoluten Datenoverkill. Wie ist das gemeint ? Nun vor etwa 1500 Jahren war das Wissen der Menschheit noch auf das engste soziale Umfeld beschränkt. Nachrichten wurden mündlich durch Reisende überbracht. Die notwendigen Informationen, um sich in der Kommune (Dorf oder Stadt) zu orientieren, waren überschaubar und jeder Mensch wäre theoretisch in der Lage gewesen, jede Tätigkeit in der Gemeinschaft selbst auszuführen, da die Strukturen autonom, autark und nicht spezialisiert waren. Das Weltbild war also für den einzelnen zu erfassen. Mittlerweile ist es nicht mehr möglich auch nur den, für einen selber interessanten und relevanten Informationsbereich zu erfassen. Was bedeutet dies ? Nun, nehmen wir als Beispiel einen Rechtsanwalt oder Arzt. Dieser ist hochqualifiziert und besitzt wahrscheinlich zumindest einen durchschnittliche Auffassungsgabe (wahrscheinlich eher besser). Trotzdem ist er gezwungen, sich auf einen Teilbereich (Familienrecht; Chirurgie etc.) zu spezialisieren und nichtmal dieses Gebiet kann er vollständig beherrschen. Daher benötigt er Bücher, Zeitschriften etc. um jene Information, die er nicht im Kopf hat, nachzuschlagen. Solange die Flut der Informationen sich im Rahmen hielt, reichte dies aus. Nun ist es aber so, daß die weltweite Datenmenge nicht kontinuierlich ansteigt sondern immer schneller. Dies bedeutet, daß auch die Medien schneller und komfortabler werden müssen, damit der einzelne überhaupt die Chance hat, das für ihn wichtige zu finden, ohne im Datenmüll zu ersticken. Auf der technischen Seite ist dies mittlerweile kein Problem mehr. Mit Hilfe des Computers und geeigneten Datenträgern (CDs) oder in den Netzen läßt sich durch Aufstellung entsprechender Suchkriterien schnell und einfach recherchieren, so daß man sich effizient und umfassend einen Überblick verschaffen kann. Das eigentliche Problem liegt in der überlieferten Denkstruktur, die aufgebrochen und verändert werden muß. Denn der Mensch ist nicht dazu gemacht, sich der Maschine anzuvertrauen und blind die Auswahl zu akzeptieren, die er geliefert bekommt. Dies führt zu existenziellen Ängsten: Jemand anderes könnte ja mehr über ein Thema wissen oder vielleicht hat der Computer einen Fehler gemacht und es sind nicht alle Daten gefunden worden oder war vielleicht der Suchbegriff schlecht definiert ? Diese Ängste sind natürlich und berechtigt, werden aber bei der Lösung des Dilemmas nicht helfen. Hier muß durch Aufklärung und vor allem durch Techniken zum einen der sicheren Verschlüsselung, des Datenschutzes aber konträr dazu auch durch vollständige unkontrollierte Zugänglichkeit der für die Öffentlichkeit wichtigen Daten ein Vertrauensverhältnis geschaffen werden. (He, ich klinge ja wie ein Politiker!) Auch soziale Hierarchien werden sich ändern. Stand früher der Spezialist, der sich auf seinem Gebiet nahezu vollständig auskannte (oder dieses zumindest glaubte und vorgab) hoch im Kurs, so wird dieser feststellen müssen, daß er ein Relikt aus vergangenen Zeiten sein wird. Häufig trifft (oder soll ich schon sagen traf...) man diesen Typ im Computerbereich, wo er dadurch zu erkennen ist, daß er jedes Teil beim Vornamen kennt und die technischen Daten im Kopf hat. Während dies früher wichtig war, ist mit dem einfachen Zugriff auf Information der Sinn solcher Sonderkenntnisse fraglich. Es reicht ja völlig, daß man weiß, wo man erfahren kann, was man wissen will, man muß es ja nicht mehr im Kopf haben. So wird sich die Arbeit vom stupiden (Auswendig)lernen hin zum kreativen und freien Lösen von Problemen entwickeln, wobei das Fachwissen nur nach Bedarf in Erfahrung gebracht wird. Auch andere Aspekte der sozialen Einordnung des Individuums verlieren in den Netzen ihre Bedeutung. Während in der Gesellschaft sehr oft der tatsächliche oder vorgebliche Rang durch Äußerlichkeiten definiert ist, muß der Benutzer von Onlinediensten hierauf verzichten. Mehr noch ist es absolut üblich, in den Netzen JEDEN zu dutzen, ganz egal welchen Rang er sonst auch einnehmen mag. Die Einstufung und der Erfolg in der Kommunikation ergibt sich hier ausschließlich durch Qualität und Ton der Beiträge. Dies kann zu bemerkenswerten Vorkommnissen führen. Ein Beispiel: Ich kann mich erinnern, wie sich einmal ein Benutzer im Gernet mit einer kurzen Forumsnachricht vorstellte. Er hatte einen fremdländischen Namen und ein paar unwichtige Schreibfehler gemacht. Daraufhin glaubte ein anderer User, sich lustig machen zu müssen. Natürlich bekam er von etlichen anderen, vernünftigen Leuten sofort teilweise recht heftige Stellungnahmen zu diesem Verhalten serviert. Der fremdländische Benutzer selber machte sich allerdings nicht viel daraus, bedankte sich nur für die Antwort des Besserwissers und gab diesmal bei seinem Namen die Titel an. Es handelte sich um einen Dr.Phil. ... Die Moral von der Geschichte: In den Netzen bist Du nackt und man beurteilt Dich nur nach dem was Du schreibst. Mir gefällt das. Auch tummeln sich in den Netzen sehr viele wirklich wichtige und interessante Leute, die man wohl auf andere Weise kaum kennenlernen würde. Beispielsweise habe ich auf meinem Computer eine Konfiguration laufen, die es mir ermöglicht, mehrere Betriebssysteme von ein und der selben Partition zu booten. (Nein, kein Bootmenü, ich meine wirklich booten mit jeweiligem Command.com und allem Pipapo). Dies wird möglich durch ein paar Tricks und ein, mittlerweile durch Novell in die PD gegebenen, Tool aus DR-Multiuser-Multitasking-Dos. Bei einer Diskussion um Nutzen und Vorteil verschiedener Betriebssysteme erwähnte ich dies. Hierauf meldete sich Joe Wein zu Wort. Dieser hat das Tool damals bei Digital Research entwickelt. Man sitzt also direkt an der Quelle. Ein anderes Beispiel: Ich kaufte ein Atapi-CDrom, um es an der IDE- Schnittstelle im Amiga betreiben zu können. Da ich keinen funktionsfähigen Treiber besaß, bat ich den Entwickler eines Amigatreibers für Atapi-CDroms darum, das Laufwerk zu implementieren. Überraschende Lösung: Ich schickte dem Programmierer das Laufwerk zu und erhielt es nach 2 Wochen zusammen mit dem kompletten Programmpaket, das ich benötigte. Kostenlos. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist es, wenn man selber per Email erreichbar ist, da dieses billiger als faxen oder telephonieren sein kann und auf jeden Fall schneller geht als Briefe zu schreiben. Und man kann natürlich mit einer stadtplangrossen Visitenkarte (weil ja alle Adressen draufpassen sollen) - durchaus beeindrucken, was mit Handys nicht mehr so leicht geht, seit man abends an jeder Straßenecke und vor jedem besseren Lokal Leute damit promenieren sieht. Die Netze sind nicht nur praktisch, wenn man Probleme hat, man kann sich hier auch relaxed über Gott und die Welt unterhalten, Software ziehen und ausprobieren und sich wohlfühlen. Darum bin ich Online.