#Titel Politik / Gesellschaft / BAFF #Logo gadget26:pinsel/AG.Politik #Font Losse 16 #C31 BAFF #Font topaz 8 #C21 Während seit einiger Zeit zunehmend Fleisch-Skandale den Verbraucher beunruhigen wurde im Bundeslandwirtschaftsministerium überlegt, die Bundesanstalt für Fleischforschung (BAFF) in Kulmbach zu schließen. Ende Juni wurde die Anstalt gerettet, nachdem die bayerische Landesregierung beschloß, einen Teil des Gebäudes zu mieten und dort das Landesamt für Ernährung unterzubringen. Durch die Querelen um die BAFF rückte eine von zehn Forschungseinrichtungen ins Blickfeld der Öffentlichkeit, die bislang weitgehend unbemerkt für den Verbraucher wirkte. Kulmbach. Herd, Kühlschrank, Spüle. Eine fast normale Küche - gäbe es da nicht diese quadratischen Löcher zum Nebenzimmer. Durch diese Löcher bekommen die Testesser der Bundesanstalt für Fleischforschung im oberfränkischen Kulmbach (BAFF) ihren Braten gereicht. Eberfleisch wird das nächste Mal auf der Speisekarte stehen. Momentan jedoch sitzen die sechs per Zeitunginserat gesuchten Normalbürger noch im Nebenzimmer und trainieren an getränkten Speckstücken ihre Geruchsnerven. Ob es ihnen schmecken wird? Nun, zumindest die beiden Assistentinnen sind skeptisch. Frauen reagieren empfindlicher auf den Eber-Geruch, meint Dr. Wolfgang Branscheid, Leiter des Instituts für Fleischerzeugung und Vermarktung. Über 150 Mitarbeiter sind in der Bundesanstalt in insgesamt vier Instituten beschäftigt. Branscheid und seine Mitarbeiter arbeiten eng verzahnt mit den Kollegen vom Institut für Technologie oder dem Institut für Mikrobiologie und Toxikologie zusammen. Wenige Schritte weiter wird im Institut für Chemie und Physik der Sexualstoff der männlichen Schweine derweil chemisch analysiert. Pipetten und Reagenzgläser mußten in den Laboren zahlreichen Computern weichen. Heutzutage zeigen spitze Zacken auf den Bildschirmen die Inhaltsstoffe der untersuchten Probe an. Im Büro von Karl-Otto Honikel finden sich noch einige Pipetten - als Stützen für die Pflanzen in den zahlreichen Blumentöpfen. Durch seine Doppelfunktion als Leiter der Bundesanstalt und Leiter des Institus für Chemie und Physik hat er gegenwärtig keine Zeit für die Fleischforschung. Auch sein Hobby, das Genießen des verarbeiteten Fleisches, kann der Hobbykoch und Gourmet nur noch selten pflegen, bedauert er. Obwohl sich die Mitarbeiter in Kulmbach der Qualitätsverbesserung des Fleisches widmen, finden hier keine Tierversuche statt: "Toxikologische Versuche machen wir inzwischen an Gewebeproben, aber nicht am lebenden Tier", erklärt Manfred Gareis, Leiter des Instituts für Mikrobiologie und Toxikologie dazu. Die einzigen Tierversuche der BAFF seien Untersuchungen, bei denen die Tiere mit Grün- oder Mastfutter ernährt würden. Die Sicherheitskontrollen am Eingang haben deshalb auch nichts mit der Angst vor aggressiven Vegetariern zu tun. "Die haben wir als Besuchergruppe auch schon drin gehabt", erklärt Anstaltsleiter Honikel. Die Kontrollen seien vielmehr ein Relikt aus der Hochzeit des Terrorismus. Man sei schließlich eine Anstalt des Bundes. Insgesamt zehn Bundesanstalten unterhält das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BML) zur Erforschung von Lebensmitteln und Lebensmittelrohstoffen. Von diesen ist nur die Bundesanstalt für Fleischforschung in Bayern beheimatet. Seit rund zwei Jahren wurde jedoch darüber diskutiert, ob auch dieser einzige bayerische Standort eingespart werden solle. Nach dem Willen von Landwirtschaftsminister Jochen Borchert sollten die Wissenschaftler ihre Arbeit zukünftig in einem zu groß geratenen Neubau an der Bundesforschungsanstalt für Ern hrung in Karlsruhe fortsetzen. Ende Juni einigte sich der Freistaat Bayern mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium, die BAFF in Kulmbach zu belassen. Als Gegenleistung versprach der Freistaat, einen Teil des Gebäudes zu mieten und dort das Landesamt für Ernährung oder das Amt für Landwirtschaft unterzubringen. Der jahrelange Umgang mit Fleisch hat Anstaltsleiter Karl-Otto Honikel auch privat zum Fachmann werden lassen. Beschummeln läßt sich der Experte in den fränkischen Gaststuben nicht: "Ich nehme schon zur Kenntnis, ob der Koch das richtige Fleisch genommen hat." So bestellte er in einem Restaurant einmal Lammrücken. "Das Fleisch war eine Köstlichkeit, es war aber kein Lammrücken. An der Faserstruktur habe ich erkannt, daß es eher aus der Hüfte kam", erinnert sich Honikel schmunzelnd an den verdutzten Blick des Kochs. Wo selbst das geübte Auge nicht ausreicht, entwickeln die Forscher das passende Analyseverfahren. Im Institut für Chemie und Physik beschäftigt sich Dr. Klaus Hofmann mit der Frage, ob er bei erhitztem Fleisch herausfinden kann, von welcher Tierart es stammt und mit welcher Temperatur es erhitzt wurde. Damit wolle er überprüfen, ob der als Wild deklarierte Inhalt einer Konservendose nicht tatsächlich aus Känguruhfleisch bestehe, wie es eine Analyse bereits einmal zeigte, erklärt Hofmann. Hauptsächlich gehe es ihm jedoch darum, die Arbeit von Tierkörperbeseitungsanstalten zu überprüfen. Werde das Fleisch nicht ausreichend erhitzt, könne ein vorhandener Scarpie-Erreger überleben. Dieser steht im Verdacht, den Rinderwahnsinn BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) zu verursachen. Für den deutschen Verbraucher sieht Manfred Gareis übrigens keinen Grund zur Beunruhigung. Er weist darauf hin, daß seinen Kollegen die BSE-Übertragung nur mit dem Gehirn oder Rückenmark infizierter Tiere möglich war. Das Fleisch erkrankter Tiere könne deshalb wohl als unbedenklich betrachtet werden. "Bei uns werden schlie§lich kaum Gericht aus Rinderhirn gegessen", meint Honikel und weiß auch warum. "Ich habe mal in Australien Hirn gegessen; einmal und nie wieder", schüttelt sich der experimentierfreudige Gourmet beim Gedanken an die weiche Masse. In Anspielung an den Känguruhfund seines Mitarbeiters erklärt Honikel, er habe nichts gegen exotische Genüsse in der Küche, nur richtig etikettiert müßten sie sein. Exotisch ist auch der jüngste Fleischlieferant, mit dem sich die BAFF beschäftigt. "Da neuerdings die Straußenzucht in Mode gekommen ist, haben wir bei ihnen untersucht, wie die Tiere schonend betäubt und geschlachtet werden können", erläutert Dr. Klaus Troeger die Arbeit seines Instituts für Technologie. Die Versuche mit Elektrobetäubung und Bolzensschußgerät dienen einer wichtigen Funktion der BAFF: Sie ist für den Bundeslandwirtschaftsminisiter als Berater tätig und liefert ihm für seine Entscheidungen die notwendigen Forschungsergebnisse. Darüberhinaus soll die BAFF die Sicherheit von Lebensmitteln und die Qualitiät von Fleisch und Fleischprodukten verbessern. Habe man Methoden zur Qualitätsbestimmung entwickelt, würden diese Techniken an Landwirtschaft und Industrie vermittelt, erklärt Troeger. Häufig seien die traditionellen Methoden der Fleisch- und Wursterzeugung die Besten, meint er. "Wir sind deshalb an der Erhaltung der traditionellen Rezepturen und Arbeitsweisen bei der Wurst-Herstellung interessiert. Die Qualität ist nach unseren Forschungsergebnissen besser." Im Gegensatz zu dieser Traditonspflege des Metzgerhandwerks gefällt Honikel eine andere von den Gasthöfen gepflegte Tradition weniger: "Ich würde nie an einem Sonntag in einem Gasthof einen Schweinebraten bestellen. Wenn im Sommer ein Riesenbetrieb herrscht, wird der Braten bereits am Samstag vorbereitet und nur noch aufgewärmt", meint Honikel und erfüllt mit der Verbraucherinformation eine weitere Aufgabe der Bundesanstalt. #Y-10 #C10 Rüdiger Schoß