#Titel Politik / Gesellschaft / Tädliches Fleisch #Logo gadget25:pinsel/AG.Politik #Font topaz 8 #C10 #Y+50 der folgende artikel erschien in der 7. ausgabe unseres jugendmagazins spunk. weitergehende verbreitung/verwendung nur mit einverständnis des autors, sebastian jung. ciao, - holgi - #Seitenende #C31 ---------------------------------------------------------------------------- #Font Losse 16 "Tödliches Fleisch" #Font topaz 8 ---------------------------------------------------------------------------- #C10 von Sebastian Jung #C21 Themen gibt es in der modernen Kommunikationswelt reichlich. Viele kleine Themen fristen jedoch als Lückenfüller ein kurzes Dasein im Mediendschungel. Doch die angeblich gehobene Presse braucht vom Verbraucher akzeptierte Aufmacher; immerhin kann nicht fortlaufend eine leichtbekleidete Barbie das Titelblatt schmücken. Diese Themen, die die geistigen und emotionalen Potentiale des Verbrauchers ansprechen, sind relativ schwer zu recherchieren. In einer Zeit, wo Informationen immer mehr an Bedeutung gewinnen, schläft die Medienwelt, und selten avanciert - nach dem Motto: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn - eine geglaubte Eintagsfliege aus dem Informationssumpf zu einem "In-Thema". Sogenannte "In-Themen" werden bei Konsumenten wie Herausgeber sehr geschätzt. Beim Herausgeber wegen der steigenden Nachfrage, und der Verbraucher freut sich gut informiert zu werden. Er glaubt gut informiert zu werden, tatsächlich wird er jedoch überinformiert. Der "In- Themen"-Interessierte möchte alles zu dieser Sparte Gehörende wissen, und die Medien müssen es aus ihrer Sicht liefern. Sei es in Zeitschriften, Zeitungen, TV-Magazinen und Talkshows. Alle wollen etwas Neues dazu beisteuern, und dabei bleibt die Objektivität oft auf der Strecke. Zur Zeit ist das Thema "Kindesmißbrauch" in aller Munde. Was aus Amerika langsam rüberschwabte, prägt jetzt erheblich die deutschen Medien. Anfangs noch zögerlich (oder waren die Berichte nur unauffälliger?), später aber wurde der Konsument immer brutaler mit fadenscheinigen Berichten über Kindesmißbrauch angeblich informiert. Die Tages-Talkshows überschlugen sich regelrecht. Jede Talkshow hatte eine Expertenrunde zum Thema Kindersex, Kinderpornographie, Kindersextourismus, Inzest etc. Sogar in Unterhaltungssendungen wie "Marienhof" gab es eine dargestellte Person, die innerhalb einiger Wochen Serienzeit ihre Kindheit auferarbeitete, in der sie vom Stiefvater mißbraucht wurde. Der "Stern" widmete seine Titelseite dem Kindersextourismus, und über den Seiten des Berichtes sah der Leser Videosequenzen von einem Kinderporno. Die Videosequenzen wiederum entstammten aus "Stern-TV". Aber auch "Spiegel-TV" und die Öffentlich-Rechtlichen widmeten sich dieser Thematik mit eindeutigen Videoausschnitten. Zwar waren das Gesicht und der Genitalbereich der gezeigten Minderjährigen mit einem Balken versehen, jedoch zeigten sie mehr als sie verbargen. Die allumfassende Vokabel für das obengenannte heißt "Info-tainment". Fakten werden mit Unterhaltung vermischt. Der Zuschauer gruselt und ekelt sich vor den Bildern, fühlt sich aber keinesfalls angeregt, sich über Gezeigtes eine Meinung zu bilden. Denn diese steht fest, dafür braucht man kein "Info-tainment". Info-tainment schlachtet gekannte Fakten weiter aus, schmückt sie mit bunten Bildern und freut sich über steigende Einschaltquoten. Dabei kippt das Urteilsvermögen der Medien unter Stammtischniveau, und manch ein Stammtischbesucher geilt sich heimlich am Gezeigten auf, um später in geselliger Runde zu protzen, was er alles mit einem Kinderschänder tun würde, wenn er in seine Finger gerät. Diese Art von Secondhand-Journalismus macht sich bewußt zum Mittäter. Er wirkt wie ein Katalysator für beide Seiten. Der Großteil der Konsumenten fühlt sich durch die Presse legitimisiert, als Exikutive zu handeln, ohne die Problematik weiter zu hinterfragen, und die Täter brauchen gar keine Kinderpornos zu drehen; sie brauchen nur den Fernseher anzuschalten und "Explosiv" zu sehen.