@LF 0 @OF 1 08 pearl.font @OF 2 13 beton.font @OF 3 11 topaz.font @TI "Zum Töten geboren" @SH y @CO 4 1 @SF 2 @IX 116 .. @LF 12 @IX 16 Zum Toten geboren @LF 12 @IY 4 @SF 1 @IX 16 - Viel Wirbel um einen Film @SF 1  (C) Sebastian Jung @SH y  @SH n  Folgender Text wird in Ausgabe 2 des Jugendmagazins "Spunk" erscheinen. Anderweitige Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung der Autors, Sebastian Jung. @SH y  Nachdem sich Oliver Stone in einigen seiner Filme mit der Zukunft auseinander gesetzt hatte (Blade Runner), und sich danach mit der jüngsten Geschichte Amerikas beschäftigte (Platoon, J.F.K), behandelt er in seinem jüngsten Streifen "Natural Born Killers", wie soll es anders sein, die Gegenwart. Genauer geschrieben, die Problematik der derzeitigen Medien orientierten (-kranken) Gesellschaft. @SH n  [Sven] Bei Bladerunner führte Ridley Scott Regie(s. PB#19b "Blade Runner-FAQ"), Oliver Stone hatte mit diesen Film nichts zu tun. @SH y  Mallory, gespielt von Julliete Lewis (bekannt aus Gilbert Grape und Kalifornia), tanzt in einer Bar zu Leonard Cohen. Schnitt. Ein Skorpion überquert halb die Straße, bis ihn Autoreifen erwischt und zu einem unkenntlich Brei zermalmt. Schnitt. Der Autoreifen und der dazugehörige Wagen halten vor der Bar und die Insassen betreten selbige. Schnitt. Aufreizend tanzende Mallory. Schnitt. Mickey, Partner und Lebensgefährte von Mallory, sitzend an der Theke. Schnitt. Autofahrer macht sich auf widerwärtigster Weise an tanzende Mallory ran. Schnitt. Platte in der Jukebox wird gewechselt. Schnitt. Mallory schlägt brutal den "Anmacher" zu Tode, während Mickey sich den Rest der Kundschaft mit Messer und Handfeuerwaffe vornimmt. Schnitt. "Denkt da draußen in Hollywood keiner mehr ans Küssen?" (Mickey Knox) Mit dem Anfang von "Natural Born Killers" beginnt eine Bilderflut, wie man sie nur von Video-Clips gewohnt ist. Da werden in Bruchteilen von Sekunden Comic-Sequenzen mit Bildmaterial aus den Fünfzigern gemischt; da gibt es Werbeunterbrechungen und Wrestling; da läuft im Film im Hintergrund Propagandafilme, die Hitler, KZ, Stalin und Atombombe zeigen; Tiere die Geschlechtsverkehr betreiben; und das alles in den nur erdenklichsten Farben, die man sich vorstellen kann. Bildsequenzen werden in rot, blau, grün und schwarz-weiß getränkt um eine zur Szene gewollte Stimmung zu erzeugen. Man wird in seinem Kino- (Fernseh-) sessel erdrückt. Allein die, oben genannten, optischen Eindrücke, um nur einige zu nennen, erschlagen einen so mit Informationen, daß man sich in den ersten zehn Minuten erst einmal von den gewöhnlichen "US-Kitschstreifen"-Vorurteil lösen muß, um den Film in seiner Komplexibilität überhaupt greifen zu können. "Wenn ich Dich nicht umlege, über was sollen die Leute dann reden?" (Mickey Knox) Wie oben schon erwähnt, wird mit bildlichen Mitteln versucht, eine Stimmung zu erzeugen; die akustische Untermalung hilft dabei. Zu "Nine Inch Nails" und den "Cranberries" sieht man eine Wüste. Zum Gefängniss hört man Rap und Barry Adamson; zu Gewaltszenen "Carmina Burana", "Rage against the machine", "Lard", "Hole" und "Ministry". Als der Vater von Mallory mit einer Eisenstange auf den Schädel geschlagen wird, ertönt Vogelgezwitscher, wie in einem Comicstrip von "Tom & Jerry". Was jedoch ist der Inhalt und die Aussage? Das Pärchen Mickey und Mallory Knox ermordet in drei Wochen zweiundfünzig Menschen, hauptsächlich Polizisten. Dabei werden die Beiden von der "sensationsgierigen Öffentlichkeit" begleitet und die Presse macht daraus ein riesiges Medienspektakel. Sie werden zu Helden. Bei einem Überfall auf ein riesigen "Pharma-Supermarkt" werden M&M gefaßt und in ein Gefängnis gesteckt. Nach einem Jahr sollen sie mit einem großen Medienspektakel in eine geschlossene Anstalt überführt werden. Auf den Weg dorthin soll der bekannte Psychopaten-Jäger Dwight McClusky, gespielt von Tommy Lee Jones, welcher M&M schon gefangen genommen hatte, die beiden "beiseite" schaffen. Bei einem Live-Interview mit Mickey Knox jedoch bricht eine Gefängnisrevolte aus, und in diesen Wirren kann das Mörderpärchen fliehen. Das Fernsehen ist live dabei. Wie aber können zwei Menschen auf solch kaltblütige Weise 52 Menschen (im Verlauf des Filmes wird die Hunderter-Marke leicht überschritten) erschießen, erschlagen, erstechen? Oliver Stone gibt dafür in seinem Film plausible Antworten, was den Streifen von gewöhnlichen Hollywoodfilmen sehr abhebt. Mallory wächst in einer spießigen amerikanischen Kleinbürgerfamilie auf. Der Vater, im schmierigem Unterhemd, sitzt den ganzen Tag mit einem Six-Pack vor der Glotze und schaut sich Wrestling an. Die Vergewaltigung von Mallory durch ihren Vater ist Tagesordnung. Mallories Mutter weiß es und schweigt dazu. Als Mickey am Anfang des Filmes aus einem Gefängnis ausbricht, um Mallory aus den Klauen des Vaters zu befreien, erschlägt er, unter großem Gejohle von Mallory, diesen mit einer Eisenstange. Die Mutter wird an das Bett gefesselt und mit Benzin übergossen. Mallory erfährt Mord als Befreiung. "Nur die Liebe tötet den Dämon" (Mickey Knox) Mickey erzählt in einem Fernsehinterview, daß er in einem gewalttätigen Umfeld aufgewachsen ist. Der Vater schlägt ihn als fünfjähriges Kind und seine Mutter schreit ihn an er wäre ein "Arschloch". Mickeys Vater erschießt sich vor den Augen des Fünfjährigen mit einer Pumpgun. Kaputte Kindheit als Vorwand für das morden? Nicht nur, denn die Medien kommen den Mördern auf halben Wege entgegen M&M nutzen das Fernsehen geschickt für ihre Taten, um populärer zu werden. Bei ihren blutigen Mordzügen hinterlassen sie immer einen Überlebenden, der von den beiden berichten kann. Die Presse dankt es ihnen mit ausführlichen, hetzerischen Sendungen. Im Vordergrund steht dabei die Sendung "American Maniacs", die einige Ähnlichkeiten mit "Explosiv" bei RTL aufweist. Diese Sendung stellt den mörderischen Weg von M&M detailgenau nach und füttert damit die "Schwachköpfe da draußen im Zombieland". Auch geben Pseudo-Psychologen zwiespältige Kommentare ab. "Es fand in ihrer Kindheit/Jugend kein Mißbrauch statt. Nein das glaube ich nicht". Es wird nicht recherchiert, sondern der stinkende Informationsbrei wird mundgerecht verarbeitet. Es zählt nicht die Qualität der Berichte, diese bestehen nur aus einer Zusammenballung von Fakten, es kommt auf die Einschaltquoten und die damit zusammenhängenden Werbungen an Das Geld ist der springende Indikator. Apropos Werbung: Mitten im Film werden einfach Werbeunterbrechungen von Coca-Cola eingeblendet, die den Zuschauer immer wieder in das Geschehen mit einbeziehen. Die Zielgruppe der Sensationspresse ist nicht, wie in den meisten Filmproduktionen fiktiv, sondern der Zuschauer selber ist die Zielgruppe. Bei dem Live-Interview greift beispielsweise der Gefängnisdirektor in die Kamera, die die Sichtweise des Filmes zeigt oder die Aufmachung der "American Maniacs"-Sendung. Man denkt man hätte auf einen anderen Fernsehkanal gezappt und glotzt sich eine Sendung über Psychopaten an. Auch die Geschichte, wie sich Mickey und Mallory kennenlernten, wird separat von der Rahmenhandlung in einer Comedy-Sendung gezeigt. "Seitdem Ihr das erste Mal gemordet habt, gehört Euer Arsch uns, den Medien" (Journalist) Der Zuschauer wird an der Nase durch den Film rumgeführt. Beispiel: In der obenerwähnten Comedy-Sendung ist bei jedem Lacher eine Lachmaschine. Anfangs paßt sich der Zuschauer den Lachern an, aber spätestens dem letzten bleibt der Lacher im Halse stecken, als der Alte von Mallory ihren Hintern knetet und dabei Andeutungen auf seine Inzestabsichten macht. Den Schluß von "Natural Born Killers" bilden kurze Ausschnitte von Berichten, die der Film kritisiert. O.J Simpson, der mutmaßlich seine Ex-Frau ermordete; der schwarze Rodney King, der von rassistischen Polizisten zusammengeschlagen wurde; Tonya Harding, welche einen Anschlag auf eine Konkurrentin plante; Near Waco, wo die Davidianer-Sekte der Polizei heftigsten Widerstand leistete. Der Film schockt, raubt einem den Atem und zeigt einem sein Spiegelbild. Er kritisiert eine Art von Berichterstattung, die heute auch hier in Deutschland hoffähig wird. Er zeigt uns, wie krank unsere Gesellschaft ist, wie bequem der mündige Bürger geworden ist. Er kritisiert die sinnlosen Action-Unterhaltungsfilme und dessen Zuschauer. Wie die Presse zur Exekutive wird und der Staat (weil überfordert) eine polizeiliche Lynchjustiz unterstützt. Ein düsterer Film, der viel Dreck aufwirbelt. Vielleicht wollten gerade deswegen einige CDU/CSU-Politiker den Film hier in Deutschland verbieten, aber weit gefehlt, denn die selbsternannten Moralapostel hatten in ihrer dummen Arroganz den Film noch nicht einmal gesehen. In anderen Ländern hatte die Zensur mehr Glück. So wurde er in Irland und Singapur sofort verboten, ohne das WarnerBrothers mit seiner Geldlobby etwas erreichen konnte. @SH n  @SH y    @IY 2 Mit freundlichen Genehmigung aus der 2. Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk" entnommen. Reaktionen könnt Ihr an die Power-Brei schicken, wir leiten sie dann weiter.