Herr des Windes ----------------- Der Wind pfiff um die Ecken der Häuser im Dorfe Malkamanuwo, fegte heulend in die Schornsteine, zerfetzte die Fahne Chandwelars, die vorm Haus des Obristen wehte. Ab und zu verstummte der vielstimmige Chor, eine trügerische Ruhe stellte sich ein, als wenn der Wind neuen Atem schöpfte, um dann erneut, heftiger als zuvor den Menschen zu zeigen, wer hier im Dorfe Malkamanuwo nun regierte. Seit es Abend geworden war, herrschte der Wind, herrschte mit harter, brechender Hand. Die Menschen hatten sich in ihre Häuser verkrochen. Der Wind war heute nicht mehr so sanft wie in den vergangenen Wochen. Er peitschte die Wolken über Mankamanuwo voran, dem Kalmatz-Gebirge entgegen. Dort trieb er sie zusammen und pferchte sie ein. Und bald kündigten die ersten Blitze und der grollende Donner vom Gewitter, das dann mit einer unbändigen Kraft auch über dem Dorf losbrach. Malkamanuwo war gefangen von den Schleiern des herabprasselnden Regens, dem Feuer, das vom Himmel gen Erde zuckte, den Donnerschlägen, die immer wieder heranrollten. Das Gewitter war, nachdem es sich bereits lange angekündigt hatte, mit plötzlicher Gewalt losgebrochen, gespenstisch erleuchteten seine Blitze das Land, sein tiefes Donner ließ die Erde wanken und seine Wasserfluten nährten die Bäche und Flüsse, die rasch anschwollen und über die Ufer traten. In den Hütten unterhielten sich die Menschen leise, so als wollten sie nicht die Aufmerksamkeit der Naturgewalten, die nun um das Dorf stritten, auf sich ziehen. Die Kinder hatten sich in ihre Betten verkrochen, die Decken über die Köpfe gezogen, im Glauben, so vor dem Gewitter geschützt zu sein. Die Alten indes erzählten sich leis Geschichten und Sagen über die Entstehung der Länder und Meere, und über den Wind, dessen gnädiger Hauch zu tobendem Zorn werden konnte und die Erde verwüste. Einige Mütter beteten, tröstend von ihren Männern umschlungen. Alle Menschen saßen in ihren Häusern. Nur ein alter Mann, niemand hatte ihn je zuvor gesehen, schritt die Dorfstraße entlang. Sein schütteres, weißes Haar wehte im Wind, der Rock wurde von den Böen aufgeplustert. Er ging aufrecht, mit stolzem Gang durch die Gassen. Den Wind im Rücken, schien er zu schweben, sachte vom Wind getragen zu werden. So durchquerte der Alte das Dorf und schritt dem nahen Hügel Talamaru zu. Manche hatten ihn zwischen den Vorhängen hindurch beob- achtet, wie er furchtlos durch die Straßen ging, so als wäre ihm der Wind vertraut, ein Wesen, vor dem er keine Angst zu haben brauchte, ein Wesen, das er liebte. Oben auf dem Hügel hielt er an, blieb stehen wie eine steinerne Figur. Die Dorfbewohner, jene, die am Westrande Malkamanuwos wohnten, sahen ihn in seinem wehenden Umhang, durch die Regenschwaden der Wirklichkeit entrückt, auf dem Hügel stehen und den nassen und kalten Naturgewalten trotzen. Er hatte schon recht lange dort gestanden, als die Dorfbe- wohner einen ihrer furchtlosesten Männer, Fremklar aus dem Hause der Polkoens, zu dem Hügel Talamaru schickten. Noch immer hatte der alte Mann sich nicht gerührt, stand da und stützte sich auf einen schlanken, glatten Stock. Als Fremklar ihn erreichte wußte er nicht, ob der Alte ihn überhaupt bemerkte, den nichts rührte sich an ihm außer der vom Wind aufgeplusterten Umhang, der auf seinen Schultern ruhte. Zögernd näherte sich der Bote des Dorfes der ihm fremden Gestalt. Fremklar spürte, daß von diesem Menschen eine große Kraft ausging, eine Kraft, die sich mit dem Wind zu verbinden schien. Stumm standen beide Männer eine Weile nebeneinander und im Dorfe hob schon ein Wehklagen an, daß der gute Fremklar mit dem Alten zu Stein geworden wäre. Da wandte sich der Alte langsam zu Fremklar um. Tief und dunkel war die Stimme, die nun anhob, doch nicht drohend und böse, vielmehr mit einem fragenden Unterton. " Du bist gekommen trotz des Windes, den Ihr haßt, wenn er seine ganze Kraft zeigt, und den Ihr mit vielen Stimmen her- beiruft, Euch zu kühlen, wenn es heiß ist. " Dann schwieg der Alte wieder. Fremklar wollte antworten, doch die Zunge klebte ihm am Gaumen und plötzlich nagten Zweifel an ihm. Wie konnte er diese Stimme so klar und deutlich hören, wo doch der Wind um sie heulte, ihm das Atmen schwer machte, in seinen Ohren brauste? Wie konnte er da etwas anderes hören als den Wind? " Warum also, Sohn des Dorfes Malkamanuwo, im Lande Chandwelar ? " Fremklar schwieg noch immer. Zu groß war die Furcht, die er in sich spürte, hier auf dem Talamaru, inmitten des brausenden Windes, des Donners, der über ihn hinwegrollte, und den Blitzen, die um ihn herum in Bäume und Berge ein- schlugen. Doch noch mehr begann er sich vor dem Mann zu fürchten, der auf seinen Stock gestützt in die Ferne starrte, nicht achtend der Naturgewalten, die um sie tobten. Da erhob sich die Stimme von neuem. " Du siehst verängstigt aus. Ich sehe es in Deinen Augen wie in Deinem Geist. Du fragst Dich, wer ich sei, was ich hier tue, warum ich keine Angst habe vor dem Gewitter und vor dem Wind, der mein Freund ist, so wie er jetzt Euer Feind ist. " Als er gesprochen hatte, da hatte er sich erhoben, groß und majestätisch dagestanden, jetzt wo er schwieg, stützte er sich wieder auf seinen Stock und blickte in die Ferne. " Doch ich will dir sagen, wer ich bin, woher ich komme." Dann folgte eine kurze Pause, in der der Alte sinnend in die Ferne sah. " Ich komme von weit her und von nah. Ich komme vom Osten, Norden, Westen und dem Süden, von Nordwesten und Südosten, von Südwesten und Nordost. Ich komme von überall und ich bin überall. Mein Roß ist der Wind. Er ist mein Gefährte, mein Begleiter und ich bin sein HERR ! " Fremklar erschrak. Er drehte sich um und wollte den Hügel hinabstürzen, zurück in sein Haus, zurück in die schützende Obhut des Dorfes, weg von diesem Irren auf dem Hügel, der sich brüstete, der Herr des Windes zu sein. Doch er konnte nicht. Immer, wenn er sich dem Dorf zuwandte und seine Muskeln anspannte, um zu fliehen, blies ihm ein scharfer Wind ins Ge- sicht, der um so stärker wurde, jemehr Fremklar sich gegen ihn stemmte und ihn so am Fortgehen hinterte. Dann versuchte er es zur anderen Seite. Nur noch fliehen von diesem Hügel wollte er, weg von dem Alten. Doch wiederum blies der Wind von vorne, versperrte ihm den Weg und Fremklar glaubte gegen ein Wesen kämpfen zu müssen, das er nicht sehen noch greifen konnte. Ihm war, als lehne er sich gegen die breite Brust eines riesigen Pferdes, gegen sein weiches Fell, das ihm den Atem nahm, gegen die harten Rippen, die ihn nicht hindurchließen. So kämpfte er eine kurze Weile mit einem Gegner, den er nur fühlen konnte, während das Dorf gebannt und fragend zum Hügel hinaufschaute. Zuletzt setzte er sich erschöpft auf den Boden. Seine Angst war verschwunden, er hatte sich mit seinem Schicksal, wie auch immer es aussehen sollte, abgefunden. Den Alten hatte er völlig vergessen. Nun hörte er seine Stimme wieder hinter sich: " Noch lasse ich Dich nicht gehen. Ich bin noch nicht fertig, mein Sohn. Ich will nicht, daß Du von mir sprichst wie von einem Wahnsinnigen. Auch habe ich Dir nicht erlaubt, diesen Ort zu verlassen. Vergiß nicht, jetzt herrsche ICH über dieses Land und nicht Euer Obrist, der nichts weiter ist als ein Insekt, das ich zertreten könnte, wenn ich es wollte. Was ich von ihm halte und dem Land, dem er dient, habe ich Euch schon gezeigt. Ich hasse es, wenn Menschen großspurig daherreden und dann, wenn die Natur ihnen zeigt, wer ihr Herr ist, sich in ihren Häusern verkriechen wie armselige Hunde und ihrem Herren keine Ehrfurcht zeugen. Denn morgen, wenn ich weit fort bin von hier, dann wird der Obrist seine Stimme erheben, mich schmähen und verfluchen und seine Diener prügeln für Dinge, die sie nicht getan haben. Er tut es, um allen zu zeigen, daß er der Herr ist und nicht ich. Aber vielleicht komme ich wieder, und vielleicht habe ich dann nicht so gute Laune wie heute. " Dann schwieg der Alte und unten im Dorf stürzte der Fahnen- mast vor dem Haus des Obersten ächzend in sich zusammen, die zerfetzte Fahne mit sich reißend. Lange stand Fremklar da und dachte über den Alten und seine Worte nach. Seine Angst, die bei den Worten des Mannes wie glimmende Asche im Wind entflammt war, verlosch. Gedanken durchzuckten ihn. War der Alte wirklich der Herr des Windes, wie er vorgab? Fremklar begann dies zu glauben. " Es tut mir leid, daß ich eben so zornig war, wie es mir selten passiert. Doch es gibt noch etwas, was Du allen im Dorf sagen sollst. Es wird nicht viel nützen, fürchte ich, man wird Dir es nicht glauben, Dich wahrscheinlich sogar auslachen. Willst Du es trotzdem tun? " Zögernd antwortete Fremklar mit einem leisen, undeutlichen Murmeln: " Ja, aber ...". " Ich verstehe, was Du sagen willst, denn ich lese es in Deinen Gedanken. Doch das braucht Dich nicht zu beun- ruhigen. Komm nun mit mir, ich will Dir zeigen, was der Wind ist, welche Kraft in ihm steckt, seine bösen Seiten und seine guten. Denn der Wind ist wie ein Mensch, mal treibt ihn das Gute, mal das Böse. Doch vermag auch das Gute, Böses anzurichten und das Böse Gutes. " Während der Alte so sprach, folgte Fremklar ihm den Hügel hinunter, sich vom Dorf entfernend. Unten, am Fuße des Talamaru sah er eine ehemals mächtige Eiche. Nun war sie zu Boden geworfen und vom Blitz zerschmettert. " Du siehst, hier hat der Sturm mit all seiner Grausamkeit gewütet und der Blitz hat darauf das Ende besiegelt. Doch wenn der Wind grausam war, so hat er auch Gutes gebracht. " Damit bückte sich der Alte und wies auf einen kleinen Schößling, der dort in der Nähe des gestürzten Riesens aus dem Boden wuchs. " Der Wind hat das Leben eines großen mächtigen Baumes beendet, um einen anderen an seine Stelle treten zu lassen. Doch oft richtet der Sturm Böses an, da er mit unbändiger Kraft herrscht. Wenn der Sturm sich aber legt, und der Wind nur noch leise säuselt, dann bringt er Gutes. Er holt die Wolken, wenn das Land trocken ist, und läßt sie sich ausregnen, er bringt Kühle, wenn die Luft heiß ist. Du siehst, der Wind ist wie ein Mensch, mal sanft und gütig, mal hart und streng. Doch nun geh, ich hab Dir mehr über mich verraten, als ich es je zuvor tat. " Damit wandte der Alte sich ab und ging langsam den Berg hinauf, so, als würde er sanft vom Wind geschoben. Fremklar wollte ihm folgen, er wollte mehr über diesen Mann erfahren, er wollte mehr vom Wind hören, er war be- gierig zu erfahren, wie es in den anderen Ländern aussah, die, wenn er die Worte des Alten richtig deutete, der Herr des Windes schon gesehen hatte. - Doch er konnte nicht. Wieder stand der Wind gegen ihn, er war unfähig die Anhöhe zu besteigen. Der Wind trieb ihn zum Dorfe zurück und er ließ keine Umkehr zu, mit sanfter Gewalt schob er Fremklar immer weiter. Im Dorfe hatte man sich schon Sorgen gemacht. Oft er- blickte man die Gestalten auf dem Berg, wenn die Blitze um sie tobten und dann waren sie plötzlich verschwunden. Man hatte nicht mehr zu hoffen gewagt, Fremklar je wieder zu sehen. Nun waren sie begierig zu hören, was er zu er- zählen hatte. Und Fremklar erzählte, die ganze Nacht hindurch, was er erlebt hatte und er verkündete die Worte des Herrn des Windes. Doch man verlachte ihn. Wenige blickten hinaus und sahen den Alten, der noch lange nach Fremklars Rückkehr auf dem Hügel stand. Diese glaubten seinen Worten vielleicht. Am nächsten Morgen, als sich der Sturm verzogen hatte und die Sonne durch die Wolken brach, sah man eine Menge Men- schen zum Hügel strömen. Seltsame Zeichen und Spuren waren dort zu sehen. Nur Fremklar und einige, die ihm glaubten, meinten Pferdespuren erkennen zu können. Spuren, die die eines normalen Pferdes weit übertrafen. Vom Alten aber war nichts mehr zu sehen. ( was die Bewohner Malkamanuwos vom großen Sturm des 7.im Voll- mond des Jahres 2321 erzählen ) ***************************************************************************** * C O P Y R I G H T * *---------------------------------------------------------------------------* * ALLE RECHTE DER GESCHICHTEN / GEDICHTE BLEIBEN BEI DEN AUTOREN. * * Jede Veröffentlichung und/oder Verwendung , auch Auszugsweise, bedarf * * der ausdrücklichen, schriftlichen Genehmigung der Autoren. 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