Heimkehr aus der Fremde ------------------------- Langsam versank die Sonne im Meer. Ihre letzten Strahlen erhellten die Klippe, schienen sich an sie klammern zu wollen, doch ihr Schicksal war besiegelt. Wie jeden Tag erlosch die Sonne im Wasser und kurze Zeit später kündete nur noch ein schwaches Glimmen am Horizont von ihrem einstigen Glanz. Morgen früh würde der Herr des Erdenrunds eine neue Sonne aussenden, um den Menschen wieder einen Tag lang ihre Wege zu zeigen. Baldimura hatte bereits ein Lagerfeuer entzündet. Es sollte uns während der Nacht Licht und Wärme spenden und die bösen Tiere und Geister von uns fernhalten. Fast den ganzen Tag hatten wir Brennholz gesammelt und in den halbverfallenene Turm getragen, der oben auf der Klippe stand. Zu unserem großen Erstaunen hatten wir diesen Turm hier vorgefunden, als wir die Klippe nach lang- jährigen Irrfahrten wieder erreichten. Damals, vor zwölf Jahren, als wir auf dieser Klippe standen und dem davon- fahrenden Schiff nachblickten, ehe wir in das fremde Land auszogen, damals hatte es diesen Turm nicht gegeben. Nun aber war er da. Der Turm war verfallen oder zerstört. Ob von Menschen oder von Naturgewalten, wir wußten es nicht. Aber es war wohl letzteres, denn die große Holztür an seinem Fuße war noch gut erhalten. Wodurch wurde er zerstört? Noch wichtiger, wer hat ihn erbaut? Warum und wohin verschwand jener? Oder jene? Diese unbeantworteten Fragen warfen einen Schatten der Unbehaglichkeit auf die Klippe, sorgten dafür, daß wir uns dort nicht so recht wohl fühlten. Immer glaubten wir uns beobachtet an diesem Abend. Doch wir konnten nicht weg. Wir hatten damals mit unseren Freunden abgesprochen, daß sie uns im zwölften Jahr nach unserer Ankunft hier wieder mit ihrem Schiff abholen sollten, und zwar am Tage des fünften Vollmonds. Der Tag war vergangen und es war Nacht geworden, die Nacht des fünften Vollmondes im zwölften Jahr seit unserer Ankunft. Das Holzfeuer auf dem Turm brannte nun Stunde um Stunde und der Mond wanderte langsam durch das Stern- bild des Bechers, das am Rande des Diamantenen Bandes liegt. Als er das Diamantene Band hinter sich gelassen hatte, es ging auf die Stunde der Mitternacht zu, hatten wir noch immer nicht das Schiff unserer Freunde gesichtet. Immer wieder nährten wir das Feuer, den Wegweiser für unsere Freunde mit neuem Holz, doch kein Feuer eines Schiffes war auf dem Meer zu sehen, das weit und dunkel vor uns lag. Als der Mond die Sterne des Mondweges erreichte, zeigte uns ein rötliches Leuchten über dem hinter uns liegenden Land, daß eine neue Sonnenkugel erschaffen worden war, die nun mit frischem, funkelnden Glanz über dem Land aufstieg. Der erste Tag nach der Vollmondnacht hatte begonnen. Unsere Freunde aber, waren noch immer nicht zu sehen. Gedrückten Mutes aßen wir ein hastiges Mahl und ruhten uns ein wenig aus. Dann sammelten wir wieder Holz und schafften es zum Turm. Die Klippe wurde uns bekannter, denn auf der Suche nach trockenem Holz durchforsteten wir jeden Winkel und entdeckten dabei auch, daß es hier viele Höhleneingänge gab. Wir zogen es aber vor, sie nicht näher zu erforschen, irgendetwas warnte uns davor. Besonders ein recht großer Eingang ließ uns erschaudern. Er war nicht trocken wie die anderen, sondern über und über mit grünlichen Algen bewachsen, obwohl wir nirgends Wasser entdecken konnten und auch sonst keine Feuchtigkeit. Der Tag verrann und wir sammelten eifrig Holz und machten uns dabei Gedanken über diese Höhle. Es mußte dort wohl irgendwie und irgendwo Wasser aus dem Gestein treten, nur wenig, aber genug für die Algen. Doch wir hatten nie gehört, daß so etwas so hoch auf einer Klippe geschah. Und diese Klippe war die höchste im weiten Umkreis. Als die Sonnenkugel im Meer versank, entzündeten wir erneut sowohl das Lagerfeuer auf der Klippe als auch das Feuer auf dem Turm. Während des Tages hatten wir kein Segel gesichtet. Wieder begann der Mond seine Wanderung über den gläsernen Himmel, hinter dem die Sterne, die ewigen Lichter der Nacht brannten. Einige von uns schliefen, die anderen wachten auf dem Turm und am Lagerfeuer. Es muß etwa zwei Stunden nach Sonnenuntergang gewesen sein, als uns ein Schrei vom Turm aus dem Schlaf riß. Wir eilten hinauf. Die Wache deutete mit langem Arm zum Horizont, wo man schwach ein Licht auf dem Wasser erkennen konnte. Rasch warfen wir Brennholz ins Feuer, das freudig emporzüngelte. Keiner achtete auf das Lager am Fuße des Turms. Mit leisem Zischen verlosch dort das Feuer. Wir hätten es wohl nie bemerkt, hätte nicht Jamaludiro, nach seiner Krautpfeife suchend, von dem Turm zum Lager geblickt. Angst kroch uns erst den Rücken, dann den Nacken empor. Was war das, welches Wesen hatte unser Lagerfeuer in einem günstigen, unbeobachteten Moment verlöscht? Unsicher tastend vergwisserten wir uns unserer Waffen. Baldimura entnahm einem der Rucksäcke, die wir mit auf den Turm genommen hatten, ein Fläschchen mit Lampenöl. Dann wickelte er ein Stück Tuch um einen Holzscheit, übergoß es mit Öl und hielt es ins Feuer. Zischend loderte die Fackel auf. Baldimura ging an den Rand des Turmes und schleuderte sie hinab, dorthin, wo unser Lager war. Die Fackel zog eine Flammenspur durch die Luft und landete mit dumpfen Aufschlag im Gras. Gespenstisch zuckend erleuchteten die Flammen unseren Lagerplatz. War die Angst uns bis dahin nur in den Nacken gekrochen, so erreichte sie jetzt unsere Haare, die sich bei dem Anblick, der sich uns bot, zu sträuben begannen. Hatten wir eine fremde Person erwartet, ein mensch- liches Wesen oder ein Tier, so sahen wir stattdessen einen grünlichen Schleim, der sich über unseren ganzen Lagerplatz ausgebreitet hatte und alles aufzulösen schien, was mit ihm in Berührung kam. Wir mußten schnell handeln, sahen wir diese grünliche Masse doch langsam auf den Turm zukriechen, von dem sie nur noch wenige Meter trennten. Wir schlossen die Eingangstür so gut es möglich war und häuften dahinter alles auf, was wir an brauchbaren Gegenständen im Turm vorfanden. Dann schafften wir all unsere Habe, die sich im Turm befand, und das war nicht gerade viel, hinauf zur Spitze des Turmes. Sehnsuchtsvoll blickten wir aufs Meer, doch das Feuer kam nur langsam, viel zu langsam näher. Wir bereiteten uns auf einen Kampf mit diesem Wesen vor, doch wie sollten wir kämpfen, mit welchen Waffen ließ es sich besiegen, wenn es sich überhaupt besiegen ließ? Von oben, über der Tür, konnten wir den grünen Schleim beobachten, wie es sich der Tür näherte und dann, zu unserem großen Schrecken, begann, diese langsam aufzulösen. Die Tür stellte für das Wesen also kein Hindernis dar, das es gezwungen hätte, außerhalb des Turmes zu bleiben, es verzögerte lediglich sein Vorhaben, zu uns zu gelangen und uns zu vernichten. Die Tür hielt nicht lange stand, ächzend fielen ihre Überreste in sich zusammen und wurden von dem Schleim verschlungen. Das nächste Hindernis, das aufgetürmte Mobiliar, war noch wirkungsloser als die Tür. Der Schleim machte sich gar nicht erst die Mühe, es zu zersetzen, er kroch einfach durch die Ritzen und Spalten, die er vorfand. Als das Licht einer neuen Sonne den Anbeginn eines weiteren Tages ankündigte, hatte der Schleim die Treppe des Turmes erreicht und kroch zu uns hinauf. Nun begannen wir mit unserer Verteidigung. Das Wichtigste war zunächst, herauszufinden, wie man diesem Wesen Schaden zufügen konnte, um es von der Spitze des Turmes fernzuhalten. Kimaturan, der Mutigste von uns, ging vorsichtig die Treppe hinunter dem Wesen entgegen. In der Hand hielt er ein großes, beidhändiges Schwert. Die grüne Masse, die zu seinen Füßen heraufwucherte, war beinahe schlamm- oder moosartig und besaß eine tiefgrüne Färbung, mit bräunlichen Schattierungen und Flecken durchsetzt. Augen, einen Mund oder Gliedmaßen konnte Kimaturan nicht entdecken. Er hob das Schwert über seinen Kopf und ließ es auf die Masse niedersausen. Widerstandslos, wie durch Wasser, durschnitt das Schwert den Schleim, um dann klirrend auf den Boden zu treffen. Der Schnitt, den das Schwert hinterlassen hatte, schloß sich sofort wieder, und als Kimaturan das Schwert wieder hob, sah er, daß dessen Klinge bereits voller Löcher war und der Schleim, der darauf haftete, es rasch weiter zerfraß. Mit einem lauten Schrei des Schreckens und des Zornes schleuderte Kimaturan das Schwert von sich und eilte zu uns zurück. Nun war es an Baldimura, die Treppe hinabzusteigen. In der linken Hand hielt er eine Fackel, in der rechten zwei Fläschchen mit Lampenöl. Er kam nicht einmal mehr so weit die Treppe hinunter wie Kimaturan zuvor, der Schleim hatte schon wieder einige Stufen erklommen. Baldimura zerschlug die Ölfläschchen auf der Treppe und entzündete das Öl mit der Fackel, das nun brennend auf den Schleim zulief. Er wich ein Stück zurück, gespannt, was passieren würde. Da wandte er sich entsetzt um und floh zu uns zurück. Der Schleim hatte sich gierig den Flammen genähert und sie fast genüßlich verschlungen, wobei es schien, als finge er an zu leuchten. Das Wesen kroch nun immer schneller zu uns empor, ge- stärkt durch unsere Waffen, die es doch aufhalten sollten. Selbst der Stein, über den der Schleim kroch, begann sich aufzulösen. Nun sahen wir nur noch eine Möglichkeit zu unserer Verteidigung, doch war diese auch wirkungsvoll? Die Reihe war nun an mir. Vorsichtig stieg ich die Stufen hinab, allzuviele waren es ja nicht mehr. In meinen Taschen befanden sich fünf Ampullen mit Gift, jedes von einer anderen Art, mit einer anderen Wirkung. Ich hoffte, daß wenigstens eines der Gifte uns helfen würde, das Ungeheuer zu vernichten oder es zumindest aufzuhalten, bis wir in ein oder zwei Stunden mit dem Schiff, das jetzt rasch näher rückte, würden fliehen können. Das erste Gift, hergestellt aus den Wurzeln des Teufelsstrauches, schimmerte braun in der gläsernen Ampulle. Ich warf es vor mir gegen die Decke, die Ampulle zersprang und ihr Inhalt ergoß sich auf den grünlichen Schleim. Ein Leuchten ging durch das Wesen, dann versuchte es, die Wand emporzukriechen, um nach weiterem Gift zu suchen. Ich gewahrte dies mit Schrecken und griff nach der zweiten Ampulle. Das zweite Gift war ein Extrakt des roten Dornbusches. Es war recht wirkungsvoll und tötete fast augenblicklich, doch konnte man sich auf diese Wirkung nicht mit Bestimmt- heit verlassen. Und auch hier geschah dasselbe wie mit dem Gift des Teufelsstrauches. Die Zusammensetzung des Giftes in der dritten Ampulle kannte ich nicht, denn die Mönche des Klosters von Kamalunatramastriman, von denen wir dies Gift erhielten, halten das Geheimnis seiner Zubereitung streng geheim. Es gilt als eines der verheerendsten Gifte des Landes, denn es läßt den Körper innerhalb kürzester Zeit ver- rotten. Doch auch dies Gift blieb wirkungslos. Auch die vierte Ampulle, mit ätzendem Toyngeer-Wasser, half nichts. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich nun, daß der Schleim mich fast eingekreist hatte. Voller Panik warf ich die letzte Ampulle auf den Schleim, der mir den Fluchtweg zu versperren drohte. Ich wollte meinen Augen kaum trauen, als ich sah, daß der Schleim zurück- zuckte und sich aufzulösen begann. Der Weg zu meinen Freunden war frei und voller Hoffnung und Freude lief ich die Treppe hinauf. Rasch berichtete ich ihnen von unserem Glück. Die letzte Ampulle hatte Gift vom Dunkelbaum enthalten, glücklicherweise hatten wir sechs Stück davon. Wir verteilten sie rasch, doch dann stellten wir fest, daß es noch immer sechs waren. Was für eine Ampulle hatte ich geworfen? Plötzlich schrie Baldimura auf und deutete auf das Säckchen neben dem des Dunkelbaumgiftes. Es war offen und etwas von dem Heu, das die Ampullen vor Stößen schützte, schaute hervor, so als ob jemand ihm eine Ampulle entnommen hatte. Nun wurde uns gewahr, daß ich nicht eine Ampulle mit dem Gift des Dunkelbaumes geworfen hatte. In der Eile hatte ich die beiden Säckchen verwechselt und statt des Giftes eine Ampulle mit einem Heiltrank genommen. Das war also die Waffe, mit der wir dem Ungeheuer beikommen konnten! Wir besaßen zwar einen großen Vorrat des Heiltrankes, wohl an die zwanzig Ampullen, doch der größte Teil davon hatte am Lagerfeuer gelegen. Aber lagen sie immer noch da? Oder hatte der Schleim sie zerstört? Wahrscheinlich nicht, hätte sich der Schleim doch damit selbst vernichtet. So entstand unser Plan. Ein Seil fiel über die Brüstung des Turmes, einer von uns hangelte sich daran zu Boden. Dort angekommen, rannte er zu unserem Gepäck, das der Schleim verschont hatte. Nach kurzem Suchen holte er ein strohgefülltes Säckchen hervor, in ihm waren die Ampullen. Siegessicher reckte er den Arm empor und ließ uns das Säckchen sehen. Dann holte er einige Ampullen heraus und schlich sich an die zerstörte Tür des Turmes. Während er in den Turm eindrang und den Schleim von hinten angriff, trieben wir ihn langsam die Treppe hinunter. Der Schleim war gefangen. Immer kleiner wurde die Masse, als wir sie mit dem Heilmittel bespritzten. Verzweifelt versuchte der Schleim, die Wände des Turmes aufzulösen, um so seinem Schicksal zu entgehen, doch die Mauern waren zu stark. Unsere Freunde, die bald darauf zu uns stießen, wollten uns unsere Erzählung nicht glauben, sahen sie doch nur noch Wasser, das in einigen Pfützen im Treppenaufgang stand. ( aus " Baldimuras Wanderjahre " ) ***************************************************************************** * C O P Y R I G H T * *---------------------------------------------------------------------------* * ALLE RECHTE DER GESCHICHTEN / GEDICHTE BLEIBEN BEI DEN AUTOREN. * * Jede Veröffentlichung und/oder Verwendung , auch Auszugsweise, bedarf * * der ausdrücklichen, schriftlichen Genehmigung der Autoren. Pauschal * * ist eine Verbreitung über Mailboxen und PD-Disketten (wobei der Dis- * * kettenpreis 4,--DM nicht überschreiten darf) gestattet . Der Text darf * * in keiner Form verändert werden. Ein Entfernen dieser Copyrightmit- * * teilung ist untersagt. 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