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                      Chemie der Kampfstoffe und Gifte
                      ================================
 
 
Giftstoffe
----------
 
 
 Gift,  Sammelbegriff  für   alle  Stoffe,  die  durch  chemische  Wirkungen
Krankheit  und  Tod  verursachen  können.   Jedes Gift hat seine spezifische
Wirkungsart  und  bevorzugt bestimmte Organe oder Organsysteme.  Der Kampf -
besonders aus dem Untergrund - mit Giftstoffen ist schon sehr viel älter als
derjenige  mit Explosivstoffen.  Dabei kann der Einsatz mit Gift oder Giften
gegen  eine  einzelne  Person wie auch gegen große Personengruppen erfolgen.
Gifte  können,  je  nach  Art  und  Beschaffenheit  relativ  rasch oder auch
verzögert wirken.  Leztere kann insbesondere bedeutend sein, weil die Aktion
vom Gegner nicht unmittelbar als solche erkannt wird.  Damit werden auch die
Risiken  hinsichtlich  Repressalien  gegen  die  Bevölkerung  geringer.  Die
Beschaffung   von  Giften  ist  eher  noch  schwieriger  als  diejenige  von
Sprengmitteln.   Deshalb  würde  auch  in  diesem  Bereich die Kenntniss der
Giftbereitung  sehr wichtig werden.  Die Anwendung von Giften ist allerdings
sehr viel subtiler als die von Sprengstoffen.
 Die  in  diesem  Kapitel  genau beschriebenen Anleitung zur Herstellung von
Kampfstoffen  bedürfen auf jeden Fall allgemeine Kenntnis der Materie.  Aber
Wissen  kann  man  im  Ernstfall  eben  auch  an  dafür  geeignete  Personen
weitervermitteln.   Der  Einsatz  solcher  potenten und großräumig wirksamen
Kampfmittel  muß  genau  bemessen und geplant sein um ein Maximum an Wirkung
bei  möglichst kleinem persönlichem Risiko zu erreichen.  Dabei kann es sich
zum  Beispiel um ein feindliches Lager handeln wie aber auch um einen Ort an
dem  sich  das  feindliche  Kader  mit  Vorliebe  aufhält.   Dies  kann eine
Gaststätte, aber auch genauso gut ein Bordell sein.
 Die  Giftaufnahme  erfolgt  entweder  oral (Mund), respirativ (Atmung) oder
kutan  (Haut).   Dazu ein Beispiel:  Möschlin berichtet in der Fachliteratur
von  einem Vergiftungsfall mit Sarin in Bern.  Sarin ist eines der stärksten
und  auch  modernsten  Kampfmittel.   Ein  mit dieser Substanz laborierender
Mitarbeiter  vergiftete  sich   aufs  schwerste  an  einem  höchstens  zehn-
tausendstel Gramm dieser Substanz.  Die Giftaufnahme erfolgte über die Haut.
Diethyl-S-ethyl-2-diethylamino-phosphortiolat-H-oxolat  [mit dem Firmennamen
R-6199  ist  ein  wasserlösliches  Insektizid  und  daher  sehr  aktiv.  Für
Insekten  ist  diese Substanz deshalb äußerst giftig, jedoch (unter normalen
Bedingungen) für den Menschen nicht so gefährlich.  Anwendung erfolgt in der
Landwirtschaft]  wirkt noch viel toxischer als Sarin, wenn dieses intravenös
verabreicht  wird.   Vermischt  man  dieses Gift mit Dimethylsulfoxid (DMSO)
[als  Deltan (Rheuma) im Handel], dann wird die Resorption durch die Haut um
ein vielfaches beschleunigt mit entsprechender Effizienz der Giftwirkung.
 
 
 
Wirksam einzusetzende Gifte
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Berührungsgift
 
Man  sammelt  Knollenblätterpilze.   Man  zerstampft  ohne natürlich mit der
Masse in Berührung zu kommen und versetzt mit Alkohol.  Läßt 24 h stehen und
filtriert in ein großflächiges Gefäß und läßt verdunsten.
Der  Rückstand  wird  mit  DMSO  (Deltan  flüssig  oder  Gel)  aufgenommen.
Entsprechend  plaziert  erfolgt die Giftaufnahme über die Haut.  (z.B.  Auto
oder Haustüre).  Die Latenzzeit bis zur Giftwirkung berträgt einige Tage.
 
Kaliumzyanid
 
Zur  oralen  Vergiftung eignet sich besonders Kaliumzyanid.  Dieses ist kaum
zu bekommen.  Deshalb wird man auf die eigene Herstellung angewiesen sein.
 Man  erhitzt  im  schwerschmelzbaren  Reagenzglas gelbes Blutlaugensalz zur
Schmelze  auf über 100 °C.  Bei dieser Reaktion entweicht Stickstoff als Gas
und   es  bildet  sich  als  Niederschlag  Eisenkarbid.   Die  Reaktion  ist
abgeschlossen,  wenn  die  Gasentwicklung beendet ist.  Nun verdünnt man mit
Wasser  und  filtriert.   Im  Filter  bleibt  das Eisencarbid und die Lösung
enthält   Kaliumzyanid,  welches   durch   verdampfen  der  Flüssigkeit  als
kristalline Masse erscheint.  Gelbes Blutlaugensalz erhält jedes Kind in der
Drogerie.
 
Rittersporn
 
Ein  weiteres  sehr  starkes  Gift  kann  aus unserem heimischen Rittersporn
gewonnen  werden.   Man gräbt die Knollen aus.  Man zerkleinert im Mixer und
kocht  mit  Wasser  aus.  Nach Erkalten versetzt man die Brühe mit Ether und
schüttelt   einige   Minuten.    Dabei  geht  das  giftige   Akonitin  über.
Kristallisiert nach verdampfen des Ethers.  Nur im Freien arbeiten.
 
In  derselben Weise verfährt man auch mit Rizinussamen.  Das in diesen Samen
enthaltene Gift Rhizin ist bereits in der Menge von 30mg tödlich.
 
Weißer Phosphor
 
Ein  starkes  Gift ist weißer Phosphor.  Er wirkt in einer Dosis von etwa 50
mg  tödlich.   Phosphor war ein beliebtes Gift vor der Zeit der Chemie.  Die
Herstellung  ist  denkbar  einfach:   roten  (ungiftigen)  Phosphor in einen
Kolben  geben,  Stopfen  mit  Winkelrohr darauf, das Winkelrohr kommt in ein
Gefäß  mit kaltem Wasser.  Nun wird der Kolben erhitzt (auf über 300 °C, der
rote  Phosphor  verdampft  und  wandelt  sich in weißen Phosphor um.  Dieser
schlägt sich dann im Wasser nieder.
 Leider  hat  weißer  Phosphor  einige  Nachteile:   er  brennt  sofort  bei
Berührung  mit  Luft  (man  kann  ihn also nur z.B.  in Speisen und Getränke
mischen);  außerdem  ist  er  extrem  simpel  auch  nach  langer Zeit krimi-
nalistisch noch nachzuweisen.
 
 
 
Kampfstoffe
-----------
 
 
Gelbkreuzgase: Yperit (Senfgas, chem.  Dichlordiäthylsulfid)
 
        (Hier  gehört  noch  die Grafik "Senfgas" rein)
 
 
In  den  Kolben C bringt man 25 g Aluminiumpulver und eine Mischung von 25 g
Ethanol mit 150 g konz.  Schwefelsäure(1,84) und erwärmt vorsichtig.  Sobald
der  Ethylengasstrom  konstant  wird, verbindet man die Waschflasche (3) mit
der  Wulfschen Flasche, in die man vorher schon 20 g Schwefelchloryr gegeben
hat  und  gibt  gleichzeitig aus dem Tropftrichter (D) ein Gemisch von 150 g
Ethanol  und 300 g konz.  Schwefelsäure in den Kolben (C).  Von Zeit zu Zeit
fügt  man  aus  dem Tropftrichter weitere 30 g Schwefelchloryr zu und stellt
die  Wulfsche  Flasche  in ein Wasserbecken, welches auf 30-40 °C.  gehalten
wird.   Das  Durchperlen  des  Ethylenstromes  muss ca 4-5 h dauern.  Danach
gießt  man  den  Inhalt  der  Wulfschem  Flasche in 250 ml warmes Wasser und
dekantiert  die  wässrige  Schicht mit dem ausgeflockten Schwefel ab, wäscht
noch  einige Male mit Wasser und filtriert über Glaswolle, erwärmt auf 60 °C
1-2 h und filtriert erneut (Glaswolle).
 
 
Grünkreuzkampfstoffe
 
Dibromidmetlhyäther
 
In  einem  Kolben  von  300  ml  werden  30  ml  Paraformaldehyd  mit  80  g
Schwefelsäure  (Dichte  1.84)  versetzt.   Es wird mit Eis gekühlt und unter
Rühren  155  g  fein pulverisiertes Natriumbromid zugesetzt.  Man erwärmt 10
min   auf  dem  Wasserbad.   An  der  Oberfläche  bildet  sich  eine  ölige
Flüssigkeit,  die man in einem Scheidetrichter trennt.  Die Substanz ist ca.
vier mal toxischer als Phosgen.
 Flüchtigkeit:  21100 mg/m3 20 °C
 
 
Thiophosgen:
 
Ist   ein   französischer   Kampfstoff  (Lacrimite).   Entsteht,  wenn  man
Tetrachlorkohlenstoff  und  Schwefelwasserstoff  durch ein rotglühendes Rohr
leitet.   Nebenbei  entsteht  auch Perchlormethylmercaptan, welches stark zu
Tränen reizt.
 
 
Chlorpikrin:
 
In  5  l Kolben werden 550g Chlorkalk mit 1l Wasser zu einem Brei angerührt.
Dann  fügt  man  unter  Schütteln  eine Natriumpikratpaste dazu, hergestellt
durch  mischen von 50g Pikrinsäure, 10g Ätznatron und 250ml Wasser.  Es wird
ein  langer  Liebigscher Kühl er angeschlossen und mit eingeleitetem Wasser-
dampf  destilliert,  bis  keine  öligen  Tröpfchen  mehr entstehen.  Mittels
Scheidetrichter wird getrennt und über Chlorkalzium getrocknet.  Es kann, um
größere  Reinheit zu erzielen, erneut destilliert werden.  2mg/m^3 sind in 1
min  tödlich!   Um  Chlorpikrin  einzusetzen,  kann  man  auch am Einsatzort
Pikrinsäure  mit  Chlorkalk  mischen  und das ganze Anzünden.  Der Rauch ist
tödlich.
 
 
Weißkreuz-Kampfstoffe
 
Bromazeton:
 
Man  mischt  5 ml Azeton mit 2 ml destiliertem Wasser.  Zu 1.4 ml (aus einer
Bürette)  dieser  Mischung gibt man ebenfalls aus der Bürette 0,8 ml Brom in
ein  Reagenzglas.   Dann  erwärmt  man  die  fast  schwarze Flüssigkeit ganz
vorsichtig über einer kleinen Flamme.  Nach kurzer Zeit setzt unter Sprudeln
und  Aufschäumen  die  Reaktion  ein  und  die  Flüssigkeit wird schlagartig
wasserklar.     Danach   gibt   man   zur   Stabilisierung   0.3g   Magnesia
(Magnesiumoxid) zu.  34mg Bromazeton in einem Kubikmeter Luft reizen bereits
unerträglich stark.
Darstellung  von  Brom:   Man vermischt 5 g Kaliumbromid und 10 g Braunstein
und  versetzt  mit  einer Mischung von 25 ml konz.  Schwefelsäure und 125 ml
Wasser.   Man destilliert in einer Retorte im Freien.  Destillat besteht aus
reinem Brom.
Alternativ:  Erwärmen von überall erhältlichem Bromwasser.
 
 
Brommethylalketon:
 
Man bromiert mit Natriumbromid zu Methylethylalketon mit Natriumchlorat oder
man  destilliert  eine  Mischung  von  Natriumbromid  und  Natriumchlorat in
Gegenwart von Schwefelsäure.
 
 
Chloracetophenon:
 
In  einen  Kolben  mit  zweifach  durchbohrten  Gummistopfen bringt man 20 g
Acetophenon  und  100  g  konz.  Essigsäure.  Nach dem Schütteln schickt man
durch  die  Lösung einen starken Chlorstrom unter gleichzeitiger Kühlung von
außen.   Dann  läßt  man  stehen bis die Lösung farblos ist und schüttet sie
dann  in  Eiswasser.   Es scheidet sich eine ölige Flüssigkeit aus, die bald
kristallisiert   und  fest  wird.   Man  wäscht  mit  verdünntem  Alkohol.
Chloracetophenon ist das Tränengas der Polizei.
 
 
Blaukreuz-Kampfstoffe
 
Diphenilaminchlorarsin:
 
In  einer Porzellanschale von 300 ml Inhalt bringt man 42 g Diphenylamin mit
21  ml  Salzsäure (Dichte 1,19) und erwärmt bis zur Vertreibung des Wassers.
Man  erhält  ein  weißes Pulver und trocknet es 2-3 Std.  bei ca.  50 °C und
mischt  es  dann  mit  25  g  Arsentrioxid  und  bringt  es unter Rühren zum
Schmelzen.   Dann  läßt  man  die  Erwärmung  weg  und  läßt  die Temperatur
ansteigen.   In der Zeit von 3-4 h steigt die Temperatur auf ca.  200 °C und
die  Wasserdampfentwicklung  hört  auf.  Reizt die Haut und Lunge sehr stark
(0,1-0,4  mg/m3).   Wird  von  der  Polizei  in  Kombination  mit  Tränengas
verwendet.
 
 
Clark 2 (Diphenylarsincyanid)
 
In  einem Kolben von 100 ml löst man 4,5 g Kaliumcyanid und 25 ml Wasser und
fügt  dann  15  g  Diphenilarsinchlorid  hinzu.   Man  erwärmt  3  h auf dem
Wasserbad.   Es  scheidet  sich auf dem Boden des Kolbens ein Öl ab, daß man
mit  warmem  Wasser  wäscht  und  nach dem Abkühlen auskristallisieren läßt.
Löslich in Benzol, Chloroform und Ether.
 
Eine andere Darstellung:
 In  eine  Glasröhre  werden  10  g  Diphenilarsinoxid  und  6 g wasserfreie
Cyanwasserstoffsäure  gebracht.   Das  Rohr wird zugeschmolzen und dann zwei
Stunden auf 100 °C.  erhitzt.
 
Clark 2 ist ein Brechgas.
 
 
Nervengifte
 
Zyanwasserstoff
 
Entsteht  durch  Einwirken  von  50%iger Schwefelsäure auf Kaliumzyanid oder
auch  auf  gelbes Blutlaugensalz.  (Kaliumzyanid entsteht auch, indem man im
Reagenzglas gelbes Blutlaugensalz (K4FeC6N6) auf über 100 °C erhitzt und die
gefilterte H2O-Lösung eindampft.)
 
Formel:  K4FeC6N6 = 4KCN + FeC2 + 2N
 
Man  trennt  von  dem  fein  verteilten  Eisencarbid  durch Filtration.  KCN
entsteht  auch,  wenn man Stickstoffgas über ein glühendes Gemenge von Kohle
und Kaliumcarbonat leitet.
 
 
Chlorzyan
 
In  einem  Kolben  von  300  ml  werden  100  ml  einer bei 0 °C gesättigten
Chlorlösung  (in  Wasser)  gebracht.   Unter  Kühlung  läßt  man  aus  einem
Tropftrichter  eine  Lösung  von  Zyankali  bis  zum Verschwinden der gelben
Chlorfarbe  eintropfen.  Man sättigt noch einmal mit Chlor und läßt wiederum
Kaliumcyanid eintropfen.  Achtung!  Kein Überschuß!  Das gebildete Chlorcyan
wird  aus  dem  Wasserbad destilliert.  Kann mit Chlorpikrin oder mit Yperit
gemischt werden.
 
 
Bromcyan
 
In  einem  Koben  mit  150  g  Brom  und  50  ml  Wasser  läßt man aus einem
Tropftrichter  vorsichtig  und  unter  Kühlung auf 0 °C eine Lösung von 65 g
Kaliumcyanid  und 120 ml Wasser (auch 0 °C) zufließen.  Sobald die Lösung im
Kolben  nur  noch  schwach braun ist, verdünnt man die KCN-Lösung und tropft
weiter,  bis  farblos.   Kein Überschuß, da sonst instabil!  Nachher wird in
Retorte destilliert und auf 60 °C erwärmt.  Es bilden sich weiße Nadeln.
 
 
 
Berichte
--------
 
 
Gelbkreuzkampfstoff
 
Ätzende Kampfstoffe
 
[Dichlordiethylsulfid (=Lost, Senfgas, Yperit),
Chlorvinylarsindichlorid(=Lewisit), Aethylarsindichlorid (= Dick),
Methylarsindichlorid]
 
Bericht:
 Frühling 1922.  Ich komme an einem Märzmorgen zu den Arbeitern, die auf dem
Gasplatz  Breloh  seit  langer  Zeit  Gelbkreuzgranaten  entlaborieren.  Die
Frühlingssonne  scheint,  sie  scheint so schön und doch so erbarmungslos in
die  Gesichter.   Ich  erschrecke:  Wie sehen die meisten Arbeiter aus?  Was
mir  die  ganzen Wintermonate über nicht aufgefallen war, fällt mir heute im
hellen  Licht  der  Frühlingssonne  auf.   Obwohl  doch  der Arbeitstag erst
beginnt,  machen  so  viele Arbeiter einen so müden, elenden, hinfälligen Ei
ndruck;  besonders die älteren Leute sehen so schlecht aus.  Ihre Stimme ist
heiser,  fast  tonlos;  Die  Augen  sind geötet und schimmern etwas gelblich
durch;  der  Blick  ist  müde und an den Händen sind überall kleine eiternde
Schwären, die zum Teil notdürftig
 verbunden sind.  Ganz besonders macht mir der Arbeiter B.  Sorge, ein sonst
kräftiger,  gesunder  Mensch.  Er ist auffallend abgemagert.  Ich frage, was
mit  ihm  ist.   Er  weiß  so  recht keine Antwort zu geben; in letzter Zeit
"hänge  ihm  das Zeug so am Leibe"; trotzdem er gutes Essen hätte, magere er
immer  mehr  ab,  und  die  kleinen  Spritzer und "Dinger" auf der Haut, die
früher noch abgeheilt wären, wollten überhaupt nicht mehr heilen.
 Was   ist   mit   diesen   Arbeitern?    Durch  die  monatelange  Einatmung
allergeringster  Spuren  Gelbkreuz (Dichlordiethylsulfid) ist eine langsame,
fast  unmerkliche  Schädigung im Gesamtstoffwechsel eingetreten, die sich in
einem allmählichen Kräftezerfall äußert .
 Ein  rätselhaftes  Gift!   Wenn  man  diese  Arbeiter  aus  den  Betrieben
hinausnimmt  und sie besonders gut ernährt, dann erholen sie sich zwar, aber
sehr  langsam,  oft  erst  nach  Monaten.   So  zeigt  sich  die  chronische
Einwirkung geringster Gelbkreuzspuren auf den menschlichen Organismus.
 Die  akute,  plötzliche Einwirkung ist aber noch bedeutend schlimmer.  Wenn
Gelbkreuz    (Dichlordiethylsulfid)    in    Substanz    direkt    auf   die
Körperoberfläche,  also  besonders  auf  die Haut, kommt und wenn flüchtiges
gasförmiges Gelbkreuz eingeatmet wird, dann ist
 die   Wirkung  noch  viel  augenfälliger  und  verheerender  als  bei  der
chronischen Einwirkung.
 Werfen  wir deswegen - ehe wir vom Gasplatz zurückkehren - noch einen Blick
in die Revierstube, in der mehrere akut verletzte Gelbkreuzkranke liegen.
 Es  herscht  in  dem  Krankenzimmer  eine  gedrückte Stimmung.  Die Kranken
tragen große Verbände.  Die Augenlieder der Kranken sind zum Teil vollkommen
verquollen,  auch die Gesichter sind verquollen und aufgedunsen.  Die Stimme
ist  tonlos,  der  Husten  ist  bellend  und  heiser.   Die  Kranken  liegen
zusammengekauert  da,  mißmutig  und  verzweifelt.   Sie murmeln und stöhnen
leise  vor  sich  hin.   Sie sind so gar nicht zugängig für ein freundliches
Wort.   Wenn  man  sie  neu verbinden will, dann bitten und flehen sie:  nur
nicht  an den Verbänden rühren; nur nicht neu verbinden!  Denn sie hätten so
gräßliche Schmerzen.
 Es   gibt   Kranke,  die  schon  monatelang  hier  im  Revier  liegen.   So
außerordentlich  schlecht  heilen die Wunden.  Das ist die akute Wirkung von
Gelbkreuz (Dichlordiethylsulfid) auf den menschlichen Organismus.
 Während  bei  den  Grünkreuzkampfstoffen  (Phosgen,  Perstoff, Chlorpikrin,
Chlor)  sich häufig das Schicksal eines Kranken in den ersten 24 Stunden zum
Guten  oder  Schlechten  entscheidet,  so  daß  wir schon nach wenigen Tagen
verhältnismäßig  gesunde  Menschen  vor  uns  haben  können, ziehen sich die
Folgen  der  Gelbkreuzschädigungen  oft monatelang hin.  Dieser Kräftverfall
und  diese  Wunden,  die  Wochen  und Monate zum heilen brauchen, machen den
Verletzten außerdem so wenig widerstandsfähig gegen andere Krankheiten.
 Bei  Grünkreuz gibt es vor allen Dingen keine Hautverletzungen, sondern die
Grünkreuzkampfstoffe  sind  reine  Einatmungsgifte,  während  Gelbkreuz  uns
Menschen  nicht  nur  durch  die  Einatmung mit allen ihren Folgen schädigt,
sondern  ganz  besonders  auch  die  Hau  t aufs schwerste verletzt, die bei
Einwirkung von Grünkreuzkampfstoffen vollkommen intakt bleibt.
 So ist Gelbkreuz (Dichlordiethylsulfid) wohl das gefährlichste und auch das
rätselhafteste Gift von allen chemischen Kampfstoffen.  Wir müssen uns damit
eingehend beschäftigen.
 
 
A.  Dichlordiethylsulfid
 
                   CH2-C(-Cl)2
                  /
                 S
                  \
                   CH2-C(-CL)2
 
Deutsch:   Gelbkreuz,  Lost.   Englisch:  Mustard Gas=Senfgas.  Französisch:
Ypérite.
 
1.  Historisches - Kriegstechnisches - Chemisches
 
Dichlordiethylsulfid  ist  ebenso  wie  Phosgen  schon  lange vor dem Kriege
bekannt  gewesen,  wenn es auch in der chemischen Industrie keine Verwendung
gefunden hat.
 Vieleicht hat schon Richie 1854 diese chemische Verbindung in unreiner Form
gekannt.  Im Jahre 1860 erhielt A.  Niemann durch Einwirkung von Ethylen auf
Chlorschwefel   eine    Flüssigkeit,   die   nach   seiner   ausgezeichneten
Charakteristik zu urteilen - unreines Dichlorethylsulfid gewesen sein muß.
 Auch   der   englische   Chemiker  Guthrie  scheint  im  Jahre  1860  schon
Dichlordiethylsulfid  in  unreiner Form gefunden zu haben.  Aber erst Victor
Meyer  war  es, der in Jahre 1886 Dichlordiethylsulfid rein dargestellt hat.
Einige  Jahre  darauf  hat dann der Augenarzt Theodor Leber mit diesem Stoff
Versuche  an  Augen  angestellt.   Aber dann ist es still geworden um diesen
Stoff, besonders wohl, weil das Experimentieren mit ihm als recht gefährlich
erkannt  war.   Erst  als im Jahr 1917 in Deutschland die Frage nach einem D
efensivkampfstoff  akut  wurde, besann man sich wieder auf diese gefährliche
chemische Verbindung.  Sie wurde in der Nacht vom 12.  zum 13.  Juli 1917 in
der Flandernschlacht bei Ypern - daher heißt sie in der Welt auch "Yperit" -
von  den  Deutschen  in den Gaskampf  eingeführt.  Dieser Kampfstoff war für
das Deutsche Reich während des Krieges ein außerordentlich wichtiger Helfer,
besonders  in  der  Defensive.  Den Gegnern gelang die Herstellung in großen
Mengen zunächst nicht.
 Frankreich  stellte  dann  vom  Juli  1918 an täglich etwa 20 Tonnen dieses
Kampfstoffes her und verschoß diesen Kampfstoff auch in größeren Mengen.
 Wegen  seiner geringen Flüchtigkeit wurde Dichlordiethylsulfid im Feld fast
ausschließlich  durch  die  Artillerie  verschossen,  gelegentlich aber auch
durch  Gas-  und  Minenwerfer.   Die beim Explodieren der Gelbkreuzgeschosse
entstehenden Kampfgaswolken wirken
 nicht  nur auf die Atmungsorgane, sondern auch auf die Haut.  Diese Wirkung
ist  um  so  unangenehmer,  da  die Schädigung sich häufig erst nach Stunden
bemerkbar  macht.   Dichlordiethylsulfid kann bei trockenem Wetter tage- und
wochenlang  im  Gelände  liegen  bleiben,  ohne an Kraft einzubüßen, so dass
selbst dann noch schwerste Verletzungen hervorgerufen werden können.
 Aus    diesem    Grunde    ist    dieser   Kampfstoff   der   Typus   eines
Defensivkampfstoffes     geworden;     denn    das    Betreten    des    mit
Dichlordiethylsulfid  vergifteten Geländes ist mit größter Gefahr verbunden.
Wie  lange  sich Dichlordiethylsulfid halten und dann noch Schaden anrichten
kann,  dafür  ein  Beispiel:  Bekanntlich flogen bei der großen Exlosion auf
dem  Gasplatz  Breloh  am  24.   Oktober  1919  48  Gebäude  der  Grün-  und
Gelbkreuzwerke  in die Luft.  Bei den Aufräumungsarbeiten in den Jahren 1919
wurden  im wesentlichen nur Granaten, Kampfstoffbehälter, und was sonst noch
gefährlich  war,  beiseite geschafft und vernichtet.  Ziegel, Zement, Schut,
Mörtel  blieben  zum  großen Teil liegen.  In den Jahren 1933/34 wurden dann
von  Arbeitsfreiwilligen  die  alten  Fundamente  der Gebäude, Zementblöcke,
Ziegelsteine  usw.   weggeräumt.   Bei diesen Aufräumungsarbeiten haben sich
einzelne Arbeitsfreiwillige noch Hautschäden durch Gelbkreuz zugezogen, also
noch  14-15  Jahre  nach  der  Explosion.   Das  poröse Baumaterial (Ziegel,
Mörtel,  Mauerwerk usw.) hatte wahrscheinlich bei der Explosion das flüssige
Dichlordiethylsulfid   in   sich   aufgesogen,   und  beim  Zerschlagen  und
zertrümmern  der  Baustoffe  durch  die Arbeitsfreiwilligen traten - für das
Auge  unsichtbar  -  Spuren  wirksamen Gelbkreuzes zutage.  Es handelte sich
hierbei  selbstverständlich  um  tiefliegene  Trümmer,  die  den Witterungs-
einflüssen  der  Luft  usw.   nicht  ausgesetzt  waren.   Aber  es  ist doch
bemerkenswert,  daß der Kampfstoff überhaupt noch nach so langer Zeit wirken
konnte,  ein  Zeichen  für  seine  große Haltbarkeit und Beständigkeit unter
günstigen  Bedingungen.   Natürlich  hatte  die  Kraft  der  Wirkung  nach-
gelassen,  aber  immerhin  vermochte  der Kampfstoff doch noch Blasen an den
Händen hervorzurufen; aber zu einer nennenswerten Tiefenwirkung besonders zu
G  ewebseinschmelzungen  (Nekrosen  usw.)  kam  es  nicht.  Doch die Heilung
dauerte im Durchschnitt noch 10-18 Tage.
 Über  der  ganzen  Arbeitsstätte  lag immer ein leichter charakteristischer
Gelbkreuzgeruch.   Diese  Spuren  Gelbkreuz  in  der Luft riefen bei einigen
Arbeitsfreiwilligen    noch   Kehlkopfkatarrh   (Heiserkeit)   und   leichte
Augenbindehautentzündungen   hervor.   Die  deutschen  Geschosse,  die  mit
Dichlordieethylsulfid  gefüllt  waren,  trugen  im  1.  Weltkrieg ein gelbes
Kreuz, daher wurde dieser Kampfstoff als "Gelbkreuz" bezeichnet.
 Es  gibt  verschiedene  Herstellungverfahren;  meistens  geht  man  aus vom
Thiodiglykol,   das   mit   konzentrierter   Salzsäure   verestert   wird.
Dichlordiethylsulfid  ist  eine wasserhelle Flüssigkeit vom Siedepunkt 215,5
°C, die einen eigentümlichen, unangenehmen, entfernt nach Meerrettich, Senf,
Zwiebeln  erinnernden  Geruch  hat.   Die  Flüchtigkeit (Sättigungs- konzen-
tration)  des  Dichlorethylsulfids bei Atmosphärendruck nimmt mit steigender
Temperatur  zu.   Sie  beträgt  bei 14 °C z.B.  345 mg/m3, bei 39 °C bereits
2980  mg/m3  .  Mit Wasser kann man diese chemische Verbindung kaum mischen,
und  sie  ist  auch darin schwer löslich, während sie in Chloroform, Benzol,
Alkohol  usw.   leicht  löslich  ist.   Mit  Wasser setzt sie sich schon bei
Zimmertemperatur langsam in Chlorwasserstoff (Salzsäure) und Thio- diglykohl
(ungiftig) um nach der Formel:
 
  (ClCH2- CH2)2S + 2 H20 = 2 HCl + (HOCH2-CH2)2S
  Dichlordiethylsulfid Wasser Salzsäure Thiodiglykol(ungiftig)
 
Durch   Oxidationsmittel,  wie  Chlorkalk,  Kaliumpermanganat,  Wasserstoff-
peroxid,  Salpetersäure,  wird  Dichlordiethylsulfid leicht oxidiert.  Durch
siedendes  Wasser wird es schnell zerstört.  Da die Flüchtigkeit des Stoffes
so  außerordentlich  gering  ist,  verrät  er  sich nicht auf der Haut durch
Kältegefühl  oder  durch andere Empfindungen.  Darum empfiehlt es sich, beim
Arbeiten  mit  diesem  Stoff  die Hände immer wieder mit trockenen Chlorkalk
oder  mit  Chlorkalkbrei  abzureiben, selbst dann, wenn man glaubt, keine Sp
uren an den Händen zu haben; wie überhaupt Chlorkalkbrei immer bereit stehen
muß, auch wenn man als Arzt Gelbkreuzkranke behandelt.
 Wenn  man  aber  Chlorkalk  und  kochendes Wasser zur Hand hat und wenn man
außerdem  die  Eigenarten  dieses Kampfstoffes kennt, dann läßt sich mit ihm
trotz seiner Gefährlichkeit und Giftigkeit verhältnismäßig leicht arbeiten.
 
2.  Die Wirkung von Dichlordiethylsulfid auf den Menschen
 
Schädigungen der Haut
 
Wenn  wir  einen  großen  Tropfen  Dichlordiethylsulfid  auf  die Haut eines
Menschen bringen, dann äußert der Patient keine Empfindungen, wie Schmerzen,
Brennen, Jucken, Kältegefühl:  er fühlt und spürt den Tropfen nicht.
 Der  Tropfen  zieht  nur  sehr langsam in die Haut ein.  Wenn er eingezogen
ist,  dann ist oft 2 Stunden lang weder subjektiv noch objektiv auf der Haut
etwas  festzustellen.   Es  ist,  als  wenn nichts geschehen wäre.  Die Haut
sieht  aus  wie jede andere Haut auch ; ganz anders also, als wenn wir einen
Tropfen  einer  Säure  oder  heißen Wassers aufgetropft hätten.  Häufig erst
nach  2  Stunden  beginnt  eine  leichte  fleckförmige  Rötung  sich von der
gesunden Umgebung abzuheben.
 Nach  5-6  Stunden  haben  wir  eine  intensive  Rötung, die nach 13 bis 15
Stunden  blaß wird und sich scharf von der Umgebung abhebt.  Nach etwa 20-24
Stunden  sprießen von der Umrandung des Tropfens, der sich nicht unerheblich
ausgedehnt hat, kleine Bläschen auf.  Diese Bläschen fließen inerinander, so
daß  vereinzelt  größere Blasen entstehen, die wie große Perlen wirken.  Das
ganze blasse Feld in der Mitte ist dann eingefaßt von Perlenschnüren.
 Nach  3  Tagen werden die Blasen an der Peripherie runzlig, der Inhalt, der
flüssig  war,  wird  sulzig; die Blasen schrumpfen immer mehr ein und in der
Mitte  des  Entzündungsherdes  ist  die  Haut  nur  etwas aufgelockert; eine
einzige,  große  Blase  entwickelt sich im Gegensatz zu Lewisit bei Dichlor-
diethylsulfid nicht oder seltener, wenn wir Dichlordiethylsulfid in Substanz
auf die Haut aufgetropft haben.
 Etwa  vom  4.   Tage  an  beginnt  rings  um  den Entzündungsherd sich eine
blaurote  Verfärbung  zu  entwickeln,  die allmählich in eine kupferfarbene,
braune Pigmentierung übergeht (6.- 8.  Tag).  Diese Pigmentierung wird immer
dunkler  und  dehnt sich allmählich ziem lich weit aus, so daß wir z.B.  bei
einer  Verletzung  des  Unterarms diese Pigmentierung häufig über den ganzen
Arm fleckförmig oder geschlossen vorfinden.  Zugleich schwillt der ganze Arm
ödematös und teigig an, auch dann, wenn die Blasen vollkommen erhalten sind,
so  daß  wir  eine  Sekundärinfektion  als  Ursache für die Anschwellung mit
Sicherheit ausschließen können.
 
C.  Chlorpikrin (CCl3NO2)
 
Deutsch:  Klopp.  Französicch:  Aquinite.  Englisch:  Vomiting gas.
 
1.  Historisches - Kriegstechnisches - Chemisches
 
Chlorpikrin  wurde  bereits  1848  von  dem  englischen  Chemiker  Stenhouse
entdeckt,  der  es  durch  Einwirkung von Chlorkalk auf Pikrinsäure erhielt.
Sein  stechender  Geruch  und  die  außerordentliche  Wirkung  auf Augen und
Atmungsorgane  waren  schon  lange vor dem Kriege bekannt.  Im Kriege selbst
waren  es  zuerst die Russen, die im Sommer 1916 ein Gemisch von Chlorpikrin
mit  Sulfurylchlorid zur Geschoßfüllung benutzten, wodurch die Deutschen auf
diesen  Stoff  aufmerksam  wurden.  Von deutscher Seite wurde Chlorpikrin im
Jahre  1916 auch in englischen Granaten festgestellt.  Wir selber setzten es
dann  1916 bei Blasangriffen dem Chlor zu, um die feindlichen Gasmasken, die
damals noch nicht sicheren Schutz gegen Chlorpikrin boten, zu durchschlagen.
 In  großen  Mengen  haben  wir  es  von 1917 an in Granaten in Mischung mit
Perstoff als Grünkreuz I verschossen.  Diese Verbindung (nach amerikanischen
Angaben  65%  Perstoff und 35% Chlorpikrin) wurde von deutscher Seite zuerst
mit großem Erfolg 1917 gegen das italienische Heer verwandt.
 Die  Werke, in denen diese Grünkreuzgranaten, also Perstoff in Mischung mit
Chlorpikrin  (Klopp)  gefüllt   wurden,   hießen  auf  dem  Gasplatz  Breloh
"Klopperwerke".   Die  Alliierten  verschoßen  Chlorpikrin  sehr  häufig  in
Mischungen  von 80% Chlorpikrin mit 20 % Zinntetrachlorid.  Diese Mischungen
nannten die Engländer "NC-mixture".
 Der  Kampfstoff  kann  leicht  aus  Pikrinsäure  und  Chlorkalk hergestellt
werden.  Chlorpikrin ist in reinem Zustande eine farblose, leicht bewegliche
Flüssigkeit,  die  bei  -69,2  °C  erstarrt  und  bei  113  °C  siedet;  das
spezifische Gewicht ist 1,66 g/cm3.  Das technische Produkt, wie es meistens
verwendet  wird,  ist  mehr  oder  minder gelb gefärbt.  Chlorpikrin wird im
Gegensatz  zu  Phosgen  und  Perstoff  durch  Wasser, verdünnte Alkalien und
Säuren  nicht  zersetzt.   In organischen Lösungsmitteln, wie z.B.  Alkohol,
ist  es  leicht  löslich,  in  Wasser  dagegen  fast  unlöslich.  Es besitzt
deutlich  oxidierende  Eigenschaften.   So  verwandelt es das Hämoglobin des
Blutes in Methämoglobin.
 Gaswolken,  die  Chlorpikrin  enthalten,  wirken  auf Pflanzenwuchs ähnlich
schädlich  wie  Phosgen,  aber  die  Pflanzen  erholen sich bald wieder.  In
Friedenszeiten wird Chlorpikrin zur Schädlingsbekämpfung benutzt.
 Durch   seine   stark   reizende  Wirkung  wird  es  schnell  vom  Menschen
wahrgenommen,  so daß Unglücksfälle leicht ausgeschaltet werden können; auch
ist  das  Gas  nicht  brennbar  und  nicht  explosiv.   "Der  Umstand,  dass
Chlorpikrin Gewebe und Pelze nicht angreift, Far ben nicht schädigt und auch
bei  Anwesenheit  von  Feuchtigkeit  Metalle  nicht  ändert,  ebenso wie die
Backfähigkeit  des  Getreides  und  des  Mehles dadurch nicht beeinträchtigt
wird,  würde  dieses  Gas  für  die  Schädlingbekämpfung geeignet erscheinen
lassen.   Seine  Einbürgerung  in  der  Praxis  ist dadurch gehemmt, daß die
Giftwirkung  auf manche Schädlinge zu wünschen übrig läßt und vor allem auch
die Gefahr der Keimschädigung für zahlreiche Sämereien mit sich bringt.  Die
Anwendung des Chlorpikrin für die Hauschädlin gbekämpfung geschieht entweder
durch  die  Zerstäubung  oder  durch Verdampfung.  Gute Erfolge sind erzielt
worden  bei  der Bekämpfung des Kornkäfers, der Mehlmotte, der Schaben.  Die
Wanzen  dagegen zeigen sich sehr widerstandsfähig.  Bei der Wanzenbekämpfung
er  gab sich, daß Chlorpikrin im Vergleich zur Blausäure nur relativ langsam
Diffusionswiderstände  überwindet  und  stark  von  Geweben absorbiert wird.
Darum  gestaltet  sich  auch  die Entlüftung von Räumen, die mit Chlorpikrin
durchgast  sind,  oft  recht  langwierig  (Frickhinger).  Zur Bekämpfung der
Bodenschädlinge ist Chlorpikrin nicht geeignet.  Schwefelkohlenstoff ist ihm
darin weit überlegen.
 
2.  Die Wirkung von Chlorpikrin auf den Menschen
 
Chlorpikrin ist schon bei gewöhnlicher Temperatur sehr flüchtig und reizt in
diesem  Zustande  heftig die Augen und die Schleimhäute der oberen Luftwege,
so  daß  ein starkes Tränen der Augen und ein quälender Husten einsetzt.  An
der  Augenbindehaut,  aber  auch  an  der  Hornhaut  werden  oft hartnäckige
Entzündungen hervorgerufen.
 Nach  amerikanischen  Messungen  muß  der  Mensch schon nach 3 - 30 s seine
Augen  schließen  in einer Atmosphäre, die auf 1000000 Teile Luft nur 2 - 25
Teile  Chlorpikrin  enthält.   Neben  dieser  sehr  stark  reizenden Wirkung
besitzt  Chlorpikrin auch eine große Giftigkeit.  Luft mit 2g Chlorpikrin/m2
enthält,  ist  für  den  Menschen bereits nach kurzer Zeit lebensgefährlich.
Nach  der Einatmung feldmäßig erreichbarer Chlorpikrinkonzentrationen bildet
sich beim Menschen ein entzündliches Lungenödem von fast gleichem Ch arakter
und  von  fast  gleichen  Folgen  wie  bei  einer  Phosgenvergiftung.   Doch
beschränkt sich seine Wirkung - im Gegensatz zu Phosgen und Perstoff - nicht
rein    örtlich   auf   die   Lungen,   sondern   es   wird   wegen   seiner
Nichtzersetzlichkeit resorbiert, so daß es auch noch andere Organe schädigen
kann;  es  ist besonders das Herz und das Zentralnervensystem, die unter der
Giftwikung  -  ganz  besonders  nach  Einatmung höherer Konzentrationen - zu
leiden haben.  Infolge der Schädigungen des Zentralnervensystems treten früh
Schwindel und Benommenheit ein.  Durch die Resorption des Chlorpikrin treten
auch  Störungen  im  Verdauungskanal  auf,  die sich in Magenbeschwerden und
Erbrechen  (daher  der  Name  "Vomiting  gas"  = Brechgas) äußern.  Doch das
Schicksal  des Kranken hängt meistens weniger von der resorptiven Schädigung
als  von  der  örtlichen  Schädigung  der  Lungen, d.h.  von der Schwere des
Lungenödems  ab.   Durch  die  außerordentlich  starke  Reizwirkung wird der
Mensch - im Gegensatz zu Phosgen - frühzeitig gewarnt.
 
 
Grünkreuzkampfstoffe
 
Erstickende Kampfstoffe
 
(Phosgen, Perchlorameisensäuremethylester [=Perstoff], Chlorpikrin, Chlor)
 
Der  9.September  1920  war  ein  schönder  Spätsommertag.   Der  Wind stand
günstig,  die Sicht war gut.  Es war ein Tag, wie ihn die Sprengmannschaften
auf  dem  Gasplatz  Breloh  sich  nicht  besser  wünschen  konnten, wenn sie
Gasgranaten  zu  sprengen  hatten.   Denn  oft tagelang mußten sie - wie die
Mannschaften  eines  Segelschiffes  -  auf  so günstige Bedingungen für ihre
Sprengarbeiten  warten.   Heute  konnte  es  losgehen,  und  so wurde in den
Mittagstunden gesprengt.
 Ich  mußte mittags über Land, um auswärts Sprechstunde zu halten; ich hatte
einen  Kollegen  um meine Vertretung gebeten.  Gegen 6 Uhr nachmittags werde
ich  dringend verlangt:  es sei ein Unglück passiert.  Ich konnte aber nicht
abkommen  und  verwies an meinen Kollegen.  Um 7 Uhr war Telefonschluß.  Ich
konnte  nichts  mehr  erfahren.   Erst nachts kam ich nach Hause.  Ich ahnte
nichts Gutes.  Ich fuhr, ohne anzuhalten, zum Revier des Gasplatzes.
 Alles  schlief.   Ich  ging  in das Zimmer, wo die Schwerkranken gewöhnlich
gebettet  wurden.   Das  Licht ging nicht an.  Ich hatte keine Taschenlampe.
Es war so unheimlich still:  keine Bewegung in den Betten, kein Atemzug.
 Ich tastete mich an das erste Bett.  Ich fühlte eine kalte Hand, ein kaltes
Gesicht.   Vielleicht  ein  Toter?   Im  zweiten  Bett auch ein Mensch, ganz
regungslos und kalt.  Was ist nur los?  Es wird mir schrecklich zumute.  Bin
ich  ängstlich?  Als Arzt ängstlich vor Toten?  Schaurig ist die Nacht.  Ich
taste mich zum Zimmer des Sanitätsgehilfen.  Ich wecke ihn.  Er ist verwirrt
und  ängstlich:   drei  Tote  hätten  wir.  Es wäre schrecklich gewesen.  Es
hätte  alles  zunächst  gar  nicht  so  schlimm  ausgesehen.  Bei Schluß des
Sprengens  habe  sich,  als die Leute zum Teil ihre Gasmasken schon abgelegt
hätten,  der  Wind  plötzlich  gedreht.   Fünf Sprengmannschaften hätten Gas
"geschluckt".   Einer  scheinbar  etwas mehr.  Dieser sei von den andern auf
einer Tragbahre - allerdings fast zwei Kilometer weit - zum Revier getrage n
worden.   Diesem  Schwerkranken wäre es immer schlechter geworden, "die Luft
sei  ihm  ausgegangen"; sie hätten alles mögliche mit ihm anfgestellt.  Ohne
Erfolg.   Auch  zwei  von  den  Trägern,  die eigentlich zunächst gar nichts
gespürt, die sogar den Schwerkranken getragen und hinterher noch kräftig mit
zugefaßt  hätten,  wäre  es  nach  zwei Stunden ganz schlecht geworden.  Sie
hätten  auch  keine Luft mehr kriegen können.  Auch sie wären, trotzdem mein
Kollege  sich  die  größte  Mühe  gegeben  hätte,  unter  ihren  Händen  weg
gestorben.
 Drei  Tote.   Fleißige  Arbeiter.   Ich kannte sie alle gut.  Ich fuhr nach
Hause.  Traurig, erschüttert.  Die Nacht konnte ich nicht einschlafen.
 Was  ist  das für ein Gift, das uns Menschen, wenn wir es eingeatmet haben,
häufig  zunächst  kaum  Beschwerden macht, uns sogar fröhlich weiterarbeiten
läßt  und  uns  dann  nach  einigen  Stunden tötet?  Das sind die Grünkreuz-
kampfstoffe  Phosgen  und Perstoff.  So heimtückisch wirken sie.  Mit diesen
Giften müssen wir uns eingehend vertraut machen.
 
 
Reizstoffe
 
I.Blaukreuzkampfstoffe (Nasen- und Rachenkpfstf.:  ClarkI, ClarkII, Adamsit)
 
Blaukreuz!   Wie  grundverschieden  wirkt  es  im  Vergleich  zu  Grün-  und
Gelbkreuz!  Grünkreuz-Luft-Gemische (Phosgen, Perstoff) können wir einatmen,
ohne  daß  wir  unser Verhängnis und unseren Tod ahnen.  Auch die Dämpfe von
Gelbkreuz  (Lost,  Yperit)  können  wir  einatmen,  ohne  daß wir viel davon
merken;  und  wenn  ein Tropfen flüssigen Gelbkreuzes auf unsere Haut kommt,
dann  spüren  wir  diesen  Tropfen  oft weniger, als wenn ein Tropfen Wasser
unsere Haut benetzt.
 Blaukreuz  hat  nichts  von  diesen  heimtückischen,  schleichenden  Eigen-
schaften.   Die  Beschwerden durch Blaukreuz nach der Einatmung - Husten und
Niesen  kommen  so  schlagartig,  so prompt, so blitzartig; sie sind bereits
kurz nach der Einwirkung so quälend, so unerträglich, daß einem die Sinne zu
vergehen scheinen.
 Wenn   man  in  eine  Blaukreuzatmosphäre   kommt,  in  der  Spuren  dieses
Kampfstoffes  in  der  Luft schweben, dann sieht man nichts in der Luft; die
Luft  scheint  klar und rein zu sein.  Aber was wird plötzlich mit uns?  Wir
müssen  niesen,  husten,  die  Augen  tränen,  der  Speichel rinnt, die Nase
fließt, uns wird ganz übel.  Husten und Niesen steigern sich immer mehr; wir
möchten  gern  sprechen,  aber  wir  können  es  nicht  wegen des gräßlichen
Hustens,  und wenn wir tiefer einatmen, dann werden die Beschwerden nur noch
unerträglicher.   Bald  dröhnt  uns  der ganze Kopf; die Zähne, die Kiefer
schmerzen,  die Luft scheint und auszugehen, es befällt uns eine beklemmende
Angst.   Wir  haben  nur  den  einen  Wunsch,  aus dieser Atmosphäre heraus-
zukommen.   Und wenn wir wieder in der reinen, frischen Luft sind, dann sind
alle diese unerträglichen Beschwerden bald, meistens schon nach einer halben
Stunde,  verschwunden.  Wir sind erlöst.  Gott sei Dank, es geht uns besser!
Nichts  bleibt  meistens  zurück, wie bei heimtückischen Grün- und Gelbkreuz
kampfstoffen,  deren  Wirkung  häufig  erst dann einsetzt, wenn wir glauben,
schon alles überstanden zu haben.
 Wenn natürlich hohe Konzentrationen auf uns einwirken, dann können wir auch
krank  werden.  Aber, da durch die Gegenwart von Blaukreuz die Luft gespickt
ist  mit  Warnungssignalen,  so  werden  wir  rennen  und  laufen, um dieser
entsetzlichen  Atmosphäre  zu  entrinnen.   Bei  den  Grün-  oder Gelbkreuz-
kampfstoffen  fehlen  diese  Warnungssignale  häufig  fast  ganz,  und darum
erliegen   wir   auch  so  leicht  den  Einwirkungen  der  Grün-  und  Gelb-
kreuzkampfstoffe.
 Wenn Blaukreuz in Substanz (fest oder flüssig) auf unsere Haut oder auf die
Schleimhäute einwirkt, dann treten meistens bald heftige Schmerzen auf.  Wir
wissen  also  fast  augenblicklich,  daß wir verletzt sind und können sofort
Gegenmaßnahmen  ergreifen.   Darum  kommt  es meistens nicht zu langwierigen
Erkrankungen.
 Diese  Kampfstoffe,  die  uns  Menschen bis zur Unerträglichkeit quälen und
peinigen,  wenn sie uns auch selten töten, müssen wir deswegen besonders gut
kennenlernen,  weil  sie  in zukünftigen Kriegen sicherlich eine große Rolle
spielen werden.  Denn man braucht von diesen Kampfstoffen nur geringe Mengen
anzuwenden,  um  uns  den  Aufenthalt  im Freien wie in geschlossenen Räumen
unerträglich  zu  machen,  während  man  von  Grün- und Gelbkreuz erhebliche
Mengen  im  Freien  verschießen  muß,  um wirksame oder gar tödliche Konzen-
trationen zu erreichen.
 Diesen    Nasen-   und   Rachen-Reizstoffen   in   Verbindungen   mit   den
Augenreizstoffen  wird  man  für  den  Zukunftskrieg  vom  kriegstechnischen
Standpunkt  eine  äußerst  günstige  Prognose  stellen  können.  Denn da, wo
Blaukreuz  in  der Luft ist, wird bald alles in Verwirrung gebracht und jede
Arbeit  bald  ruhen.   Wir müssen auch damit rechnen, daß man in zukünftigen
Kriegen  versuchen  wird, die Menschen mit Blaukreuz, weil es durch kleinste
Undichtigkeiten  hindurchdringt,  aus ihren gassicheren Unterständen heraus-
zujagen, um sie dann den tödlich wirkenden Grün- und Gelb- kreuzkampfstoffen
auszusetzten.   Also ein eminent wichtiger Kampfstoff!  Wenn schon geringste
Spuren  dieses  Kampfstoffes durch irgendeine undichte Stelle einer Gasmaske
hindurchdringen, dann sind wir gezwungen, die Maske wegen des unerträglichen
Hustens  und  Niesens  abzureißen:   und  damit  ist  unser Schicksal nur zu
schnell besiegelt.  Denn schutzlos sind wir dann den tödlich wirkenden Grün-
und  Gelbkreuzkampfstoffen  preisgegeben,  wenn  sie zu gleicher Zeit versch
ossen werden sollten.
 
B.  Diphenylarsincyanid (Clark II) (C6H5)2As.CN)
 
Das  Diphenylarsinchlorid  ist ein farblose, kristalline Masse, die entfernt
nach  Knoblauch, wie auch nach Buttersäure riecht.  Ihr spezifisches Gewicht
ist  1.45  g/cm3.   Sie  schmilzt  bei  31.5  °C  und siedet bei 346 °C.  Im
Gegensatz  zu  Clark  I  wird diese Verbindung durch Wasser nur sehr langsam
zersetzt.   Die Flüchtigkeit des Clark II ist ebenfalls geringer als die des
Clark  I  und  beträgt  bei 20 °C nur 0.1 mg/m3.  In den meisten organischen
Lösungsmitteln (wie Benzol, Alkohol usw.) löst sich Clark II auf.
 Das  Diphenylarsinchlorid  ist  neben  Adamsit einer der wenigst flüchtigen
Kampfstoffe.   Darum  muß  er  im  Kriege, wenn er voll zur Wirkung gebracht
werden  soll,  durch eine starke Sprengladung im Geschoß künstlich zerstäubt
werden.   (Gasbrisanzgeschosse).   Der bei Abkühlung entstehende feine Staub
drang,  ebenso  wie der von Clark_I, durch die gewöhnliche Gasmaskeneinsätze
hindurch,  wenn  sie  nicht  noch  besonders durch "Schnappdeckel" gesichert
waren.  Heutige Filter sind jedoch dagegen gesichert.
 Die  Wirkung  des Diphenylarsincyanids auf den Menschen entspricht ungefähr
der  des  Diphenylarsinchlorids,  nur  ist  die  Reizwirkung  dieses Stoffes
erheblich stärker und hält bedeutend länger an.
 Clark   II  ist  der   stärkste  Reizstoff  vom  Blaukreuztyp.   Wenn  eine
Konzentration von 0.005 mg/m3 vorhanden ist, ist der Geruch schon bemerkbar,
dann  Rachenreiz,  Kopfdruck,  Ohrenschmerzen,  Zahn-  und  Kieferschmerzen,
heftiges Niesen.  Die Erträglichkeitsgrenze liegt bei 0.25 mg/m3 Luft.
 
                            ======== ENDE ========
