Im Mai 1960 wurde Eichmann in Argentinien, wo er nach dem zweiten Weltkrieg untergetaucht war, entdeckt und nach Israel gebracht. Dort wurde er aufgrund seiner Verbrechen gegen das jüdische Volk und gegen die Menschlichkeit und außerdem wegen der Mitglied- schaft in einer verbrecherischen Organisation angeklagt. Am 31. Mai 1962 wurde er gehenkt. Wie auch bei den Arbeiten für "In der Sache J. Robert Oppenhei- mer" bearbeitete Kipphardt viele historische Quellen. Er schrieb das Stück auf Grundlage der Tonbandaufzeichnungen der Verhöre, die Hauptmann Avner Less ab Ende Mai 1960 bis zum Februar 1961 mit Adolf Eichmann im israelischen Gefängnis geführt hatte: "Kip- phardt hat aus den 3564 Seiten Protokollen der über fast ein Jahr und insgesamt 275 Stunden geführten Befragungen Eichmanns einen für Eichmanns Biographie gleichsam repräsentativen Querschnitt präpariert und in jedem Falle komprimierend und konzentrierend eingegriffen." Kipphardt studierte Eichmanns Sprache also genau und ließ "sei- nen" Eichmann in der selben spechen, was den Anspruch des Doku- mentarischen noch verstärkt. Viele Passagen aus den Protokollen wurden wortwörtlich übernommen. Typisch für das Dokumentartheater sind wieder die Verwendung der bühnentechnischen Mittel. Kipphardt fügt Zwischenszenen ein, wie zum Beispiel Szene 13, in der in Form eines Monologes des Hauptmann Chass Eichmann charak- terisiert und sozusagen erklärt wird. Außerdem wird die Authentizität des Stückes durch das Zeigen von Filmdokumenten (Teil I, Szene 18) und das Abspielen von Tonbän- dern der Verhöre (Teil I, Szene 14) untermauert. Die Fernsehfassung von Kipphardts Stück "Joel Brand - Die Geschichte eines Geschäfts" wurde erstmals im November 1964 im Westdeutschen Rundfunk ausgestrahlt. Am 5. 10. 1065 wurde "Joel Brand" unter der Regie von August Everding an den Münchner Kam- merspielen uraufgeführt. Das Stück "Joel Brand - Die Geschichte eines Geschäfts" handelt von dem Versuch der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg, jüdische Bürger gegen Bargeld oder Waren einzutauschen. Als Verhandlungspartner stehen sich Adolf Eichmann und der der jüdischen Untergrundorganisation Waada angehörende Joel Brand gegenüber, der den Alliierten das Angebot, eine Million Juden gegen 10 000 Lastwagen einzutauschen, unterbreiten soll. Wegen zahlreicher bürokratischer Hindernisse kann Brand seinen Auftrag nicht erfüllen und wird vom britischen Geheimdienst verhaftet. Dieses Stück, das von vielen nicht als Dokumentarstück akzeptiert wird, ist in 22 Szenen unterteilt. Anders als die beiden erstge- nannten Werke ist es nicht als Prozeß gestaltet. Die Orte des Geschehens wechseln ständig. Schauplätze sind zum Beispiel Eich- manns Arbeitszimmer im Hotel Majestic in Budapest (1. Szene) oder das Büro des Secret Service in einer arabischen Villa in Kairo Kipphardt bearbeitete auch in diesem Fall wieder zahlreiche Quel- len, wie zum Beispiel Brands eigene Aufzeichnungen und "Die Geschichte von Joel Brand" von Alex Weissberg. Trotzdem ist, "was im Stück angeboten wird, [nur] eine glaubwürdige Darstellung vom wahrscheinlichen Verlauf der Ereignisse, aber wenig Erklärung über die historischen Hintergründe." Vor allem in den 60er Jahren war das Dokumentartheater sehr beliebt. Trotzdem ist dieses Genre nicht unumstritten. Oft wird der Vorwurf laut, dokumentarisches Theater sei nicht dokumentarisch, sondern im Gegenteil Ge- schichtsverfälschung. Durch Montage sei die Authentizität der Stücke nicht gewährt und den Autoren wird "mangelnde Fakten- treue" vorgeworfen: "die irrige Annahme, Kipphardt habe sich getreu an die ihm vorliegenden Quellen gehalten und diese in Aus- zügen wörtlich wiedergegeben, verführt nicht selten dazu, die szenische Realität mit der geschichtlichen Wirklichkeit zu iden- tifizieren, historische Personen und Bühnenfiguren unbekümmert gleichzusetzen. Dabei werden in der Regel jene grundlegenden Veränderungen ignoriert oder vernachlässigt, die sich durch die dramatische Gestaltung ergeben und die aus der spezifischen Akzentuierung der thematisierenden Problematik durch den Autor erwachsen." Bedenkt man, daß Kipphardt ein Stück (In der Sache J. Robert Oppenheimer) mit einem von ihm erfundenen Schlußwort der Haupt- person beendet, ist dieser Vorwurf sicher berechtigt (vgl. außer- dem Anhang S. 26 und S. 30). Ein weiterer Kritikpunkt ist das ästhetische Problem. In seiner Kritik zur Uraufführung von Kipphardts "Oppenheimer" schreibt Urs Jenny: "Für die Freunde des Edlen und Schönen liegt der Fall klar: Ein gutgemachtes Stück, gewiß, aber das hat doch nichts mit Kunst zu tun!" Auch Wolfgang Ignie stellt über "Bruder Eichmann" fest: "mit Kunst und Schönheit, wovon meist auf der Bühen die Rede ist oder sein sollte, hat das Ganze herzlich wenig zu tun." Doch welche Möglichkeiten gab es und gibt es, das Publikum mit seiner Geschichte zu konfrontieren und es anzuregen, über sie nachzudenken? Ich meine, daß der Versuch, die Vergangenheit und auch die Gegen- wart mittels des dokumentarischen Theaters zu verarbeiten, kein schlechter war. Wenn auch der Inhalt der Stücke nicht immer haargenau mit dem geschichtlichen Geschehen übereinstimmt, so wird der Zuschauer doch veranlaßt, sich mit gewissen Tatsachen auseinanderzusetzen, die aufgrund des dokumentarischen Anspruchs nicht zu leugnen sich. Es werden Denkanstöße gegeben, denn das Publikum kann nicht umhin, das Gespielte als seine Geschichte zu akzeptieren.