


                                Mondnacht
                              -------------

          Ein schmaler, weißer Strahl durchbrach die Vorhänge,
          schien sich an ihnen vorbeizustehlen. Kleine weiße
          Punkte tanzten auf ihm, bildeten Kreise, geschwungene
          Linien, Sterne und viele andere Zeichen, die ich nicht
          deuten konnte.

          Doch es waren keine gewöhnliche Punkte, so wie Staub,
          auf den Sonnenlicht fällt. Diese Punkte tanzten auf dem
          Lichtstrahl umher. Und sie leuchteten aus sich heraus,
          nicht, weil das Mondlicht sie beschien. Das sonst ruhige,
          dunkle Zimmer wurde vom Lichthauch des Mondes bewegt,
          dem Licht der Elfen.

          Lange saß ich dösend im Sessel, das aufgeschlagene Buch
          auf den Knien vergessen, und sah dem Schauspiel zu.
          Dann erhob ich mich langsam und ging zum Fenster, um
          mehr von dem Licht dieser Nacht zu erhaschen.

          Alte Sagen fielen mit ein, Sagen, die von Andergat er-
          zählten, von der Zeit, als die ersten Siedler von jenseits
          des Meeres kamen. Was hatte ich in meiner Kindheit nicht
          alles an Geschichten gehört, Erzählungen von fürchterlichen
          Ungeheuern, die von unerschrockenen Helden besiegt wurden,
          von Kobolden und Elfen. Am meisten hatten mich die Sagen
          von den Elfen beindruckt, die Geschichte über die Tänze,
          die zu einer bestimmten Jahreszeit im Scheine des Vollmonds
          stattfanden. Damals war diese Märchenwelt mir so lebendig
          erschienen, daß ich meinte, in Vollmondnächten die Elfen
          singen zu hören.

          Warum war ich jetzt aufgestanden? Was hatte mich unwider-
          stehlich zum Fenster gezogen? Ich war mittlerweile ein
          alter Mann, meine Kindheit war längst vorbei und ich hatte
          gelernt, zwischen Fantasien und Wirklichkeit zu unterscheiden.
          Während ich diesen Gedanken nachhing, näherte ich mich dem
          Fenster.

          Noch immer tanzten die Punkte auf dem Mondstrahl - doch
          waren es wirklich Punkte? Meine Augen hatten lange
          schon ihre einstige Schärfe verloren und ich versuchte
          vergebens, mehr zu sehen als leuchtende Punkte, die sich
          tanzend auf einem Mondstrahl bewegten. Langsam kam ich
          näher und nun glaubte ich, statt der Punkte kleine Wesen
          zu sehen, die fast durchsichtig zu sein schienen. Mal
          leuchteten sie wie das Mondlicht, plötzlich waren sie wieder
          verschwunden.

          Ich wagte es schließlich und griff mit zitternder Hand 
          nach dem Vorhang. Zaghaft und äußerst vorsichtig schob
          ich den schweren Stoff auseinander. Nun fiel das Mond-
          licht ungehindert durch die kleinen Glasfenster meines
          Gemaches.

          Draußen sah ich die volle Scheibe des Mondes. Sie stand
          hoch über der baumlosen Ebene. Es war kaum Frühling
          geworden und das Land begann gerade wieder, zum Leben
          zu erwachen. Strahlend klar hing die Scheibe da, breitete
          um sich einen Kranz silbernen Lichtes, ohne dabei die
          Sterne ringsum zu stören, und erhellte den Boden in
          milchigen Fluten.

          Nun, was ich soweit beschrieben habe, war nur, was jeder
          von Euch in einer wolkenlosen Mondnacht, sei sie nun im
          Frühling oder zu jeder anderen Jahreszeit, beobachten kann.
          Doch ich will Euch erzählen, warum diese Nacht so schön
          war wie keine zuvor in meinem Leben und auch keine nach
          ihr.

          Vor meinem Haus stand ein Baum und steht dort noch immer.
          Es ist eine Elfenie. Es mag viele unter Euch geben, die
          sagen werden, daß ich mir die Geschichte nur ausgedacht
          habe. Keiner von Euch wird jedoch bestreiten können, daß
          es diesen Baum gibt.

          Die Elfenie ist hierzulande selten zu finden, und noch
          seltener kommt es vor, daß man sie in voller Blüte sieht.
          Von den Sagen und Märchen meiner Kindheit rankten sich
          manche um diesen Baum. Doch damals, Jahrzehnte ist es nun
          schon her, da hatte ich diesen Baum nicht etwa gepflanzt,
          weil ich hoffte, mich an einem derartigen Schauspiel zu
          ergötzen, wie es sich mir nun bot, nein, ich hatte ihn
          gepflanzt, weil mir seine langen, feingliedrigen Blätter
          und der schlanke, reinweiße Stamm so gefallen hatten,
          daß ich mich nicht von diesem Anblick trennen konnte.
          Also nahm ich eine Elfenie als Andenken an eine meiner
          vielen Reisen mit und pflanzte sie hier ein.

          Für die unter Euch, die, wie ich den ungläubigen 
          Gesichtern entnehmen, die Sage von der Elfenie nicht
          kennen, will ich diese nun kurz erzählen.

          Damals, vor langer, langer Zeit, als im Anderland
          Friede herrschte und dieses Land noch gar nicht entdeckt
          war, damals, als es noch keine Menschen auf der Erdenplatte
          gab, in jener Zeit entstand aus einem Wassertropfen, auf
          den ein Mondstrahl fiel, die Elfenie. Auf der Erde waren
          damals noch die Drei Urgewalten an Werk, denn die Erden-
          platte war gerade erst erschaffen worden und noch nicht
          lange aus der Esse. Dennoch wuchs und gedieh die Elfenie,
          aber sie zeugte keine Kinder und so blieb sie allein auf
          der Erde. Nach vielen Jahrzehnten hatte der Mond schließlich
          ein Einsehen. Wieder stand die Elfenie in einer Vollmond-
          nacht in voller Blüte. Ihre langen, kelchförmigen Blüten
          sammelten den Tau der Nacht, um dann am nächsten Morgen 
          im Licht der Sonne sich wieder zu Wasser zu verwandeln,
          so daß der Baum wieder wie jeder gewöhnliche aussah.
          Doch in dieser Nacht überschüttete der Mond den Baum mit
          einer wahren Flut seines Lichts, das erneut den Tau
          durchdrang, sich in ihm sammelte und mit ihm verband.
          In jeder Blüte entstanden so tausende und abertausende 
          von Elfen, nach dem Baum so benannt. Sie halfen dem
          Baum, pflegten seine Blüten, ließen Früchte entstehen
          und verteilten diese mit den Winden über das ganze Land.
          Man sagt, daß auch heute noch jede Elfenie tausende von 
          Elfen beherbergt, die sie behüten, sich aber nur im Lichte
          des Vollmonds zeigen, wenn die Elfenie in voller Blüte
          steht.

          So erzählte mir meine Mutter die Sage, wie sie sie von 
          ihrer Mutter und diese wiederum von meiner Urgroßmutter
          gehört hatte. Ich hatte nicht mehr an diese Sage geglaubt,
          seit ich erwachsen war, doch in dieser Nacht wurde ich
          eines Besseren belehrt.

          Vor meinem Haus stand die Elfenie in voller Blüte.
          Alle Blütenkelche waren zum Mond gerichtet. Sie tranken
          sein Licht und schienen regelrecht in den schimmernden
          Mondschein hineinzuwachsen. Doch was noch faszinierender
          war als ihr Anblick, das waren die tausende von Licht-
          punkten, die im Geäst des ansonsten um diese Zeit kahlen
          Baumes von Blüte zu Blüte huschten. Sie tanzten dabei
          zu einer feinen,leisen  Musik, die alles zu durchdringen
          schien.

          Viele werden jetzt erst recht sagen, daß ich auf meine
          alten Tage Märchen erzähle, um Kinder damit zu ergötzen,
          doch nichts läge mir ferner, als hier eine Begebenheit
          zu erzählen, die ich mir in einer launischen Stunde
          ausgedacht habe. Nein - was ich erzähle war wirklich so.
          Ich habe die Elfen tanzen gesehen, auf der Elfenie vor
          meinem Haus, während ringsum alles schlief, bis auf eine
          Katze, die ich auf der Straße in der Nähe der Baumes sah,
          still und bewegungslos der Musik lauschend.

          Langsam begann sich der Horizont rot zu färben, der
          nahende Sonnenaufgang kündete sich an und beendete das
          Schauspiel. Die Blüten begannen, wie in der Sage berichtet,
          im Licht der aufgehenden Sonne durchsichtig zu werden 
          und sich aufzulösen. Als alles vorbei war und der Baum
          wieder wie gewöhnlich aussah, schloß ich die Vorhänge
          und ging zurück zum Sessel. Kaum daß ich saß, fiel ich
          auch schon in einen tiefen, wohligen Schlummer.



                                        ( eines schönen Abends
                                             am Kamin erzählt )

 


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*   Autoren  : Hans-Werner Hennes    Helsinkistr.33        2820 Bremen 77   *
*              Frank Brandt          Burgdammer Ring 4     2820 Bremen 77   *
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*  Geschichten                       Gedichte                               *
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* (!) Vorwort der Übersetzer       (!) Gedicht eines Übersetzers            *
*                                      Land jenseits                        *
* (!) Die Falle                                                             *
* (!) Die Perle                    (!) Die Burg                             *
* (!) Mondnacht                    (!) Kijam aedam / Die gefleckte Wölfin   *
* (!) Die Büste                    (!) Das Mädchen und die Taube            *
* ( ) Herr des Windes              (!) Birkaisueva                          *
* (!) Tiefer See                   (!) Die Spur im Schnee                   *
* ( ) Das Kästchen                 (!) Am Hofe des Königs                   *
* (!) Fenars Reise zur Eiskönigin                                           *
* ( ) Heimkehr aus der Fremde                                               *
* ( ) Drei Gespräche über das Recht                                         *
* ( ) Der Pfad                                                              *
* ( ) Der Leguan von Tros                                                   *
* ( ) Der reiche Kaufmann                                                   *
* ( ) Der Lehrling des Zauberers                                            *
* ( ) Eis und Feuer                                                         *
* ( ) Der Baum war der einzige, stumme Zeuge                                *
* ( ) Der Raub des heiligen Pulvers aus der Weihstatt von Göns              *
* ( ) Die Glocke von Tenoar                                                 *
* ( ) Die Beschwörung des Finstermondes                                     *
* ( ) Schrecken in der Nacht                                                *
* ( ) Der Adler der zerklüfteten Berge                                      *
* ( ) Traum                                                                 *
* ( ) Farn                                                                  *
* ( ) Wispern am Fluß                                                       *
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