‡ ƒ:M A E R C H E N U E B E R E I N E N R T W Z I V Iƒ1 Written by ƒ:SENSELESS '61ƒ1 "Scheisse, jetzt is' mir die Braunuele hingefallen" rutschte es Falko raus. Der strafende Blick des Rettungsassistenten und das Herumdrehen zu dem Schubfach in dem sich neue, verschweisste Braunuelen befanden geschahen gleichzeitig. Falko holte schnell eine der Braunuelen, ein Utensiel das zur Vorbereitung einer Infusion noetig war, hervor, riss die Verpackung auf und reichte sie seinem "Kollegen". Die ungefaehr 20 Jahre alte Frau, die auf der Trage des Rettungswagen lag starrte Falko an; oder nein, sie starrte durch ihn durch. Waehrend der R.A. den Zugang fuer die Infusion legte, eine Nadel in eine Ader der Frau einfuehrte, wirkte Falko so als ob er wissbegierig alles Aufsaugen wuerde, was vor seinen Augen geschah. Aber er haette nicht weiter von seinem Job entfernt sein koennen als er es jetzt war. Das Stueck Fleisch, was da auf der Trage am Atmen gehalten werden sollte, hatte sich schon in dem Augenblick in einen Menschen gewandelt in dem sie an den Einsatzort gekommen waren, und hatte sich damit in etwas geaendert was alles andere als eine gute Arbeitsgrundlage war. Er hatte sich gerade einen Yoghurt aus dem Kuehlschrank geholt und angefangen zu loeffeln, als sein Name und die Mitteilung das es wieder los gehe, gerufen wurde. Leise fluchend trabte er in die Fahrzeughalle der staedtischen Feuerwehr und bestieg den Rettungswagen, der sofort mit Blaulicht losfuhr. "Was liegt denn an, Martin?" fragte er den Fahrer, der zu einer Antwort anhob, diese aber dann doch nicht gab weil er sich ploetzlich auf einen Autofahrer konzentrieren musste, der scheinbar weder Horn noch Blaulicht zu bemerken schien. "He Falko, schau mal nach den Verbaenden, die scheinen mir schon fast durchgesuppt!" riess ihn Peter der RA aus seinen Gedanken. "Junge, Du musst auch schon mal selbst 'n bisschen gucken. Du faehrst jetzt doch bald 'n Monat mit uns." Ja, einen nicht enden wollenden Monat. Es war nach seinem Praktikum im Krankenhaus nicht besser geworden, im Gegenteil. Falko hatte gehofft, das es auf dem Wagen leichter sein wuerde mit den Patienten umzugehen, da diese sich wohl in einer weitaus schlechteren Kondition befinden wuerden als die im Krankenhaus. Es war zwar stressiger auf dem Wagen, aber, so dachte er jedenfalls, es wuerden keine persoenlichen Bindungen entstehen, die einem, auf laengere Sicht, doch ziemlich an die Nieren gehen konnten. All die Leute, die in ihm einen Gespraechspartner suchten, jemanden der sich Zeit fuer sie nahm, jemanden der ihnen ihre aengste nehmen sollte. "Keine tiefen Emotionen investieren. " hatte ihm ein anderer Zivi geraten. Leichter gesagt als getan. Auf dem Wagen war es ihm bis jetzt immer gelungen , die Leibmaschine die vor ihm lag auf Defekte zu ueberpruefen und etwaige Maengel so gut es ging zu beheben. Wie das reparieren eines Autos. Aber heute war es ihm nicht gelungen. Als sie in die Wohnung kamen erwartete sie eine Gruppe junger Leute die sie aufgeregt ins Bad lotsten, in dem ein Maedchen in einer Blutlache lag, noch leicht aus ihren aufgeschnitten Pulsadern blutend. Das meiste Blut auf dem Boden quoll jedoch aus einer haesslich anzusehendcen Wunde am Kopf, die sich die vollschlanke, schwarzhaarige junge Frau wohl bei dem Sturz am Wannerand zugezogen hatte. Offensichlich hatte sich die blasse, in einen wallenden schwarzen Rock und eine weisse Spitzenbluse gekleidete Schoenheit die Pulsadern mit Rasierklingen geoeffnet und war danach bewustlos geworden. Im Fallen hatte sie wohl die Wanne gestreift und Falko war klar, das die Kopfverletzung das schlimmere von beiden uebeln war. Er fragte sich warum sie dieses rote Stueck Stoff die ganze Zeit ueber in der Hand gehalten hatte. Selbst in ihrer Bewusstlosigkeit hielt sie es noch immer fest umklammert. Aber es gab jetzt wichtigeres als das. Martin stellte das Horn an und ueberquerte eine grosse Kreuzung im Schrittempo, da der Feierabendverkehr eingesetzt hatte und er dementsprechend vorsichtig fahren musste. Was konnte sie so ungluecklich, so verzweifelt gemacht haben einen so lauten Hilferuf auszustossen? Falko sah in ihr Gesicht und sein Magen krampfte sich zusammen. Sie war merkwuerdig schoen . Wer oder was koennte einer solchen Frau so wehtun? Fuer sie war der Wunsch zu sterben in den oberen Sphaeren ihres Bewusstsein real gewesen, aber er wusste, dass sie es auf die Art wie sie es versucht hatte keinen Erfolg gehabt haette. "Typischer -Keiner liebt mich- Fall." stellte Peter abfaellig fest, eine Bemerkung fuer die Falko ihm am liebsten einen Faustschlag ins Gesicht versetzt haette. Falko hatte nun die Verbaende an den Handgelenken neu angelegt und der RA hatte die Blutung am Kopf gestoppt. Verdammt sie war schoen. "Nein... nicht... " hatte sie leise gestoehnt als sie zu sich kam und die Maenner in den Grellorangen Jacken bemerkte. "Nein... nicht... " schallte es in seinem Kopf wieder und die Stimme schien ihm das Herz zerreissen zu wollen. Gott, das konnte doch nicht wahr sein. Der RA gab kurze, genaue Anweisungen und nach kurzer Zeit hatten sie die Frau im Wagen. Er schuettelte unwillkuerlich den Kopf um diese Gedanken los zu werden. Aber es klappte nicht. Jetzt oeffnete die wieder stabile Patientin langsam die grossen, braunen Augen. "Oh Mann." fluesterte sie und sah sich in dem Wagen um. Ihr Blick blieb an Falko haengen und sie schauten einander fuer ein oder zwei Sekunden an. In ihren Augen lag das Universum. Gluehte ein Feuer. Schimmerte Liebe. Geborgenheit und Herausforderung. Tausend Fragen und doppelt so viele Antworten . Ein Regenbogen ueber tiefschwarzer See. Der Sinn des Lebens. Sie laechelte kurz und eigenartig und schloss dann wieder die Augen. Martin hatte das Horn abgestellt, denn sie kamen zu ihrem Zielort. Das Tor zur Krankenwageneinfahrt oeffnete sich gerade automatisch fuer einen Krankentransporter, der sofort zuruecksetzte als der Fahrer das Blaulicht sah und so dem Rettungswagen Platz machte. Sie stiegen aus, oeffneten die hinteren Tueren des Wagens und holten die Patientin heraus. Die Beine der Trage klappten nach unten und man rollte sie in die Notfallaufnahme, in der sich sofort ein Arzt und einige Schwestern um sie kuemmerten. Die Schiebetuer zum Behandlungsraum wurde geschlossen . Das sie leben wuerde war sicher, nur wuerde er die Moeglichkeit haben sie wiederzusehen ? Er musste sie wiedersehen. Er hatte dieses Gefuehl seit langer Zeit nicht mehr erlebt, aber diesmal war es staerker , tiefer und kompromissloser als je zuvor. "Komm schon, wir haben gerade Zeit, da koennen wir Mittach in der Kaffeete machen !" toente es an sein Ohr und er wandte sich dem Gang zu, in den seine Kollegen gerade einbogen. Am naechsten Morgen tauschte er seinen Dienst, so das er in dem Krankenhaus Dienst hatte,in das sie gestern die junge Frau eingeliefert hatten. Er war koerperlich muede, denn er wollte und konnte nicht einschlafen in der letzten Nacht. Eine voellig irrationale Angst sie zu vergessen hielt seine Augen offen. Er wuehlte Papier und Kohlestift heraus und versuchte ein Bild zu zeichnen. Jede Linie ihres Gesichts sollte sich in sein Hirn einbrennen. Er wollte nicht aufwachen und vergessen haben. Es hatte Zeiten gegeben in denen er sich ausgelacht haette. Aber das war egal. Sein Magen spielte verrueckt und wetteiferte darin mit seinem Herz. Und immer wieder kehrten ihre Augen in sein Gedaechtnis zurueck. Diese Augen in die er gleich schauen wuerde. Er trat aus der Aufzugskabine und wandte sich dem Schwesternzimmer zu. Als auf sein Klopfen keine Reaktion kam schaute er sich um ob irgendwelche Lampen an den Tueren der Patientenzzimmer aufleuchteten und somit anzeigten, das sich dort eine Schwester befand. Tatsaechlich gluehte ueber einer Tuer am Ende des Ganges eine Lampe. Er machte einige Schritte auf die Tuer zu und hielt apprupt an, als sich die Tuer oeffnete und die Zinkwanne, in der Leichen transpotiert wurden heraus geschoben wurde. Ein Arzt kam langsam durch die Tueroeffnung und ging auf ein Fenster im Gang zu, durch das Sonnenstrahlen hell hineinleuchteten. Er stuetzte sich auf der Fensterbank ab und schaute mit einer Miene die eine Mischung aus Resignation, Trauer, Gereiztheit und aerger zeigte in den tiefblauen Himmel an dem ein paar kleine weisse Wolken vom Wind hin und her geschoben wurden. Er drehte sich um und er wirkte auf eine merkwuerdige Weise verbraucht. Verbraucht, gebraucht, abgenutzt, aber trotzdem noch eine Insel der Realitaet in diesem Meer des Wahnsinns. Ähnlich dem roten Samttuch, ueber das er jetzt abwesend strich und langsam den Gang hinunter schritt. Als er an Falko vorbeikam hielt er inne und schaute ihn an. Er sah dem jungen Mann in die Augen und verstand. Wortlos gab er ihm das Tuch und ging weiter, mit seinen Schritten die einzigen Gereusche verursachend in einer absoluten, kalten Stille, die vielleicht nie wieder weichen wuerde. Written by SENSELESS '61 Note from EDITOR : Eindrucksvoll wie immer, SENSELESS '61. Vielen Dank fuer deinen Support! Ach ja... und tausendmal 'tschuldigung fuer meinen mega-delay. Ich wollte dir wirklich schreiben, hatte aber leider nie genug Zeit (Ausrede?). Aber vielleicht bietet sich ja ab jetzt die Moeglichkeit? Hmmm?…